Milena Agus: Die Frau im Mond

Eine leidenschaftliche Großmutter aus Sardinien

Agus: Die Frau im Mond - Hoffmann und Campe Verlag
Agus: Die Frau im Mond - Hoffmann und Campe Verlag
Eine Enkelin berichtet über das Leben ihrer Großmutter. Sie ist beeindruckt von der Leidenschaft dieser Frau. Der Roman „Die Frau im Mond" wurde zum Bestseller. Rezension

Der Originaltitel lautet „Mal di pietra“ (Steinleiden) und hätte besser zu der Erzählung gepasst als der ominöse deutsche Titel „Die Frau im Mond“. Diese „Geschichte einer leidenschaftlichen Frau“ soll in Italien eine Sensation gewesen sein. In Frankreich war der schmale Band ein Bestseller und auch in Deutschland steht er weiterhin auf der Bestenliste. Woran mag es liegen, dass das Buch so viele Leser findet?

Die Enkelin berichtet über das Leben ihrer Großmutter

Die Erzählung – ein Roman ist es nicht – spielt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf Sardinien. Die Erzählerin berichtet über das Leben ihrer Großmutter, die sehr schön und eigenwillig war. In ihrer Jugend hat sie alle Verehrer in die Flucht geschlagen, weil sie ihnen zu stürmische Liebesbriefe schrieb. In ihrem Heimatdorf galt sie als Verrückte, wurde als solche ausgegrenzt und verspottet und verletzte sich selbst.

Schließlich, es ist das Jahr 1943, bringen die Eltern sie in einer Vernunftehe mit einem ausgebombten Witwer unter. Das Verhältnis der beiden ist äußerst distanziert. Mann und Frau lieben sich nicht, sie bleiben sich fremd. Sie schlafen neben-, aber nicht miteinander. Eines Tages bittet die Großmutter ihren Ehemann, ihr die sexuellen Praktiken seiner Huren beizubringen, damit er sich die Ausgabe fürs Bordell sparen kann. Er tut es, aber Liebe will auch dann nicht aufkommen.

Die große Liebe, Musik und Poesie machen die Frau gesund

Im Sanatorium auf dem Festland, wo sie sich wegen eines Steinleidens eine Zeit lang aufhält, trifft sie ihre wahre Liebe, einen schönen, kriegsversehrten Herrn namens Reduce. Mit einem Schlag ist alles da, wonach sie sich immer gesehnt hatte: Nähe, grenzenloses Vertrauen, Hingabe, Innigkeit, Leidenschaft, gemeinsames Schwelgen in Musik und Poesie. Die „wichtigste Sache der Welt“ entdeckt sie mit ihm – und ist geheilt.

Das Notizheft der Großmutter

In den lieblosen Ehealltag zurückgekehrt, bringt sie neun Monate später einen Sohn zur Welt, den Vater der Erzählerin. Es bleibt offen, wer ihn gezeugt hat. Vom Ehemann hat er das Aussehen, vom Geliebten das musikalische Talent geerbt. Sie erniedrigt sich weiter und spielt die Hure für ihren Mann. Den Reduce sieht sie nie wieder. Die Enkelin, die dieser Großmutter in Liebe und Dankbarkeit zugetan ist, findet nach deren Tod ihr geheimes Notizheft und einen vergilbten Brief des Reduce. Das ist ihr Anlass, das Buch zu schreiben.

Der lakonische Stil von Milena Agus

Eigenwillig ist die Konstruktion der Erzählung. Die Autorin rafft Jahrzehnte in wenigen Worten zusammen. Vieles deutet sie nur an, manches spart sie aus. Gelegentlich bietet sie aber auch drastische Details und lässt ihre Geschichte mit einer überraschenden Wendung enden. Ihr Stil ist lakonisch, von Understatement geprägt. Ungeheuerlichkeiten, die aus den sozialen und politischen Verhältnissen der Zeit entspringen, werden in wenigen nüchternen Worten mitgeteilt. In diesem Kontrast zwischen Inhalt und Ausdrucksform dürfte der Reiz des kleinen Buches liegen.

Milena Agus: Die Frau im Mond. Hoffmann und Campe 2007. Gebunden, 136 Seiten. Euro 14,95.

Ruth Lisa Knapp, Ruth Lisa Knapp

Ruth Lisa Knapp - Nach dem Studium der Germanistik, Anglistik und Philosophie war ich als Lehrerin im In- und Ausland tätig, später als ...

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