Reinhold Miller – Lehrer lernen. Reflexion über ein Kapitel

Millers pädagogisches Arbeitsbuch für Lehreranwärter, Referendare, Lehrer und Lehrergruppen ist anschaulich und bietet viele praktische Beispiele.

Im vierten Kapitel betrachtet Miller gängige Fehlannahmen und deren Konsequenzen im Lehrer- wie im Schülerverhalten. Zunächst behandelt er das Thema Lehrerverhalten und zwar auf sehr kritische Art und Weise.

Lehrer sein ist nicht nur Honiglecken

Miller führt eine Reihe von ambitionierten Vorstellungen und Erwartungen auf, die junge Lehreranwärter möglicherweise haben und stellt diese der Realität entgegen. Er räumt mit verklärten Vorstellungen vom Lehrersein auf und regt an, die eigenen Verhaltensweisen stets zu hinterfragen, zu reflektieren und gegebenenfalls zu verändern. Seine Beispiele möglicher Erwartungen sind aus der Praxis gegriffen. So zeigt er auf wie sich die Vorstellungen einer Gruppe von Lehreranwärtern im Lauf eines Schuljahres modifizierten.

Millers kritischer Blick auf diese Erwartungen und seine Forderungen an alle Lehrer, die persönlichen Vorstellungen immer wieder auf ihre Funktionalität und Angemessenheit zu überprüfen, bieten eine wichtige Orientierungshilfe. Denn so wird bewusst, dass es durchaus normal ist, dass sich Erwartungen nicht erfüllen und möglicherweise alles anders kommt, als man es sich ausgemalt hat. Somit heißt es, nicht zu resignieren und enttäuscht und in der Folge frustriert zu sein, sondern darauf gefasst zu sein, dass das eigene Verhalten immer wieder überdacht werden muss.

Flexibilität im Unterricht

Miller betont, wie wichtig es ist, sich nicht von vornherein auf "gute" Verhaltensweisen festzulegen, sondern die Fähigkeit zu erlangen, "sich auf sich selbst, auf die Schüler und auf die Situationen entsprechend einstellen zu können" (Miller 1993, S. 92). Hat eine Lehrperson diese Flexibilität nicht, kann es im schlimmsten Fall zum Burn-out kommen. Miller spricht das zwar nicht direkt an, gibt jedoch zu bedenken, dass die Lehrperson weit weniger unter Stress stehe, wenn sie weder Supermann/-frau noch "Vorbild ohne Fehl und Tadel" sein müsse.

Miller weist darauf hin, dass die Bereitschaft der Lehrperson, sich auf Situationen einzustellen, auch die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler (und damit ja auch den Lernerfolg) maßgeblich beeinflusst. Dazu bietet er eine Reihe praktischer Aufgaben, mit Hilfe derer die Leserin ihrer eigenen Erwartungen zum "Lehrerbild" reflektieren und auf die Probe stellen kann.

Schülerverhalten – Perspektivenwechsel

Im zweiten Teil des Kapitels nimmt Miller das Schülerverhalten unter die Lupe. Hier geht es Miller nicht um die Veränderung des Verhaltens durch die Lehrperson, sondern um das Wahrnehmen, das Verstehen und schließlich die Hilfestellung zur Verhaltensänderung. Miller gibt zu bedenken, dass Lehrer dazu neigen, Schülerverhalten vor allem unter dem Gesichtspunkt von Störungen wahrzunehmen. Dabei beruft er sich nicht auf Studien, sondern scheint aus eigener Erfahrung zu sprechen. Seine Bedenken, dass diese störungszentrierte Betrachtungsweise die Gefahr birgt, alle anderen Verhaltensweisen wahrzunehmen oder zu fördern, ist nachvollziehbar.

Miller fordert, die Schüler als Lernende zu sehen, die auch im Bereich des sozialen Verhaltens noch lernen und dabei Hilfe brauchen. Besonders anschaulich sind Millers Ausführungen zu voreiligen Interpretationen von Schülerverhalten. Er betont, wie wichtig es sei, Rückfragen zu stellen, sich Feedback zu holen und Feedback zu geben, bevor es zu einer falschen Einschätzung und negativen Konsequenzen komme.

Besonders anschaulich ist das Thema im Buch Lernen von Manfred Spitzer dargestellt.

Lehrer- und Schülerverhalten. In: Reinhold Miller: Lehrer lernen. Ein pädagogisches Arbeitsbuch für Lehreranwärter, Referendare, Lehrer und Lehrergruppen. Weinheim und Basel: Beltz Verlag 1993, S. 89–120.

Mag. Margot Aigner, Margot Aigner

Margot Aigner - Margot Aigner hat Publizistik und Kommunikationswissenschaft in Kombination mit Anglistik/Amerikanistik an der Paris-Lodron ...

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