
- Mirco Schlitter - Polizeipräsidium Mönchengladbach
Etwas mehr als ein Jahr nach dem Verschwinden des kleinen Mirco Schlitter fällte das Landgericht Krefeld das Urteil gegen den Mörder des Jungen: Olaf H. wurde am 29. September 2011 zu einer lebenslangen Haftstrafe mit der Feststellung der besonderen Schwere der Schuld verurteilt. Im Klartext heißt das, dass eine Freilassung nach 15 Jahren selbst bei guter Führung auch zur Bewährung nicht möglich ist. Mit im Saal: Die Eltern des Opfers, das vom ehemaligen Bediensteten der Bonner Telekom am späten Abend des 03. September 2010 erst sexuell missbraucht und nach den Angaben des vor den Ermittlungsbehörden geständigen Täters noch in derselben Nacht zur Verdeckung der Tat getötet wurde. Der Prozess unter Vorsitz von Richter Herbert Luczak (59) begann am 12. Juli 2011. Etwa 40 Zeugen sagten seit dem ersten Verhandlungstag vor der 2. Großen Strafkammer aus. Der Aufklärung des Verbrechens ging eine der aufwändigsten Suchaktionen der Nachkriegszeit voraus, innerhalb der stellenweise bis zu 1.000 Beamte mit der Suche nach dem Jungen beschäftigt waren. Vor allem dem Kriminalhauptkommissar Ingo Thiel und seiner Akribie war es zu verdanken, dass das Verbrechen aufgeklärt werden konnte.
Fall Mirco: Staatsanwaltschaft forderte Lebenslänglich
Schon am 26. September 2011 hatte die zuständige Staatsanwältin Silke Naumann lebenslange Haft und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld gefordert. Der 45-Jährige habe ihren Ausführungen gemäß schon zu Beginn des Tatverlaufs geplant, den Jungen zu ermorden. Die Nebenkläger – Mircos Eltern, vertreten durch die Viersener Rechtsanwältin Gabriele Reinartz – schlossen sich dem Schlussplädoyer der Staatsanwaltschaft an. Der Verteidiger des Verdächtigen, Rechtsanwalt Gerd Meister, plädierte ebenfalls auf eine lebenslange Haftstrafe, bat das Gericht jedoch, von der Feststellung der besonderen Schwere der Schuld abzusehen. Vergeblich, wie sich am Tag der Urteilsverkündung herausstellte.
Der Junge verschwand am Abend des 03. September 2010. Schon im Oktober darauf ermittelte die von Ingo Thiel geleitete Sonderkommission einen Passat Kombi des Typs B6 als Tatfahrzeug. An der Kleidung des Jungen, die der Täter entlang der L39 zwischen Wankum und Grefrath und am Parkplatz Heitzerend westlich von Grefrath aus dem Wagen warf, entdeckten Forensiker Spuren, die aus dem Fahrzeug des Täters und seinem persönlichen Umfeld stammten. Dieses kleine, aber feine Spurenpaket (Zitat Thiel) sollte es möglich machen, den Täter ausfindig zu machen: Am Morgen des 26. Januar 2011 um 6:00 Uhr klingelten die Beamten an der Türe des Familienvaters aus Schwalmtal. Die Leiche selbst wurde bei Kerken gefunden.
Gutachter im Fall Mirco: Dr. Martin Albrecht
Dr. Martin Albrecht, der psychiatrische Sachverständige in diesem Verfahren, hat in seinem Gutachten zu dem Täter festgestellt, dass dieser über eine überdurchschnittliche Intelligenz verfüge, eine gesunde Normalperson sei, ihn aber auch als wenig stressresistent, unsicher und hysterisch eingeschätzt. Als eine Art Unfall, so Albrecht, habe Olaf H. ihm gegenüber die Tat eingestuft; den sexuellen Missbrauch des Jungen aber abgestritten, obwohl er diesen in den Vernehmungen durch die Kriminalpolizei zugegeben habe. Einen pädophilen Hintergrund schloss Dr. Albrecht hingegen aus; nicht jedoch sadistische Züge im Wesen des Täters, dem der Gutachter in fünf Sitzungen begegnet ist und den er für voll schuldfähig hält.
Mit Stress und Spannungen könne Olaf H. nicht umgehen; beruflicher Stress könnte nach Ansicht des Gutachters tatsächlich der Auslöser einer solchen Tat gewesen sein. Genau dies hat Olaf H. zu Beginn der Vernehmungen auch ausgesagt, doch das angebliche Telefonat, das er als Stressauslöser anführte, habe es nach Zeugenaussagen nicht gegeben. Dass der Mörder ein Bild des kleinen Mirco in seiner Zelle aufgehängt habe, sorgte indes für Kopfschütteln. Sein Verteidiger Gerd Meister bestätigte der Bildzeitung: „Es war der Wunsch des Angeklagten, dieses Foto zu bekommen. In tiefer Trauer um den toten Jungen hat er es in der Zelle aufgehängt. So zeigt er sein Mitgefühl.“ Ein Düsseldorfer Prozessbeobachter dazu: „Der Typ verschaukelt alle. Pervers, so was.“
Revision im Fall Mirco als Gedankenspiel des Verteidigers
Verteidiger Gerd Meister ließ der Presse gegenüber verlauten, dass sein Mandant das Urteil erwartet habe sowie Reue und Unverständnis der Tat gegenüber empfinde. Der Anwalt stellte Überlegungen an, Revision einzulegen um vom Revisionsgericht prüfen zu lassen, ob das Urteil verfahrensrechtlich in Ordnung sei. Nach der Urteilsverkündung musste Richter Luczak kurz aufkommenden Applaus eindämmen. Ingo Thiel begrüßte das Urteil und die damit einhergehende Würdigung der Arbeit der Polizei. Zum Täter, so der Beamte in der Lokalzeitung Rheinische Post, würde er gar nichts empfinden; dieser sei ihm egal. Er hoffe, dass die Familie nun ihren Frieden fände, so Thiel, der sich bei seinen Ermittlungen auch auf Handydaten aus der Tatzeit stützte.
Die Gründe, die zur Tat führten, konnten weder Ingo Thiel und die Soko noch die Verhandlung ans Licht des Tages bringen. Richter Luczak führte in der auch von Anwalt Gerd Meister als sehr gut bezeichneten Urteilsbegründung aus, dass das Gericht davon ausgegangen sei, dass Olaf H. Allmacht habe empfinden und ausüben wollen. Deswegen, und nicht um auszutreten, sei er vier Stunden durch den Kreis Viersen gefahren: Er habe nach Überzeugung des Gerichts nach einem ihm körperlich unterlegenen Kind gesucht, das er habe demütigen können. Mirco soll wohl gespürt haben, das ihm etwas Schlimmes passiere: Allein die Qual, die Olaf H. dem Jungen mit der Autofahrt bereitet habe, rechtfertige die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld.
Gründe für die Tat konnten nicht geklärt werden
Die Schwurgerichtskammer, die sich aus drei Berufsrichtern und zwei Schöffen zusammensetzte, war auch überzeugt davon, dass die Tat nicht zufällig begangen worden sei; sie sei geplant und auch kein Teil des Abbaus von beruflichem Stress gewesen. Doch aufgrund des Schweigens vor Gericht und den teils mit Widersprüchen getätigten Aussagen bei der Polizei konnte nicht geklärt werden, wieso und weshalb die Tat tatsächlich ausgeübt wurde. Die Eltern des Opfers hörten der Urteilsverkündung regungslos zu, die von ihrer Anwältin im Fernsehinterview als wichtiger Teil der Trauerarbeit bezeichnet wurde. Einen Tag und einen Monat nach der Tat schloss das Schwurgericht Krefeld mit seinem Urteilsspruch einen vorläufigen Schlussstrich unter den Fall Mirco.
Quelle: Landgericht Krefeld, Staatsanwaltschaft Krefeld
