Wer den Traum vom besten Leben, das er sich auf Erden vorstellen kann, noch nicht aufgegeben hat, sitzt vor diesem Film genau richtig.
"Little Paris": Eigene Träume leben – Lunas Traum vom Tanz
Luna träumt den Traum von der eigenen Tanzkarriere. Allerdings am falschen Ort, und genau das ist ihr Problem. Denn in dem Provinzort "Little Paris“, der seinen mondänen Namen dem ulkigen Nachbau des Pariser Wahrzeichens in der Nähe einer Schlachterei verdankt, ist Luna den falschen Menschen ausgesetzt. Menschen, die ihren Traum von Kühnheit mal etwas zu wagen, über den eigenen Schatten zu springen und deutsches Sicherheitskalkül durch Auswanderung oder Auslandsaufenthalt hinter sich zu lassen, aus Angst nicht leben.
Kaputte Lebenslust in der deutschen Provinz
Lunas Freundin Barbie, Kellnerin und Bardame als Doppeljobberin in einem, verliert sich in ihrer Beziehungssucht und meint, dümmlich-naiv Coco Chanel zitierend, ohne Mann an der Seite nichts wert zu sein. Opfer der Abhängigen ist Wassili, den sie in Tagträumen längst geehelicht hat. Und zwar in all der Zeit, in der sie gewartet hat auf ihn – der sich ein ganzes Jahr lang bei ihr nicht mehr gemeldet hat, um seinen Traum von Geld und Karriere jenseits zu leben – und ihre eigenen Chancen verpassen ließ. Sie ist die tragische Figur in dem Film, repräsentiert vollkommen das klassische Bild der abhängigen, passiven Frau und hat nicht umsonst das passende Outfit zum Namen.
Lunas Freund Ron ist abhängig von Drogen, jagt nur in seiner Vorstellung existierende rosa Kaninchen, und weil er nicht mal mehr das Wort "Traum“ aussprechen kann, zerstört er den von Luna mit Arroganz und Vernachlässigung.
Freundin Eve repräsentiert den auf Sicherheit bedachten Typ, der sich von Freund Stefan die Zukunft als Neubau zimmern lässt. Die Hochzeit ist schon geplant, als plötzlich der attraktive Tänzer "G“ die Gefühlswelt der Provinzmädels tüchtig aufmischt.
Leben heißt, verfickte Chancen zu ergreifen
G bietet Luna ein persönliches Tanztraining an, als Vorbereitung für eine Castingshow zuerst in "Little Paris“ und später in Berlin. Berlin könnte damit das Sprungbrett der Tänzerin in die Welt werden.
Luna beendet ihre Beziehung, löst sich von den ängstlichen Freundinnen und sagt zu.
Während der Proben verändert sich aber nicht nur Lunas Leben, sondern Gs Wilde-Mann-Ausstrahlung bringt die Eheabsichten Eves mächtig ins Schaukeln. Nicht nur Luna hinterfragt ihr Leben, sondern auch Eve ihre bundesdeutschen Sicherheiten: Kind, Mann, Ehe, Hausbau, Krankenversicherung, Umsorgtwerden vom Brotverdiener Nummer eins.
Als Luna ihrem Traum im Film so nah kommt wie möglich, stirbt eine ihrer Freundinnen am nicht erfüllten Glück und verpasst dem Film jene tragische Komponente, die er haben muss, um wachzurütteln.
Miriam Dehnes Film für Landeier mit Hoffnung
Die Regisseurin Miriam Dehne hat ihr Meisterwerk, freigegeben ab zwölf Jahren, allen Provinzeiern gewidmet, die Gefahr laufen, aus genannten Gründen am eigenen Leben vorbeizuleben und erst dann aufzuwachen, wenn der Weg zu Klo und Fernbedienung längst zum Event des Tages geworden ist.
Das Motto des Films lautet "Leben heißt, verfickte Chancen zu ergreifen“. Und gerade, wenn Barbie ins Weltall ihrer ungelebten Träume fliegt, erwacht der zum Leben, der ihn noch in sich spürt: den Ruf der Wildnis nach sich selbst.
"Little Paris": Zu kurz im Kino, aber jetzt auf DVD und sogar im bundesdeutschen Fernsehen
Nach zu kurzen zwei Monaten Kinodasein von Dezember 2008 bis Ende Februar 2009 auf Berliner und süddeutschen Leinwänden gibt es den Film endlich auf DVD. Und hat damit die Chance, das Publikum zu erreichen, das er erreichen soll. Den jungen Körper in Jogginghose und mit Red-Bull-Dose in der Hand. Wer selbst den Weg zum DVD-Automaten nicht mehr schafft oder den Klick zum Online-Händler nicht mehr hinkriegt, muss noch bis in das Jahr 2010 hinein warten. Dann läuft "Little Paris" im Fernsehen. Ob ARD oder SWR ihn ausstrahlen, steht zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels noch nicht fest.
Daten zum Film Little Paris
