Der argentinische Pianist Ariel Ramirez (1921-2010) gilt als bedeutendster folkloristischer Komponist seines Landes, vielleicht Lateinamerikas. Es gelang ihm, die musikalischen Traditionen seiner Heimat, vor allem die indianische und kreolische Volksmusik, in klassischen Kompositionen und Instrumenten aufgehen zu lassen, ohne sie zu verfremden, ohne die volkstümlichen Melodien und Rhythmen in ihrer Schönheit und Schlichtheit zu deformieren, ohne sie bloß zu verwerten und für andere Zwecke auszuschlachten. Im Gegenteil: Er bereicherte die einheimische Musik mit seinen Werken erheblich.

Der Argentinier Ariel Ramirez – Pianist und Komponist

Ariel Ramirez wurde in Santa Fe in der gleichnamigen nordöstlichen Provinz geboren. Bereits während seiner Pianistenausbildung interessierte er sich für südamerikanische Folklore und bereiste viele Regionen des Kontinents, um lokale Musikstile kennen zu lernen. Seine Karriere begann früh: Als junger Pianist war er in internationalen Konzertsälen Amerikas und Europas zu Gast.

Orale Traditionen spanischer Volksmusik

1951 studiert Ramirez in Madrid auf Einladung des Instituto de Cultura Hispánica orale spanische Musiktraditionen, 1954 folgt ein längerer Aufenthalt mit Musikstudien in Peru. 1955 gründet er in Argentinien ein eigenes Ensemble, die Compañía de Folklore Ariel Ramirez. Die zwanzigköpfige Gruppe unternahm 1957 eine fünf Monate dauernde Tournee durch die wichtigsten Städte der Sowjetunion und der Tschechoslowakei. Die vielseitigen musikalischen Erlebnisse und Erfahrungen, die Ariel Ramirez auf all diesen Reisen hatte, inspirierten ihn und beeinflussten seine teils religiös motivierten Werke. Er komponierte zahlreiche Kantaten und mehrere Messen.

"Misa Criolla" und "Navida Nuestra": Populäre Kirchenwerke für Laienchöre

Die Chormesse Misa Criolla (Kreolische Messe, 1964) gilt zusammen mit Navidad Nuestra (Unser Weihnachten) als bekanntestes Werk von Ramirez, als wichtigste Sakralkomposition Argentiniens und als populäres Werk für lateinamerikanische Laienchöre. Die Choranpassung der Komposition erarbeitete der Priester Jesús Gabriel Segade. Der Text entspricht der offiziellen spanischen Liturgie der Heiligen (römisch-katholischen) Messe. Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) durften Messen ausschließlich in lateinischer Sprache gehalten werden, erst von da an wurden Landessprachen als Liturgiesprache zugelassen.

Uraufführung der "Misa Criolla" in Düsseldorf

Drei Jahre nach den ersten Aufführungen in Argentinien, Brasilien, Ecuador, Kolumbien, Venezuela, Mexiko und Uruguay geht Ramirez mit dem Werk auf Europatournee. Diese beginnt in der Düsseldorfer Rheinhalle. Beteiligt waren auch die Sängerin Mercedes Sosa (1935-2009), später ein Weltstar, und der argentinische Folkloresänger und Gitarrist Chito Ceballos (1936-1996). Anlässlich der Konzerte in Rom wurde Ramirez von Papst Paul VI. empfangen, dem er eine Schallplatte mit der "Misa Criolla" überreichte.

Klassische Abfolge der Messe – Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Agnus Dei

Diese Volksmesse für Tenor, gemischten Chor, Schlagzeug und Klavier ist Ausdruck christlicher Messliturgie in volktümlicher Tradition. Das Stück beginnt mit dem Kyrie in Form einer baguala-vidala, eine aus verschiedenen Stilrichtungen der tief dramatischen Volksmusik Nordargentiniens kombinierte Ausdrucksform, die sich besonders gut für Solosänger eignet. Aus ebenfalls nordargentinischen, aber auch bolivianischen und peruanischen Rhythmen entlehnte Ramirez den carnavalito für die Gloria-Partie der Messe, die er für zwei Tempi auslegte. Die eingangs fröhlichen, extrovertierten Melodien klingen in besinnlichen, ruhig fließenden Rhythmen aus.

Von den Anden hinab in die Pampa

Für das Credo legte Ramirez eine chacarera trunca aus Zentralargentinien zu Grunde. Das Glaubensbekenntnis erklingt in einem obsessiven, zerrissenen und kompromisslos ergreifenden Rhythmus. Das Sanctus wiederum ertönt im ausdrucksvoll romantischen Stil des bolivianischen carnaval cochabambino. Für das Agnus Dei begibt Ramirez sich kompositorisch in die einsame Weite der Pampa, deren estilo pampeano im Gegensatz zu den Gipfelstürmen und Talfahrten der Andenmusik Ruhe, Einfachheit, Unaufgeregtheit ausdrückt.

Quellen:

www.arielramirez.com

Semblanzas Producciones

Ariel Ramirez/Mercedes Sosa: Booklet Misa Criolla. Universal-Vertrieb