Inkontinenz ist leider noch immer ein Tabuthema. Dabei sind ab einem Alter von 50 Jahren etwa jede dritte Frau und jeder zehnte Mann davon betroffen. Zwar ist der unwillkürliche Harnabgang nun keineswegs auf ein bestimmtes Alter beschränkt – man rechnet, dass etwa 15% der Frauen schon viel früher, nämlich zwischen 30 und 40 Jahren mit diesem Problem konfrontiert werden. Ein höheres Lebensalter lässt aber die Wahrscheinlichkeit für Probleme mit der Blase steigen.
Die Ursachen von Inkontinenz bei älteren Menschen
Meist liegen die Ursachen bei älteren Frauen im Östrogenmangel der Wechseljahre oder in schwachem Bindegewebe begründet. Bei Männern hingegen lösen häufig Prostatabeschwerden (Vergrößerung) und -operationen eine Inkontinenz aus. Es gibt allerdings auch eine ganze Reihe - zum Teil altersbedingter - Gründe, die keineswegs geschlechtsspezifisch sind:
- Diabetes mellitus (Alterszuckerkrankheit, früher Typ-2-Diabetes)
- Übergewicht
- chronischer Husten bedingt durch Asthma oder Rauchen
- chronische Verstopfung verbunden mit anstrengendem Stuhlgang
- nachlassende Muskelkraft im Beckenboden
- Bewegungsmangel
- Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten (z.B. Blutdruck senkende Mittel)
- Multimorbidität im Alter (mehrere gleichzeitig auftretende Beschwerden und Krankheiten)
- vermehrte Harnwegsinfekte
Bei Demenzerkrankungen, Parkinson und nach Schlaganfällen gehen Hirngewebe unwiederbringlich und damit auch meist alle Kontrollfunktionen über die Blase verloren. Die Wahrscheinlichkeit einer Harn- und auch Stuhlinkontinenz im fortgeschrittenen Stadium einer Demenz liegt bei 94%.
Unterschiedliche Formen und Schweregrade von Inkontinenz
Inkontinenz tritt in unterschiedlichen Formen auf, je nachdem ob eine Störung des steuernden Nervensystems oder der Blasenmuskulatur vorliegt oder ob das Verschlusssystem der Blase nicht mehr richtig funktioniert.
Die Belastungs- oder Stresssinkontinenz tritt vor allem bei körperlicher Belastung auf (schweres Heben, Niesen, Lachen, Husten). Die Blase schließt nicht richtig, weil sie sich abgesenkt hat, wenn z.B. die Beckenbodenmuskulatur zu schwach ist. Bei Frauen passiert dies häufig nach Entbindungen oder bei Bindegewebsschwäche. Bei Männern eher selten und als Folge von Prostataoperationen. Die Belastungsinkontinenz tritt in drei Schweregraden auf.
Bei Dranginkontinenz zieht sich der Blasenmuskel unwillkürlich zusammen und die Blase entleert sich dabei. Entzündungen, Blasensteine oder verengte ableitende Harnwege aber auch gestörte Nervenimpulse (Multiple Sklerose, Parkinson oder Demenz) können dafür sorgen, dass der falsche Füllstand signalisiert und so eine vorzeitige Entleerung „angeordnet“ wird.
Das kann man gegen unkontrollierten Harnverlust tun
Der erste Weg muss zum Hausarzt oder Urologen führen. Dieser Schritt scheint aber noch immer der schwierigste für die betroffenen Menschen zu sein. Oft führen sie aus Scham einen jahrelangen inneren Kampf, vertuschen und verheimlichen ihre Beschwerden, ziehen sich zunehmend aus dem gesellschaftlichen Leben zurück und vereinsamen - bis der Leidensdruck zu groß wird. Aus Erfahrungsberichten weiß man, dass solches Verhalten viele Jahre an Lebensqualität kostet. Die Leidenszeit lässt sich jedoch beenden, wenn in einem ausführlichen Gespräch mit dem Arzt geklärt wird, in welchen Formen sich die Inkontinenz zeigt und welche Therapien möglich sind.
Der Mediziner wird verschiedene Behandlungswege aufzeigen: Häufig werden bei Belastungsinkontinenz Medikamente (Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer) eingesetzt, kombiniert mit gezieltem Beckenbodentraining, Biofeedback oder Elektrostimulation. Übergewichtigen Patienten wird zur Gewichtsreduzierung geraten. Gegen Obstipation (Verstopfung) hilft regelmäßige Bewegung und ballaststoffreiche Ernährung. Die Blasenbelastung durch chronischen Husten lässt sich bei Rauchern durch Aufhören effektiv reduzieren. Bei Dranginkontinenz werden Medikamente (Anticholinergika) eingesetzt, die das Zusammenziehen der Blasenmuskulatur verhindern. Auch hier wird zusätzlich durch Toilettentraining schon bald eine bessere Kontrolle möglich. In manchen Fällen rät der Arzt auch zu einer Operation.
So bleibt man trotz Inkontinenz mitten im Leben
Auch wer sich im Internet bei den verschiedenen Anbietern (Hartmann, Braun, Coloplast, Tenapants, Attends usw.) informiert, wird trotzdem nicht an einem Beratungsgespräch in Apotheke oder Sanitätshaus über das geeignete Inkontinenzmaterial vrobeikommen. Denn nur, wenn die Einlagen oder Hosen die optimale Passform haben und richtig sitzen, kann auch der Auslaufschutz funktionieren.
Hier erfährt man außerdem, wie diskret sich die Produkte tragen lassen – manche rascheln oder knistern zum Beispiel hörbar. Oder wie hautfreundlich Material und Passform sind, welches Fassungsvermögen die Einlagen besitzen und wie lange man sie tragen kann. Mit einem so genannten „Pad-Weigh-Test“, dafür werden benutzte Produkte über einen Zeitraum von 48 Stunden gewogen und der Uringehalt errechnet, kann man feststellen, welches Material geeignet ist. Darüber hinaus ist auch die persönliche Aktivität und Mobilität ein wichtiges Entscheidungskriterium.
Und schließlich spielt bei täglich verwendeten Verbrauchsprodukten auch der Preis eine Rolle. Damit die Krankenkasse die Kosten übernimmt, muss das gewünschte Produkt im Hilfsmittelverzeichnis aufgeführt sein und der Arzt eine Verordnung ausstellen. Sie muss einen der folgenden drei Gründe nennen: Das Inkontinenzmaterial ermöglicht die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, dient der Behandlung einer Krankheit (z.B. Dekubitus) oder der Prävention (z.B. bei einer Demenzerkrankung). Der Arzt gibt außerdem Hersteller, Produktnamen, Stückzahl und die Pharmazentralnummer (PZN) auf dem Rezept an.
Wichtig: Hautpflege und Hautschutz bei Inkontinenz
Im Alter lässt die Fähigkeit der Haut nach, Feuchtigkeit zu speichern. So erhöht sich das Risiko für Hautreizungen und Hauterkrankungen. Denn im feuchtwarmen Milieu und zusammen mit dem Zersetzungsprodukt des Urins, dem Ammoniak können sich Bakterien und Pilze leicht entwickeln. Ist die Haut aufgeweicht und angegriffen, dann entstehen so Entzündungen. Deshalb muss die Tragezeit begrenzt werden, gründlich gereinigt und ein guter Hautschutz aufgebaut werden: Wasser und ph-neutrale Waschlotionen verwenden und zur Hautpflege gegen Austrocknung ausschließlich W/O-Produkte (Wasser-in-Öl) verwenden.
Übrigens: Wer aus Angst vor einem Malheur seine tägliche Trinkmenge reduziert, riskiert vor allem ab 65 gesundheitliche Schäden.
