
- Berlin Funkturm - Victoria Leni/pixelio
Auf dem Internet-Portal „Literaturport“ finden sich unter der Rubrik „Literatouren“ zwölf Vorschläge für etwas andere Streifzüge durch die deutsche Hauptstadt sowie drei Ausflüge zu interessanten Zielen ins Umland, nach Brandenburg. Manche haben direkt, manche entfernt, andere gar nichts mit Literatur zu tun. Die Touren, zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln, dauern zwischen 15 Minuten und 10 Stunden. Wege und Stationen sind genau beschrieben und durch Fotos illustriert. Die Texte kann man nicht nur lesen, sondern auch als Audio-Datei anhören und auf den MP3-Player herunterladen, sodass man sie auch während der Stadtwanderung anhören kann.
Mit Ingo Schulze vom Prenzlauer Berg nach Neukölln
Ingo Schulze führt von seiner Haustür am Prenzlauer Berg durch das Bötzowviertel und den Volkspark Friedrichshain über den Straußberger Platz und das Kottbusser Tor nach Neukölln, wo er früher gewohnt hat. Er kommt dabei immer wieder zum Wasser, zur Spree und den Kanälen, und für einen Teil der Strecke kann man, statt zu laufen, ein Boot besteigen. In gut vier Stunden legt der Besucher zehn Kilometer zurück und erfährt ganz viel über Ost-West-Geschichte und Schulzes Anfänge als Autor in den 1990er Jahren.
Sehr private Touren durch Berlin
Julia Franck, in Berlin geboren, nimmt den Besucher mit zu allen Wohnungen, die sie im Ost- und Westteil der Stadt bisher bewohnt hat. Es sind viele, denn nirgendwo blieb sie länger als zwei, höchstens drei Jahre. So macht sie die Abschnitte ihres Nomadenlebens an den verschiedenen Adressen fest. Auch Katja Lange-Müller lädt zu einem sehr persönlichen Spaziergang ein. Er geht über das Kaninchenfeld an der ehemaligen Grenze Wedding/Mitte zu drei Friedhöfen, wo Besucher zwischen Efeu, hohem Gras und uralten Bäumen Ruhe finden können. Das sind nur drei Kilometer in drei Stunden. Der abschließende Besuch in der Kneipe „Zum Magendoktor“ kann sich dann allerdings lange hinziehen…
Brachland, Nachttour, Lesebühnen
Auch Bas Böttcher bewegt sich gern auf der „wilden“ Seite und lässt uns hinter die glänzenden Fassaden blicken auf die Schönheitsfehler und Risse der Stadt, auf Brachland und Ruinen, wo Strandleben und Untergrundkultur ihr saisonales oder nomadisches Leben führen. Er empfiehlt, Fotos zu machen von diesen Stellen und sie in ein paar Jahren wieder aufzusuchen, um zu vergleichen, was sich verändert hat, nicht immer zum Besseren. Denn die Stadt ist ja nicht fertig, wird es nie sein.
Tillmann Rammstedt bricht um 20 Uhr auf zu einer Nachtwanderung. Mitführen sollte man: einen Tischtennisschläger, eine Krawatte und mindestens einen weiteren Menschen. Wetten, dass das eine Kneipentour wird? Aber auch ein See kommt vor und ein Tischtennis-Match früh morgens um halb vier auf dem Kollwitzplatz.
Wer gar nicht laufen mag, für den hält Thilo Bock eine Alternative bereit: Er lädt in seine Lesebühne ein, wo er bei Auftritten nur 2,50 Meter zwischen Sitzplatz und Bühne zurücklegt. Und er hat viel zu erzählen von der sich ständig wandelnden Lesebühnenkultur der Stadt, alle einschlägigen Adressen inklusive.
Berlin ganz allein oder mit Familie
Wer Berlin ganz allein kennenlernen möchte oder muss, sollte sich Kristof Magnusson anschließen. Der startet beim Burger King am S-Bahnhof Tiergarten, spaziert am Urbahnhafen entlang, besucht die Neue Nationalgalerie und die Marienkirche am Alex, alles Orte, wo jemand, der solo unterwegs ist, nicht weiter auffällt.
Für Familien, Vater, Mutter und ein Kind – gewiss dürfen es auch mehrere sein – schlagen Veronika und Christoph Peters eine Familientour mit vielen Stopps vor. Sie beginnt im Café „enten und katzen“ mit einem schönen Frühstück und endet bei Anbruch der Dämmerung bei den Halbaffen im Tierpark Friedrichsfelde, wenn die nachtaktiven Varis gerade erwachen. Dazwischen liegen Schwanenteich und Mont Klamott im Volkspark und ein Spaziergang über die Karl-Marx-Allee.
Hinausfahren aufs Land kann man natürlich auch, zum Beispiel mit Mathias Körner zu Strittmatters Laden oder mit Günter de Bruyn zu den Märkischen Musenhöfen, Herrensitze, an denen im 18. Jahrhundert die Literatur eine bedeutende Rolle spielte.
Der Literaturport gewann den Grimme Online Award 2008
„Literaturport – Der Literaturhafen im Internet“ ist eine Plattform für die Literatur der Region Berlin/Brandenburg und bietet, neben den Literatouren, Informationen zu ihren zeitgenössischen und älteren Autoren. Es gibt viele O-Töne, also Ausschnitte aus Hörbüchern und Lesungen, dazu Karten, Buchtipps, Links und einen Veranstaltungskalender. Das Projekt wird ermöglicht durch die Berliner Landesinitiative „Projekt Zukunft“ und den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE). Die Macher sind das brandenburgische Literaturbüro und das Literarische Colloquium Berlin (LCB). Die Seite wurde 2008 mit dem Grimme Online Award in der Sparte Kultur und Unterhaltung ausgezeichnet und lohnt einen ausführlichen Besuch auch dann, wenn man gerade nicht nach Berlin reisen kann.
