Moabit ist eine Insel

Einladung zur Entdeckungstour durch den Berliner Stadtteil

JVA-Moabit - Thomas Kümmerle
JVA-Moabit - Thomas Kümmerle
In Berlin Moabit gibt es mehr zu sehen als die meisten Touristen erahnen und auch mehr als viele Berliner wissen.

Das Brandenburger Tor kennen sie alle. Auch den Alex, die Museumsinsel, den Potsdamer Platz und natürlich den Reichstag mit seiner Kuppel. Vielleicht wird man auch noch ein wissendes Kopfnicken sehen, wenn von den Bühnen in Charlottenburg und den Kneipen in Kreuzberg die Rede ist. Alle Berlintouristen und wahrscheinlich auch ein Großteil aller Deutschen kennen diese Orte. Aber Moabit? Hat man schon mal irgendwas von gehört, ja. Aber was? Auch der Berliner selbst zuckt mit den Achseln und rümpft vielleicht noch ein wenig die Nase. Ach ja, da ist doch der Knast, die JVA-Moabit. Berlins Promigefängnis, wo nach der Wende Honecker und Mielke einsaßen. Aber sonst? Nüschts Jutes?

Moabit und seine Bewohner

Moabit gehört zu den am meisten gemoppten Bezirken Berlins. Und es ist noch nicht einmal ein Bezirk: Moabit gehört zu Tiergarten, was heute wiederum zum Bezirk Mitte gehört. Trotzdem ist dieser Stadtteil sehr klar umrissen: Moabit ist nämlich eine Insel. Die Spree und mehrere Kanäle umfließen vollständig dieses Gebiet, das zusätzlich noch von Zugtrassen, den Bäumen des Tiergartens, dem riesigen Westhafen, einigen Industrieanlagen und der noch immer sichtbaren Mauerbrache abgegrenzt wird. Nur über seine 26 Brücken mit der Stadt verbunden, konnte Moabit einen sehr eigenen Charakter entwickeln und bewahren.

Moabit ist traditionell ein Arbeiterviertel. Heute könnte man meinen: ein Arbeitslosenviertel. Klar, Moabit hat so seine Probleme. Das ist ziemlich offensichtlich, wenn man zum Beispiel am Rathaus Tiergarten und dem "Arme-Leute-Karstadt" vorbei durch das schmuddelige Zentrum an der Turmstraße läuft. Knapp 30 Prozent der Menschen hier haben einen Migrationshintergrund. Auch über Kriminalität kann man öfter mal was in der Zeitung lesen. Aber eigentlich geht es hier ganz beschaulich und friedlich zu. So hat es Moabit auch nie zu einem Getto-Superstar gebracht, wie sich zum Beispiel Neukölln spätestens seit dem Rütli-Skandal gerne mal inszeniert. Das Zusammenleben der etwa 70.000 bunten Inselbewohner funktioniert heute erfreulich gut.

Viele Gründerzeitviertel

Früher lebten noch einmal deutlich mehr Menschen hier: Um 1910 soll Moabit sogar um die 190.000 Einwohner gehabt haben. Aber durch die Bomben des Zweiten Weltkriegs wurden etwa zwei Drittel der Gebäude zerstört und nie wieder in ihrer ursprünglichen Dichte aufgebaut. Aber auch heute hat Moabit noch viele sehr schöne Gründerzeitviertel: Da ist zum Beispiel der sternförmige Stephankiez. Er wurde gerade erst frisch saniert und ist sehr beliebt und als Wohngegend heiß begehrt. Genau wie das Westfälische Viertel direkt an der Spree: Hier ist es heute genauso schwer, eine nette Altbauwohnung in den ruhigen und grünen Straßen zu ergattern, wie in den trendigen Ecken von Prenzlauer Berg. Sehr spannend und dabei erfreulich unaufgeregt ist es auch im Lehrter-Straßen-Kiez mit seinen vielen Galerien und der Kulturfabrik Moabit. Komplett neu und damit deutlich weniger organisch als die Gründerzeitviertel ist die sogenannte „Abgeordneten-Schlange“ am Tiergarten: Dieses Neubauviertel auf dem Moabiter Werder wurde eigens für die Bundestagsabgeordneten gebaut – die aber nach wie vor nicht so gerne in diesem Abgeordneten-Getto leben möchten. Aber sehenswert ist das riesige schlangenförmige Gebäude mit seinen weitläufigen Grünanlagen direkt an der Spree allemal.

Sehenswürdigkeiten in Moabit

Überhaupt gibt es viel zu sehen in Moabit, viel zu entdecken. Und nicht nur den monumentalen wilhelminischen Justizpalast, dem größten Kriminalgericht Europas. Nein, viele besondere Gebäude verstecken sich auf dieser Insel. Okay, das riesige Glasdach des neuen Berliner Hauptbahnhofs ist nicht gerade versteckt. Ja, auch der Hauptbahnhof liegt auf der Insel Moabit. Etwas suchen muss man hingegen, wenn man zum Beispiel die elegante St. Johannis Kirche besichtigen möchte. Erbaut wurde sie 1835 vom klassizistischen Stararchitekten Karl Friedrich Schinkel, umgebaut und erweitert wurde sie später von weiteren berühmten Architekten. Noch versteckter als diese Kirche ist das neogotische Dominikanerkloster St. Paulus an der Oldenburger Straße. Ein Kloster mitten in der Großstadt. Wenn man es gefunden hat, kann man sich auch gleich die nahegelegene alte Markthalle ansehen – eine der sehr wenigen noch erhaltenen historischen Markthallen in Berlin.

Und auch wenn sich sicherlich kaum ein Berliner schon einmal hierher verirrt hat: Unbedingt sehenswert ist die berühmte AEG-Turbinenfabrik, die 1909 von dem Architekturpionier Peter Behrens konstruiert wurde. Wikipedia bezeichnet dieses Gebäude immerhin als „Schlüsselwerk und bekanntesten Bau der Industriearchitektur Berlins und Deutschlands“. Rein kann man aber leider nicht, hier werden nämlich nach 100 Jahren noch immer fleißig Turbinen gefertigt, heute von Siemens. Aber in den alten Hamburger Bahnhof kann man rein. Für das darin untergebrachte riesige „Museum für Gegenwart“ sollte man aber recht viel Zeit einplanen.

Absolut empfehlenswert und auch schon fast ein touristisches Muss ist ein Spaziergang an der Spree entlang vom Hauptbahnhof bis zu den Türmen des Innenministeriums. Auf der hier neu angelegten Promenade flaniert man gemütlich am Kanzleramt, dem wunderschönen „Haus der Kulturen der Welt“ und dem Schloss Bellevue vorbei. Zur Stärkung nach dem langen Spaziergang sei ein Stück Baumkuchen in der Konditorei Buchwald empfohlen. Die Konditorei gibt es bereits seit fast 170 Jahren und sie hat angeblich als Hoflieferant schon die Preußischen Könige mit Kuchen versorgt. Das alte Café liegt direkt an der schönen Moabiter Brücke mit seinen vier flankierenden Bären – zugegebener Weise liegt es allerdings auf der anderen Spreeseite und gehört damit genau genommen nicht mehr zur Insel Moabit.

Zentrale Randlage

Wenn die Berliner ihre Stadtwahrnehmung in Form eines Stadtplans zu Papier bringen müssten, würde Moabit wohl bestenfalls irgendwo ganz klein am Rande auftauchen. Tatsächlich liegt Moabit aber so zentral wie nur möglich, genau zwischen Mitte Ost und City West. Trotzdem geht es hier etwas verträumter zu als drum herum in der trubeligen Stadt. Auch erwähnt kaum ein Reiseführer Moabit und seine Sehenswürdigkeiten. Diese Berliner Insel will nicht bloß besichtigt, sie will entdeckt werden. Es lohnt sich!

Stefan Heimann, Stefan Heimann

Stefan Heimann - Ich habe Elektrotechnik und Philosophie in Aachen und Berlin studiert und beschäftige mich sehr viel mit Umwelt- und Klimaschutz und ...

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