
- Mobbing - ein Problem - Stefan Dassler
Stellen Sie Ihren Azubis folgende Fragen: Verbreitet jemand in der Berufsschule oder am Arbeitsplatz falsche Tatsachen über Sie? Werden Ihnen häufig sinnlose Arbeitsaufgaben zugewiesen? Wird verbale oder körperliche Gewalt angedroht? Versucht man Sie in der Berufsschule oder am Arbeitsplatz sozial zu isolieren? Wird ständig Kritik an Ihrer Arbeit geübt? Gegen diese typischen Mobbinghandlungen kann man sich wehren. Der erste Schritt ist, sich über das Thema zu informieren.
Was versteht man unter Mobbing?
Mobbing (to mob = anpöbeln, angreifen, bedrängen, über jemand herfallen) bedeutet, andere Menschen wiederholt und regelmäßig zu schikanieren, zu quälen und seelisch zu verletzen – beispielsweise am Arbeitsplatz, in der Berufsschule und im Internet. Mobbing-Täter können andere Auszubildende, Kollegen und Vorgesetzte sein.
Eine Definition wurde in den 1990er Jahren von Heinz Leymann entwickelt: Mobbing ist eine negative kommunikative Handlung (wie Wortattacken, Schikanen, Spott, Beleidigungen), die mindestens ein halbes Jahr währt und mindestens einmal pro Woche vorkommt. Mobbing hat oft den Zweck, eine bestimmte Person auszugrenzen, indem das soziale Ansehen des Betroffenen zerstört wird.
Die meisten Experten betonen folgende Gesichtspunkte bei Mobbing:
- Mobbing bezieht sich auf ein systematisches und sich wiederholendes Verhaltensmuster und nicht auf eine einzelne Handlung.
- Mobbingverhalten kann verbal (etwa Beschimpfung), nonverbal (Vorenthalten von Informationen) oder physisch (Verprügeln) sein.
- Die Machtverhältnisse sind ungleich (viele gegen einen).
- Die Mobbing-Opfer haben Schwierigkeiten sich zu verteidigen.
- Von Mobbing betroffene Auszubildende klagen über psychische und körperliche Beeinträchtigungen. Dies bleibt in der Regel nicht ohne Folgen auf ihr Arbeits- und Leistungsverhalten oder den Ausbildungserfolg.
Laut „Mobbingreport“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin nennen Mobbing-Opfer vor allem folgende psychischen Auswirkungen: Demotivation (71,9 Prozent), starkes Misstrauen (67,9 Prozent), Nervosität (60,9 Prozent), sozialen Rückzug (58,9 Prozent), Ohnmachtsgefühle (57,7 Prozent), innere Kündigung (57,3 Prozent), Leistungs- und Denkblockaden (57 Prozent), Selbstzweifel an den eigenen Fähigkeiten (54,3 Prozent), Angstzustände (53,2 Prozent) und Konzentrationsschwächen (51,5 Prozent).
Mobbing kann bei Auszubildenden auch körperliche Auswirkungen haben – beispielsweise ständige Weinkrämpfe, Übelkeit und Erbrechen, Durchfall, Magenkrämpfe und Schlaflosigkeit.
Laut „Mobbingreport“ erkranken 43,9 Prozent der Betroffenen wegen Mobbing. Fast die Hälfte davon wird länger als sechs Wochen krank. Wissenschaftlich belegt ist auch ein Zusammenhang zwischen Mobbing im Jugend- oder Ausbildungsalter und der Entwicklung von psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter. Diese Erkrankungen können unter anderem Depressionen, Angst- und Beziehungsstörungen und Alkohol- und Drogenabhängigkeit sein. Negative Ereignisse wie Mobbing in der Ausbildung haben prägenden Charakter für die weitere persönliche und berufliche Entwicklung.
Aus Sicht des Ausbildungsbetriebes entstehen nennenswerte finanzielle Belastungen durch Mobbing. Dazu gehören Minderleistung, Fluktuation und Fehlzeiten des von Mobbing betroffenen Auszubildenden.
Motive für Mobbing in der Ausbildung
Es gibt nicht das eine Motiv – vielmehr sind die Motive für Mobbing sehr vielfältig. Auf der Täter-Seite ist es häufig Antipathie, Neid, Eifersucht, Rache, Frustableitung, Angst vor Statusverlust, Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes oder Ausgrenzung des Mobbing-Opfers wegen Andersartigkeit.
In vielen Fällen trägt auch das Mobbing-Opfer – etwa ein Auszubildender – unfreiwillig seinen Teil bei durch zu geringes oder zu großes Selbstbewusstsein, geringe Sozialkompetenz oder die Neigung, sich leicht angegriffen zu fühlen. Auch das Äußern unerwünschter Kritik kann Mobbing auslösen.
Der Ausbildungsbetrieb selbst kann eine Ursache für Mobbing sein: unklare Zuständigkeiten, Monotonie, Stress, Mängel in der Kommunikations- und Informationsstruktur, ungerechte Arbeitsverteilung, Über- und Unterforderung, widersprüchliche Anweisungen, mangelnder Handlungsspielraum oder Kooperationszwänge.
Nach Berichten von Gewerkschaften und Wissenschaftlern sollen einige Unternehmen Mobbing auch als Strategie verwenden. Wenn man einen Mitarbeiter zur Kündigung bewegen will, versucht man mittels Mobbing den Kündigungsschutz und fällige Abfindungszahlungen bei Arbeitgeberkündigung zu umgehen.
Mobbing löst einen Kreislauf aus. Zu Beginn von Mobbing steht meist ein Konflikt, der später zu Feindseligkeiten eskaliert. Das Mobbing-Opfer/der Auszubildende wird nervös und macht Fehler. Dadurch hat der Täter wiederum neuen Anlass zum Mobbing. Es entsteht ein regelrechter „Teufelskreis“.
