Durch die Straßen des geschichtsträchtigen Ste-Marie-aux-Mines verläuft die Grenze zwischen Elsass und Lothringen. Zehn Jahrhunderte Bergbautradition und eine 250jährige Textilindustrie prägen das Straßenbild noch heute - ehemalige Fabrikgebäude und Arbeitersiedlungen neben Herrenhäusern und luxuriösen Villen aus Zeiten, zu denen die Fassade noch Auskunft gab über die Stellung seines Besitzers in der Gemeinde. Die Straßen wirken verlassen, die Gebäude zum Teil dem Verfall preisgegeben - und so fragt man sich, ob man hier auf dem Weg zu einer der bedeutendsten Stoff- und Modemessen Frankreichs wohl richtig ist. Spätestens wenn einem inmitten dieses Dorfbildes jedoch französische Damen in gewagten Filzkreationen entgegenkommen, schwinden solche Zweifel - und die Welt in den Hallen der zweimal jährlich stattfindenden „Mode et Tissus“-Messe entpuppt sich als wahres Kontrastprogramm.

„Mode et Tissus“ - eine Modeveranstaltung mit internationalem Publikum

Der Rundgang durch die überheizten Hallen voller Menschen erweist sich nach und nach als kreative Tour de Force für die Augen: Womit man auf der Straße auffallen würde wie ein bunter Hund, fügt sich hier nahtlos ins Gesamtbild der ausstellenden Modeschöpfer. Eine schier unüberschaubare Auswahl gestapelter Stoffballen und sortierter Knöpfe, Borten und Schals bedeckt dazwischen Tisch an Tisch. Sachkundige Besucher wandeln umher wie lebendige Ausstellungsstücke, und die Diskussion um den richtigen Braunton kann hier zur Glaubensfrage werden - für die man sich im größten Gewühle gelassen Zeit nimmt. Es ist eine Hommage an die textile Faser, ein Fest des Gewebes und seiner Möglichkeiten, welches in Ste-Marie-aux-Mines auch von der internationalen Kundschaft mit großem Ernst zelebriert wird.

Auch wenn man als Normalbürger ein latentes „underdressed“-Gefühl nicht mehr los wird, präsentiert sich das vorwiegend weibliche Publikum der Modemesse erfrischend bunt gemischt. Nur eines haben hier alle gemeinsam: Das selbstbewusste Auftreten in eigenwilliger Garderobe. Vor allem junge, aufstrebende Modeschöpferinnen präsentieren den bis zu 10.000 Besuchern ihre Kreationen - ihre im Rahmen der Messe veranstalteten Modeschauen erweisen sich als wahre Publikumsmagneten.

In Zusammenarbeit mit der Schneiderinnung und etwa fünfzehn der bedeutendsten französischen Stoffhersteller, welche auf Qualitätsware spezialisiert sind und zu deren Kundschaft einige der namhaftesten französischen Modeschöpfer zählen, hat sich „Mode et Tissus“ als Referenzveranstaltung für Modedesign etabliert. Die ausgestellten Kollektionen werden aus den Materialien ebendieser Stoffhersteller gefertigt, ergänzt wird das Angebot durch eine breite Palette ausgefallener Accessoires: Hüte, Taschen, Schmuck oder Gürtel, wie man sie wirklich noch nie gesehen hat.

Vor allem Qualitätsstoffe wechseln bei "Mode et Tissus" den Besitzer

Wer eines der ausgestellten Designerstücke ersteht, hat danach meist sogar ein Unikat im Kleiderschrank hängen. Wirft man jedoch während der Messe einen Blick in die Tüten und Taschen, so sind es vor allem Stoffe, die in großen Mengen eingekauft werden. Denn hier in Ste-Marie-aux-Mines bietet sich auch für den Normalbürger eine der raren Gelegenheiten, wirklich ausgefallene und hochwertige Materialien zu erstehen, welche viele der Besucherinnen anschließend auch selbst verarbeiten oder nähen lassen. Die Stoffe, aus denen die Kleider der wirklich teuren Modemarken hergestellt werden - hier liegen sie dicht gepackt auf den Tischen. Ob man sich an der raffinierten Musterung, der unüblichen Farbpalette, der tadellosen Verarbeitung oder dem Gewicht des Gewebes erfreut: Während landesweit die Stoffgeschäfte schließen, bietet Ste-Marie-aux-Mines immer noch das Außergewöhnliche.

Die Tradition der Textilindustrie in Ste-Marie-aux-Mines

Den Webern und Tuchmachern des 16. Jahrhunderts folgten Spinnereien und Färbereien ins Val d´Argent, bis schließlich während einer Blütezeit um 1800 über 6000 Beschäftigte aus der ganzen Umgebung in der Textilindustrie ihr Auskommen fanden. Die Qualität der Stoffe aus Ste-Marie wurde selbst von den anspruchsvollen Parisern hoch geschätzt. Berühmt wurde der Ort durch ein einzigartiges, farbiges Baumwollgewebe, den sogenannten "Article de Sainte-Marie" - auch unter den Namen "Siamois", "Gingham" oder "Schottisches Leinen" bekannt.

Die Textilindustrie überstand religiöse Konflikte, Kriegswirren und Neuorientierungen, beispielsweise nach der Annektierung des Elsass durch die Deutschen im Jahr 1870, als sie plötzlich für den deutschen Markt produzieren und von Baumwoll- auf Wollstoffe umgestellt werden musste - und mit einem neuartigen Mischgewebe aus beiden Materialien, dem "Lavablaine", Schlagzeilen machte. Erst ab 1954 war ihr Niedergang nicht mehr aufzuhalten, und die Arbeitslosigkeit griff in der ganzen Gegend um sich.

Das Bemühen, die lange Tradition der Stoffe von Ste-Marie-aux-Mines wieder aufzugreifen, äußert sich heute in vielfältiger Weise: "Mode et Tissus" als Zusammenschluss der älteren Veranstaltungen "Fête du Tissu" und "Créatiss" ist nur eine ihrer Facetten. Während man im Heimatmuseum des Ortes historische Webstühle und mechanische Webmaschinen bewundern kann, wurde eine ehemalige Textilfabrik zum "Maison Européenne du Patchwork", zum Europäischen Patchworkmuseum, umgebaut.

Patchwork - eine lange und lebendige Tradition im Val d´Argent

Ebenfalls in Ste-Marie-aux-Mines findet seit 1995 das international renommierte "Europäische Patchwork-Treffen" statt. Speziell die Religionsgemeinschaft der Amischen, welche ursprünglich aus der Schweiz zugewandert waren und im religiös liberalen Teil von Ste-Marie-aux-Mines 1693 eine neue Heimat fanden, bevor sie von dort aus nach Amerika aufbrachen, kultivierte und entwickelte diese lebendige Tradition. Von einer "Verlegenheitslösung" zur Verwertung von Stoffresten ist Patchwork seither zu einer regelrechten Kunstform aufgestiegen - das Europäische Patchwork-Treffen zählt weltweit zu einer ihrer wichtigsten Veranstaltungen und zieht wiederum ein internationales Publikum ins Val d´Argent.