Mode-Label FC St. Pauli

Millerntor-Stadion - Doris Brandt
Millerntor-Stadion - Doris Brandt
Kaum ein Verein vermarktet Image so perfekt wie der FC St. Pauli. Geht es überhaupt noch um Fußball?

Freitag Nachmittag in Hamburg, Die Straßencafes im Hamburger In-Quartier Schanzenviertel sind brechend voll. Politisch korrekte Väter mit zu großen Wollmützen und Retro-Shirts tragen ihre politisch korrekten Kinder mit Namen Gustav und Anton spazieren. Das große Schaulaufen findet auf der sogenannten Schanzen-Piazza statt, wo das bevorzugte Sonnenbrillen-Modell schon seit Jahren überdimensioniert und Gesichtstarnend ausfällt. Es wird bei Latte Macchiato oder Fritz-Cola gechillt und weltoffen geguckt.

Alternative Schickeria mit Totenkopf

Über allem schwebt der Totenkopf, zumindest im übertragenem Sinn. Jeder zweite Statist dieser alternativen Schickeria ist geschmückt mit mindestens einem modischen Accessoire des vermeintlichen „Kultvereins“ FC St. Pauli. Und in diesem Punkt unterscheidet sich der Kiez-Club durchaus von anderen Erstliga-Vereinen. Trikots vom HSV, Hannover 96 oder Bayern München turnen hier eher ab und werden wenn sowieso nur im Stadion getragen. Mit dem Piraten-Symbol sieht es ein wenig anders aus. Der weiße Totenkopf auf schwarzem Grund steht nämlich für Unangepasstheit, Lässigkeit, Coolness. Adjektive, die Hamburgs Trendstadtteile gern für sich beanspruchen.

Die Herkunft der Totenkopf-Flagge

Totenkopf und Kiezverein wurden in den 1980ern zusammengeführt. In jener Zeit, in der die nahe gelegene Hafenstraße und ihre Bewohner für Furore sorgten. Ein „Paulianer“ kaufte auf dem Hamburger Dom eine Piratenflagge, die er an einem Besenstil befestigte und so im Millerntor Stadion einführte. 25 Jahre später prangt das St. Pauli Logo überall, Totenkopf-Klone millionenfach.

Merchandising à la St. Pauli

Die Merchandising Maschine des FC St. Pauli läuft wie geschmiert. Wer möchte nicht jung, unangepasst und cool sein? Der neue Fanladen im schicken „Industrial-Design“ begrüßt mit lauter Musik von "Blur". Es kann geshoppt werden bis der Arzt kommt: Mützen im Che Gevara-Stil, Pullis, Hundenäpfe, Toaster, die ein Totenkopf aufs unangepasste Toast brennen.St. Pauli ist zum Mode-Label geworden. Die Haute Couture Kombination mit Escada und Gucci ist nur noch eine Frage der Zeit. Viele Träger der St. Pauli – Marke sind nicht einmal entfernt so etwas wie Fußballfans.

Kommerzialisiertes Underdog-Image

FC St. Pauli Trainer Holger Stanislawski hat diese Vermarktung einmal sanften Kapitalismus genannt, womit er nicht unrecht hat. Der Verein in Braun-Weiß versucht den Spagat zwischen Underdog und Profi-Fußballverein, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Alte Fans sollen nicht vergrault, neue Sympatisanten sollen gewonnen und gebunden werden. Pauli wird kommerziell, jedoch im Schongang. Aus diesem Grund nennt der Verein seine neuen VIP-Logen auch Séparées in Anlehnung an das benachbarte "Rotlicht-Milieu". Die Business Seats laufen unter dem Namen Sitze für "die Ehrenwerte Gesellschaft". Angepasst unangepasst eben.

Es bleibt spannend, wie sich alle Fan-, Sympathisanten und Modetrend-Ströme in der ersten Bundesliga miteinander arrangieren werden. Hauptsache der Ball bleibt rund.

Der „Erfinder“ der Totenkopf-Flagge jubelt übrigens schon längst nicht mehr am Millerntor. Altona 93 ist jetzt sein Verein mit Currywurst und ohne Merchandising.

Doris Brandt, Doris Brandt

Doris Brandt - Geboren in Wedel bei Hamburg. Nach einer kaufmännischen Ausbildung und verschiedenen Auslandsaufenthalten in den USA, Studium der ...

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