Nackte Rücken krümmen sich im Takt zu sphärischen Klängen. Tänzer werfen glitzernde Bälle in die Höhe und balancieren sie auf Armen und Rücken wie Zirkusartisten. Ein bloßer Körper liegt auf einer Bare, wird nach oben und unten gekippt und vermessen wie ein Stück Ware. Den Rücken zum Publikum gewandt, spielen Tänzer mit glitzernden Miniaturplaneten und verführerischen Äpfeln. Dabei wirken sie wie traurige Clowns, die sich in einem unbeobachteten Augenblick ihren Träumen hingeben.
Weltpremiere in Deutschland
Es sind starke, geradezu poetische Bilder, die das russische Chelyabinsk Contemporary Dance Theater im Pumpenhaus zeigte. „Celestial Bodies“ – „Himmelskörper“ - ist denn auch der Titel von Olga Ponas Choreografie, die bereits kurz nach ihrer Weltpremiere im Rahmen von „Tanz Bremen 2008“ in Münster zu sehen war.
Olga Pona und ihre Tanzcompany sind eine Ausnahmeerscheinung in Russland. Im Gegensatz zum klassischen Ballett, das von langer Tradition profitiert, ist zeitgenössischer Tanz dort immer noch eine Seltenheit, erst Recht in Chelyabinsk, Industrie-Metropole am Ural und Heimat der gelernten Traktoringenieurin sowie ihres 13-köpfigen Ensembles. Erfolge feiert die Truppe, die bereits mit der Goldenen Maske – einer der höchsten Ehrungen im russischen Kunstbereich - ausgezeichnet worden ist, sowohl national als auch international, und das, obwohl die Tänzer in Russland weder über einen geeigneten Probenraum mit -bühne verfügen noch über ausreichend staatliche Subventionen.
Phantastisch und melancholisch
Mit ihrer neuesten Produktion beweist die Company wieder einmal ihre Qualität, die sowohl in starker, persönlicher Ausdruckskraft der Künstler liegt, wie auch in choreografischen Szenen, die gleichermaßen phantastisch wie melancholisch sind und über die Auseinandersetzung mit westlichen Werten, Russlands Seele nie vergessen. Dabei geht es immer wieder auch um das Spannungsfeld zwischen Kapitalismus im Überfluss und post-sowjetischer Enge. In „Celestial Bodies“ sind dies Individuen, die Schwerelosigkeit suchen. Soli, Duette und Trios sind geprägt von Artistik, hohen Beinen und Körpergliedern, die gen Himmel streben, bis sie schließlich tatsächlich in einem skurrilen Fahrstuhl nach oben gezogen werden.
Charismatische Maria Greyf
Im zweiten Stück des Abends, „Audrey“, einer Choreografie, die Olga Pona erstmals gemeinsam mit einer ihrer Tänzerinnen, Maria Greyf, erarbeitet hat, wird klar, dass der Westen durchaus auch kritisch betrachtet wird. Die zarte, präzise wie charmant tanzende Greyf bringt in ihrem Solo nicht nur das Ideal des Leinwandstars Audrey Hepburn auf die Bühne, sondern stellt auch persönliche Schattenseiten dar. Zu russischen Klängen aus TV oder Radio, auf dem Kopf ein rotes Tuch, formt die charismatische Tänzerin Audreys Katze aus Knetgummistreifen und füllt die Figur mit Milch. Dann benetzt sie ihren nackten Oberkörper damit und wälzt sich in rosa Federn, so lange, bis sie diese wieder herauswürgen muss – der Ruhm hat seinen Preis. Herzlicher Applaus für eine außergewöhnliche Vorstellung, wie man sie nicht alle Tage zu sehen bekommt.
