Der Begriff Ideologie stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Lehre von der Idee bzw. Vorstellung“. Im neutralen Sinne bezeichnet Ideologie ein System aus Ideen, Vorstellungen und Werturteilen und ist ein Synonym zu „Weltanschauung“. Karl Marx definiert Ideologie folgendermaßen: Der Ideologiebegriff ist ein „Gebäude, das zur Verschleierung und damit zur Rechtfertigung der eigentlichen Machtverhältnisse dient“. Nach Marx kann dies auch als „Überbau“ bezeichnet werden. Ideologien helfen ihren Anhängern, die Welt in Schwarz und Weiß einzuteilen, Zwischenstufen würden zu Verunsicherung führen. Ideologien dienen als Mobilisierung, bilden eine gemeinsame Identität und wenden sich gegen sämtliche Feinde.
Doch welche Ideologien begründen den islamischen Extremismus?
Zunächst gilt nach Stephan Rosiny der Islamismus selbst als eine von Menschen gemachte Ideologie, die das Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse ist. Somit scheinen Ideologie und soziale Ursachen des Islamismus eng verknüpft zu sein. Peter Waldmann führt in seinem Werk "Terrorismus. Provokation der Macht" an, dass einige Islamisten und Attentäter mit der Vorstellung, sie seien die „Avantgarde des Volkes, […] dessen eigentliche Elite“ gelockt werden. Sie verdienen allgemeine Bewunderung, da sie für ihr Land und ihre Religion alles riskieren. Diese Ideologie motiviert Extremisten in ihrem Vorhaben. Die Errichtung eines Gottesstaates mit einer islamischen Gemeinde als Antwort auf den Westen ist ebenfalls eine Ideologie, die zum Extremismus führen kann.
Mark Juergensmeyer führt an, dass auch die Religion eine Art Ideologie sein kann. Die Religion wird als einzige Lösung für soziale Ungerechtigkeiten angesehen, somit ist sie die Ideologie, die „zum Handeln und zum Protest befähigt“. Bestimmte Themen und Vorstellungen der Religion sollen den Widerstand der Extremisten rechtfertigen. Eine weitere Ideologie ist die Vorstellung, dass alles, was über ein wortwörtliches Verständnis des Korans über die Unterwerfung unter den Willen Gottes hinausgeht, Gotteslästerung wäre. Schließlich hat Gott jeden einzelnen Buchstaben geoffenbart. Dieser Ideologie nach wäre ein Großteil der Muslime ungläubig, da sie auch ahadith und Meinungen von Rechtsgelehrten befolgen.
Fehlinterpretierte Koranverse als Ideologie, die islamistischen Terrorismus stützt
Eine weitere Ideologie, die den islamischen Extremismus stützen soll, ist die der fehlinterpretierten Koranverse. Da der Koran abschnittsweise herabgesandt wurde (die Gläubigen sollten zunächst langsam von ihren alten Gewohnheiten abgebracht und an die neuen herangeführt werden), ergibt sich eine gewisse Widersprüchlichkeit innerhalb des Korans. In allgemeiner Übereinstimmung gilt heute, dass die jeweils als letzte herabgesandte Offenbarung gültig ist. Islamische Extremisten, zum Teil (besonders kleinere Selbstmordattentäter) mit nur geringen Korankenntnissen ausgestattet, bekommen aus dem Zusammenhang gerissene Koranverse vorgehalten, die eindeutig Gewalt und Kämpfe gegen Ungläubige zu legitimieren scheinen und den Tätern zudem ein Paradies nach dem Märtyrertod bieten. Allerdings gelten solche Aufforderungen des Korans nicht, ohne sie in ihrem Zusammenhang und in ihrem historischen Kontext zu betrachten. So galt beispielsweise die Aufforderung, die Feinde des Islam zu vernichten, in der Entstehungszeit des Islam. Dieser war konkret in seiner Existenz bedroht, was heute nicht mehr der Fall ist. Daher ist eine solche Argumentation heute nicht mehr tragbar. Genauso behandelt der Koran den Krieg. Dieser ist laut Sure zwei, Vers 191 bis 194 lediglich als Selbstverteidigung in einem konkreten Angriffsfall erlaubt. Stellt der Gegner seine Kriegshandlungen jedoch ein, muss auch der gläubige Muslim sofort die kriegerischen Handlungen beenden und sich um ein freundliches Miteinander bemühen.
All diese Ideologien mögen in der ein oder anderen radikal-islamistischen Gruppe mit Sicherheit zum Tragen kommen. Jedoch ist es wahrscheinlicher, dass islamischer Extremismus eher durch soziale Ursachen bedingt ist bzw. dass eine Kombination aus Ideologien und sozialen Problemen zur Radikalisierung von Muslimen beiträgt.
Quellen:
- Feichtinger, Walter/Wentker, Sibylle: Islam, Islamismus und islamischer Extremismus: Eine Einführung, Böhlau, Wien 2008, S. 51.
- Hübsch, Hadayatullah: Fanatische Krieger im Namen Allahs – Die Wurzeln des islamistischen Terrors, Diederichs, München 2001
- Juergensmeyer, Mark: Die Globalisierung religiöser Gewalt: Von christlichen Milizen bis al-Qaida, Hamburger Edition, Hamburg, 2009, S. 399.
- Möller, Reinhard: Islamismus und terroristische Gewalt, Ergon-Verlag, Würzburg 2004, S. 61.
- Pelinka, Anton: Grundzüge der Politikwissenschaft, UTB, Wien, Köln, Weimar 2004, S. 176.
- Riexinger, Martin: Mißbrauch der Religion? Die religiösen Hintergründe des Islamismus (und ihre Verdrängung), in: Möller, Reinhard: Islamismus und terroristische Gewalt, Ergon-Verlag, Würzburg 2004, S. 32.
- Rosiny, Stephan: „Der Islam ist die Lösung“ – Zum Verhältnis von Ideologie und Religion im Islamismus, in: Feichtinger, Walter/Wentker, Sibylle: Islam, Islamismus und islamischer Extremismus: Eine Einführung, Böhlau, Wien 2008, S. 62f., 75.
- Waldmann, Peter: Terrorismus. Provokation der Macht, Gerling Akademie Verlag, München 2001, S. 169.
