LONDON. Moira Buffini ist bei uns nur Kennern ein Begriff. Das könnte sich bald ändern. Das neue Stück der britischen Dramatikerin Welcome to Thebes („Willkommen in Theben“) hat nämlich das Königliche Nationaltheater, in London das beste Haus am Platze, uraufgeführt und einer der berühmtesten englischen Regisseure führte Regie: Richard Eyre! (Sein Film Iris war auch bei uns in Deutschland ein Erfolg.)
„Willkommen in Theben“ spielt „irgendwo im 21. Jahrhundert“. Obwohl Theben in Griechenland liegt und es Anspielungen auf Sagen des klassischen Altertums zu Hauf gibt, dürfte der Fünfakter aber wohl in Liberia spielen, denn Moira Buffini hat Anleihen bei der Geschichte des afrikanischen Staates gemacht. Die Handlung setzt ein, als in Theben der Bürgerkrieg zu Ende ist. Polyneikes ist im Kampf gefallen, aber nicht Kreon übernimmt die Macht (wie in „Antigone“), sondern die Gemahlin des Königs, Eurydike. Sie bekommt Besuch vom „Ersten Bürger Athens“, der stark an den amerikanischen Präsidenten erinnert, und bittet ihn um Hilfe beim Wiederaufbau des Landes.
Frauen an der Macht
Eurydike hat, nachdem sie zur Präsidentin gewählt worden ist, viele Wirren zu überstehen, insbesondere gegen ihren Widersacher, einen gewissenlosen Militär und Schlagetot, aber schließlich gelingt es ihr doch mit List und Energie, den Frieden zu bewahren. Der Präsident reist ab und alles scheint halbwegs in Ordnung - da gibt es noch einen Epilog. Zwei der Söldner, die im Bürgerkrieg schrecklich gehaust haben und jetzt arbeitslos sind, machen sich auf nach Athen - sie wollen den Reichen dort Feuer unterm Hintern machen, wenn sie keine anständig bezahlte Arbeit bekommen.
Moira Buffini plädiert mit ihren klugen Frauen um Eurydike für eine Politik des Kompromisses - das kommt am besten in der Episode um Antigone heraus. Denn in London stirbt sie nicht - es gibt eine Möglichkeit für Antigone, den Bruder zu bestatten und sie kann, obwohl sie das Gesetz verletzt hat, weiterleben, vielleicht sogar heiraten - das ist allemal besser, als, um das Prinzip zu verteidigen, zu sterben.
Gute Laune
Richard Eyre arbeitet in seiner Uraufführungsinszenierung den Humor von Moira Buffinis Antikriegsgeschichte heraus - es wurde viel gelacht bei der Uraufführung am Dienstagabend im Oliviers, dem Großen Haus des Royal National Theater. Ansonsten stellte sich Eyre ganz in den Dienst der Autorin, der Geschichte, seines Publikums und seiner Schauspieler.
Das Ensemble spielte glänzend, es gab in der üppigen Uraufführung eine Fülle von interessanten Nebenrollen. Nikki Amuka-Bird stellte Eurydike nicht als Überfrau dar, sondern als lebenskluge Politikerin, die sich gern mit ihren Mitstreiterinnen berät und zwischen gegensätzlichen Interessen vermittelt. Alle Schauspieler überstrahlte David Harewood. Er ist ein echter Star. Seinen Theseus, den ersten Bürger Athens, lehnte er an den amerikanischen Präsidenten an, dessen ständiges fotogenes Lächeln er leicht karikierte, und er spöttelte gekonnt über das Gebaren von Hollywoodstars. Harewood sieht prachtvoll aus, ein viriler Mann, dem die Herzen der Damen im Publikum (und auf der Bühne natürlich) entgegenschlugen. Aber auch er musste zeigen, wie wir Männer den Frauen unterlegen sind: wegen unser testosterongesteuerten Konfliktlust - während Frauen eben einfach vernünftiger sind.
Meinen Moira Buffini und das Royal National Theatre.
Das Royal National Theatre im Internet
