
- Turmzentrum Solingen, Turmhotel - Jörg Tilmes
Das einzige, weithin sichtbare Wahrzeichen der Stadt Solingen – das Turmzentrum in der Stadtmitte – sollte schon im Mai 2008 der Abrissbirne zum Opfer fallen. Die in Münster ansässige Firma HLG Projektmanagement GmbH & Co. KG plante auf dem Areal des ehemaligen Warenhausbaukörpers mit angrenzendem Hotelturm sowie einem Parkhaus ein neues Einkaufszentrum namens Hofgarten zu errichten, in dem im Herbst 2010 siebzig neue Läden eröffnen sollten. Mittlerweile ist eben dieser Zeitpunkt erreicht, doch das Turmzentrum steht immer noch; die mehrfach avisierte Sprengung des Turms fand nicht statt. Inzwischen regt sich auch Widerstand dagegen.
Eine Aussage der Presseabteilung schürt Unsicherheit
Zwischenzeitlich holte sich die HLG Projektmanagement unter der Leitung von Christian Diesen und Dirk Brockhaus die Firma Sonae Sierra ins Boot, einen in Deutschland, Brasilien und Portugal tätigen Spezialisten für Einkaufszentren. Beide Unternehmen haben zuletzt übereinstimmend erklärt, dass es keine Zeitplanung für die Fortführung des Projekts geben würde. Birgit Stallmann von der Presseagentur Agentur 05 GmbH aus Köln auf die Nachfrage von Suite101.de am 19. August 2010: „Derzeit kommentiert Sonae Sierra das Projekt Hofgarten Solingen nicht. Das Unternehmen wird die Öffentlichkeit informieren, ob und wann eine Entwicklung des Projektes stattfinden wird.“
Die Wortwahl „ob und wann“ lässt Rückschlüsse dahingehend zu, dass überhaupt noch nicht fest steht, wie es mit den Partnern und dem Abriss des Turmzentrums weitergeht. HLG Projektmanagement scheint allein nicht in der Lage zu sein, das Projekt Hofgarten zu realisieren. Der Sprecher des Architekturbüros HPP in Düsseldorf, Werner Sübai, erklärte am 20. August 2010 in der Zeitung Rheinische Post, dass die Planer ein Jahr lang nichts mehr von ihren Auftraggebern – der HLG Projektmanagement – gehört hätten. Am 27.Mai 2009 hieß es dort auch, dass das Turmzentrum Ende Oktober, Anfang November 2009 gesprengt werden soll. Passiert ist nichts.
Immer wieder wurden Ankündigungen nicht eingehalten
Die konkreten Aussagen gegenüber der Rheinische Post, dass die Abrissarbeiten Mitte Mai 2010 beginnen würden, sind gleichfalls nicht eingehalten worden. Daher stellen sich Fachleute die Frage, ob die Firma HLG Projektmanagement aus Münster und die Sonae Sierra mit Sitz nahe des Düsseldorfer Flughafens noch glaubwürdig und für Solingen als Partner tragbar sind. Ein Fachmann: „Das gibt nichts mehr. Die haben keine Kohle, sonst hätten die längst angefangen.“ Während auch die Anlieger und die Lokalpolitiker sich um die Zukunft ihres Stadtkerns sorgen, antworten weder HLG noch Sonae Sierra auf weitere Anfragen.
Neue Informationen vom 27. August 2010
Interessant ist auch, dass beide Firmen das Projekt Hofgarten nicht auf ihren Internetseiten führen. Durchaus bemerkenswert vor dem Hintergrund der Informationen, die Suite101.de am 27. August 2010 aus Berlin erhielt. Dort plante Sonae Sierra die Erweiterung des seit 2007 in Betrieb befindlichen Einkaufszentrums Alexa. Doch die schon 2009 eingerichtete Baustelle wurde wieder aufgelöst. Auch dort: Verschiebungsankündigungen. Dann hieß es, es fehlen Genehmigungen – was jedoch Quellen zufolge nicht der Fall war: Seitens der Stadt Berlin waren alle Maßnahmen bewilligt. Fehlte es auch dort an Geld? Danach befragt, war von Sonae Sierra keine Stellungnahme zu erhalten.
Der Verdacht, dass Geld fehlt, wird durch Angaben von Sonae Sierra geschürt
Zu dieser Ansicht kann ein Leser der Homepage von Sonae Sierra gelangen. Dort ist der nachfolgend zitierte Text zu lesen: „Sonae Sierra, der internationale Spezialist für Einkaufszentren, weist zum Ende des ersten Halbjahrs 2010 einen Gesamt-Nettogewinn von 648.000 Euro auf. Dies entspricht einer Gewinnsteigerung um 101 Prozent. Im Vergleichszeitraum musste das Unternehmen ein negatives Ergebnis von 94,2 Millionen Euro verbuchen.“ Und eben seit diesem Verlustzeitraum – dem ersten Halbjahr 2009 – ist Sonae Sierra zumindest in Gesprächen am Hofgarten beteiligt. Zudem ist aus internen Quellen zu hören, dass Firmenangehörige von Sonae Sierra den Standort Solingen ablehnen.
Ein Solinger blickt auf Stuttgart
Der bereits oben zitierte Immobilienfachmann erklärte weiter, dass er ausgearbeitete Konzepte zur Sanierung des Turmzentrums und der unterirdischen Turmpassage in der Schublade habe. Aber auch ein Konzept, wie die von Leerständen geprägte Einkaufsmeile der City Solingens – die Hauptstraße – im Einklang mit der Sanierung des Turmzentrums neu belebt werden könne. Doch die Ideen wurden ebenso wenig abgerufen, wie die Nachricht über das Vorhandensein eines Hotelbetreibers zur Neubelebung des Turmhotels eine Reaktion ausgelöst hat. Der Fachmann: „In Stuttgart demonstrieren die Menschen für ihren Bahnhof. Hier tut niemand was.“
„Wieso begehrt die Solinger Öffentlichkeit nicht gegen dieses Hickhack auf?"
Solingen selbst verfügt über leistungsstarke Bau- und Immobilienunternehmen, die das Turmzentrum nebst Passage – zum Zeitpunkt der Eröffnung die modernste Europas – neu konzipieren und sanieren können. Bisher hat die Solinger Bauwirtschaft das Turmzentrum und die angesichts der Leerstände und Abwanderung von Fachgeschäften als notwendig erachtete Sanierung der Einkaufsmeile Hauptstraße aber nicht ganzheitlich gesehen; doch aus dieser Sicht könnte das selbst aus entfernten Stadtteilen sichtbare Wahrzeichen der Stadt – zu dem das Turmzentrum in vierzig Jahren geworden ist – zu neuem Glanz erblühen.
