
- Mont-Sainte-Odile - Claudia Cossé
Auf einer mächtigen Felsplatte in einer Höhe von 763 m, auf dem Gebiet der Gemeinde Ottrott (Bas-Rhin), umgeben von Wäldern, thront die Klosteranlage der Heiligen Odilia.
Ein Klosterberg mit einer langen Geschichte
Die Geschichte des Klosterberges Mont-Sainte-Odile geht bis in die prähistorische Epoche zurück. Keltische Stämme waren die ersten Siedler des Berges ca. 1000 vor Christus. Noch heute bezeugen Opfersteine und Felsenhöhlen ihre Anwesenheit. Auch die geheimnisvolle "Heidenmauer", eine mehr als 10 km lange Mauer aus großen Sandsteinblöcken, die ursprünglich einmal 3 bis 5 Meter hoch war, stammt vermutlich aus dieser Zeit. Die genaue Entstehung sowie ihr Zweck sind trotz umfangreicher archäologischer Forschungsarbeiten bis heute nicht ganz geklärt. Sie ist jedoch mit einer Fläche von mehr als 100 Hektar einzigartig nördlich der Alpen. Die Römer befestigten die Straßen zum Berg. Noch heute führt die Zufahrt durch das steinerne "römische Tor".
Die Legende der blinden Odilia
Im 7. Jahrhundert gehörte der Klosterberg dem elsässischen Herzog Eticho (oder auch Aldarich) und seiner Frau Bereswinde, Odilias Eltern. Der Legende nach wurde Odilia um 660 blind geboren. Sie soll daraufhin versteckt worden sein und ist im Burgund aufgewachsen, weil ihr Vater befahl sie töten zu lassen. Als sie bei ihrer Taufe ihr Sehvermögen wiedererlangte, ließ ihr Vater ein Kloster auf dem Berg errichten, als Wiedergutmachung seiner Schuld. Odilia starb im Jahr 720 und ihr Grab wurde zum Mittelpunkt der Wallfahrt.
Es folgten Jahre der Zerstörung und des Wiederaufbaus, bis 1853 das Kloster wieder zurückgekauft wurde und dem Bischof von Strassburg übergeben wurde. Nach umfangreichen Umbauten und Restaurierungen ist es heute eine prächtige Klosteranlage mit der 4m hohen Statue der heiligen Odilie, die die Rheinebene segnet.
Massentourismus und Wallfahrt
Als Touristenziel gehört der Mont-Sainte-Odile wie der Mont-Saint-Michel (Normandie) zu einer der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten in Frankreich; ist aber nach wie vor auch Pilgerstätte und Ort der Wallfahrt. Die beeindruckende Architektur und Geschichte ist bis heute allgegenwärtig. Während das Leben und Wirken der Heiligen Odilia weitestgehend durch Legenden überliefert ist, gibt es eine wahre Geschichte aus dem Jahre 2000, die uns in die Zeit mittelalterlicher Geheimgänge versetzt und uns an Bücher eines Carlos Ruiz Zafón oder Umberto Eco erinnert.
Der Meisterdieb vom Odilienberg
Zwischen August 2000 und Mai 2002 verschwanden aus der Bibliothek des Klosters wertvolle Bücher und zwar regelmäßig des Nachts. Dies änderten weder die ohnehin vergitterten Fenster, noch die zusätzlichen Schlösser an den Türen. Erst eine Infrarot-Videoüberwachung löste das Rätsel der verschwindenden Folianten. Als Dieb in der Nacht entpuppte sich ein Straßburger Lehrer, den seine Liebe zu alten Büchern Nacht für Nacht, vor allem in den Schulferien, in die Klostermauern lockte. Es stellte sich die Frage, wie er ungesehen hinein und wieder herausgekommen war. Stanislas Gosse alias Arsène Lupin vom Odilienberg fand in einem Buch aus einer Straßburger Bibliothek einen Hinweis auf einen Geheimgang, der direkt in den Bibliothekssaal des Klosters führte. Eine getarnte Tür wurde mit dem Bewegen einer bestimmten Steinrose geöffnet. Eine perfekte und funktionierende Gebrauchsanweisung für den jungen Lehrer.
Der heiligen Odilie sei Dank oder wahrscheinlich, weil er alle gestohlenen Bücher wohlbehalten, wenn auch nicht ungelesen zurückbrachte, fiel seine Strafe recht milde aus und er durfte auch weiterhin als Lehrer arbeiten. Er hat für alle sehr glaubhaft erklärt, nie die Absicht gehabt zu haben, eines der Bücher zu verkaufen. Er wollte sie nur lesen.
