Moon Suk - dichtender Paradiensvogel aus Korea

Sie dichtet auf Deutsch, singt internationale Opern, ist ein Tausendsassa mit auch irren Ideen: Moon Suk. Koreanerin. Exotisch und erotisch

Sie ist ein Paradiesvogel. Und ein Tausendsassa dazu. Dichterin, ausgebildete Opernsängerin, hochbegabt, intelligent, erotisch. Das ist Moon Suk. Sie, die gebürtige Südkoreanerin, hat Ideen gleich bündelweise. Eine der ungewöhnlichsten hat sie gerade verwirklicht: Das Westin Grand Hotel an Berlins modebewusster Friedrichstraße wie auch die Swissotels in der deutschen Hauptstadt sowie in Bremen und Zürich haben das auf dem Kopfkissen liegende Bonbon oder Schokoladentäfelchen abgeschafft – zugunsten eines winzigen Gedichtbandes von Moon Suk. Zigarettenschachtelgroß. "Mondsüchtig" der Titel. Ihr ureigenster Einfall, von dem sie die Hoteldirektoren letztlich überzeugte. Sie ist also zudem ihre eigene PR-Agentur.

Moderatorin beim ZDF-Morgenmagazin

Erst 1989 kam sie nach Deutschland, in diesen Tagen erhielt sie – "Hurra, na endlich", so ihre Worte – die deutsche Staatsbürgerschaft. Zehn Jahre nach der ersten Antragstellung. Sie wollte weg aus Korea, sie hätte in die USA gehen können, nach Frankreich, nach Italien, England – ausgerechnet Deutschland? Sie kann das begründen: "In Korea heißt es von den Deutschen, sie seien Denker, ein tiefgründiges Volk. Grund genug für mich, hier her zu kommen, denn über Emotionen verfüge ich bereits reichlich dank meines koreanischen Temperaments. Vielmehr wollte ich etwa für meinen Kopf tun, mich einer geistigen Schönheitsoperation unterziehen". Sie muss die entsprechende Intensivstation blitzschnell verlassen haben, denn – ein weiteres Beispiel ihrer Tüchtigkeit – zwischen 2005 und 2007 brillierte sie als Moderatorin des ZDF-Morgenmagazin. Als solche ist sie weiterhin unvergessen: Bei einem kürzlichen Auftritt in Hannover wurde sie um ihre Autogramm gebeten und gefragt, weshalb sie nicht mehr morgens im ZDF zu sehen sei.

Rilke meister zitierter deutscher Poet in Korea

Aber zurück zu "Weshalb Deutschland"? Moon Suk: "Wie mit der Muttermilch nehmen wir Koreaner deutsche Geisteshaltung auf. Kant, Hegel, Nietzsche, Marx, um nur einige zu nennen, sind mir schon früh Vertraute geworden. Der meist zitierte Poet bei Frischverliebten ist Rilke – im sinnlichsten Koreanisch, versteht sich". Hier findet sie wieder zum Thema "Dichtung statt Schokolade auf dem Hotelkopfkissen" zurück: "Ausgerechnet im Land von Goethe und Schiller lesen immer weniger Leute Gedichte. Deshalb hatte ich auch die Idee, Lyrik aufs Kopfkissen zu bringen, vielleicht bekommen die Leute dadurch Lust auf mehr Dichtkunst". Natürlich hatte sie zunächst ihre eigene im Sinn – Kostprobe aus dem Kopfkissenbüchlein:

"Ich rannte um die ganze Welt

Ich wurde müde und legte eine Pause ein

Die Pause wurde mir zum Verhängnis

Ich rollte mich krumm zusammen

Und fiel sofort in einen tiefen Schlaf".

Ob das wohl die Kopfkissenschokolade ersetzt?

"Schon immer liebte ich das deutsche Liedgut"

Moon Suk wurde in einem kleinen Dorf in Südkorea geboren. Als sie drei war, verstarb ihr Vater. Drei Jahre später ging die Mutter regelrecht stiften, ließ Moon und ihre fünf Geschwister allein. Auf Nimmerwiedersehen. "Nein", meint sie, auf diese "schwierige Kindheit" angesprochen, "damals war ich zu jung, um das zu begreifen . . . heute, wenn ich daran denke, ist das schon etwa anderes". Ihren beiden Söhnen Felix und Valentin widmet sie deshalb viel Zeit und Liebe. Sie, in der Obhut des ältesten Bruders aufgewachsen, konnte einige Jahre nicht zur Schule gehen, "und als das endlich in Seoul möglich war, in der vierten Klasse, war ich eine Fremde in der Schule, mit Provinzdialekt und lediglich Basiswissen in den Grundrechenarten und im Koreanischen". Als sie zwölf geworden war, "dämmerte" es ihr: "Ich wollte mich mitteilen, singen, westliche Musik studieren. Schon immer liebte ich das deutsche Liedgut, das ich in der Originalsprache zu erfassen und intuitiv zu begreifen suchte". Sie ging, bezeichnend für Moon, überlegt, genau planend vor, belegte an der Ewha Women`s University in Seoul das Fach Musik und besuchte für sechs Monate eine Art Volkshochschule in Korea – einziges Lernfach: Deutsch. Und hier ein weiterer Beitrag zum Gegenwartsthema Integration: In ihrem Lieblingsland angekommen, ließ sie sich von Lucretia West an der Staatlichen Musikhochschule in Karlsruhe zur Opernsängerin ausbilden und erhielt ein Richard-Wagner-Stipendium.

Sie arbeitet an einer "poetischen Komödie"

Tausendsassa-Paradiesvogel. Sie ist immer hellwach, nimmt auf, was andere übersehen, verinnerlicht das, gebiert dabei Ideen. Sie hat das Märchen "Die wilden Felder und der Krieger" geschrieben und wird es dabei nicht belassen, Unruhegeist, der sie auch ist: Moon Suk will ihr Märchen als "poetische Komödie" auf die Bühne bringen, dabei ihr eigener Regisseur sein. Sie hat genaue Vorstellungen: Die "wilden Felder" soll eine Sopranistin singen, die "Blumenfelder" wird eine Tänzerin darstellen, und der "Krieger" muss ein Multitalent sein – nämlich Sänger, Tänzer und Schauspieler zugleich.

"Ich bin in vielem deutscher als deutsch"

Sie, die "Neu-Deutsche", hat ihre Mitbürger, zu denen sie einwanderte, sehr genau studiert: "Die sind oft unzufrieden. Sie pflegen absurde Ängste, obwohl sie in meinen Augen in einem unglaublichen Luxus leben. Hier lernt man rechtzeitig zu beanspruchen, Anspruch auf Urlaub, Anspruch auf einen Lebensstandard, Anspruch auf Bildung . . . ein supertoller Sozialstaat!". Ja, sie denkt auch politisch. Hat schließlich Goethe, eines ihrer Vorbilder, auch getan. Sie möchte "aufrütteln", damit sich die Deutschen "von den Ketten ihrer Konventionen befreien können, dankbar werden für ihre Privilegien und sich freuen können am Gegenwärtigen, an der gewonnenen Bewegungsfreiheit . . . Deutschland inspiriert mich auch, weil ich das Land für seine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte respektiere".

Sie ist inzwischen "akklimatisiert", wie sie sagt, "in vielem bin ich deutscher als deutsch geworden". Und sie – Moon Suk - , die andere gern zum Träumen bringt, hat selbst einen Traum: Irgendwann einmal alle sechs Monate wo anders leben, die Welt erforschen, sich noch mehr inspirieren zu lassen, und dabei nennt sie, die ja auch Berlinerin ist, Paris, Barcelona, Rom . . .

Ach ja . . . von wegen Paradiesvogel. Das ist absolut positiv gemeint. Der Duden: "Eine Person, die durch ihr Äußeres oder Gebaren auffällt".

Wolfgang Will, Hermann Streuff

Wolfgang Will - Hallo, Hi, Grüß Gott, Guten Tag: Ich bin Wolfgang Will, Jahrgang 1931. Arbeite derzeit als Freier aus Berlin (Wissenschaft, ...

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