
- Blutrote Heidelibelle - Gerd Wellner
Nieselnd und wolkenverhangen ist es an einem Samstagmorgen nahe bei Königsdorf, südlich von München. Unheimliche Moorstimmung eben – Elfen kommen einem in den Sinn. Pünktlich sind die Teilnehmer der Exkursion da. Die Leute haben Regenjacken und Gummistiefel an. Und dann geht es schon los. Einer hinter dem anderen, geführt von Birgit Weis, einer Försterin. Es gehe querfeldein, warnt sie gleich zu Beginn. Jeder achtet demnach genau darauf, wohin er tritt. Das Gelände ist buckelig, nass und schlammig. Der Bewuchs ändert sich immer wieder. Einmal ist eine ganze Fläche lila Besenheide zu sehen. „So üppig gehört sie hier nicht hin. Hier ist es zu trocken“, sagt Weis. Dann verschwindet die Heide und macht Wollgras und Moosen Platz, den echten Einheimischen dieser Gegend. Alles geschieht beinahe plötzlich, übergangslos, wie in Abschnitte getrennt. Selbst für den Laien erkennbar. Beide Pflanzenarten wachsen wie durch unsichtbare Grenzlinien getrennt. Und um genau das geht es in dem Weidfilz und in den anderen Mooren in der Region Bad Tölz-Wolfratshausen. Heute muss wieder gut gemacht werden, was das systematische Austrocknen der letzten Jahrzehnte, gar Jahrhunderte, angestellt hatte.
Das Weidfilz bei Königsdorf ist mit 250 Hektar das größte Moor und das erste Projekt im Landkreis, das 2005 teilweise renaturiert wurde. Das Moor ist nach der letzten Eiszeit vor circa 20.000 Jahren entstanden. Damals rieb der Isargletscher das Königsdorfer Becken aus. Durch Verdichtung von Laub und Niederschlägen begann die Vermoorung. Laut dem Landesbund für Vogelschutz (LBV) ist Bad Tölz-Wolfratshausen mit 25 Prozent seiner Fläche, der moorreichste Landkreis in Bayern. Moore sind wichtige Wasserspeicher, die den Naturhaushalt bei Stark- und Dauerregen regulieren können.
Ruderstrecke für Olympiade
Inzwischen hat der Regen eingesetzt; der „Moor-Expedition“ macht er nichts aus. Feucht ist es hier überall, einmal mehr, dann wieder weniger. Weis erklärt der Gruppe die Geschichte der Trockenlegung. Bereits Mitte des 19ten Jahrhunderts habe das Torfstechen zur Brennstoffgewinnung begonnen. Nach dem ersten Weltkrieg wurde das Stechen maschinell fortgesetzt. In den Sechzigern begann man mit dem Drainagegräben ziehen und legte das Moor endgültig systematisch trocken. Über drei Bäche fließt das Wasser teils heute noch ab in die Loisach. In den Siebzigern zur Olympiade, wollte man eine 200 Meter lange Ruderstrecke mitten durch das Weidfilz bauen. Gleichzeitig wurden Grundstücke an Auswärtige verkauft. Die Ruderstrecke kam nicht; die Grundstücke durften nicht bebaut werden und sind bis heute private Erholungsgebiete geblieben. Die Besitzer, teils aus Südtirol oder Österreich, verloren mit der Zeit das Interesse. Ihre Ferienhütten von damals sind zu Ruinen geworden, um die sich keiner mehr kümmert.
Aus Heideflächen werden wieder Moorflächen
Schon zwei Stunden ist die Gruppe zu Fuß unterwegs. Allmählich bekommen alle nasse Füße. Einer hat seine unbrauchbaren Turnschuhe bereits ausgezogen. Er geht barfuß und ist sich scheinbar sicher, keiner selten gewordenen Kreuzotter zu begegnen. Eine Teilnehmerin leert gerade die Gummistiefel aus. Sie will den Wasserpegel im Schuh senken. Es ist sumpfig geworden. Das Eintauchen bis zu den Knien im Morast bleibt keinem mehr erspart. Überall sind größere Tümpel zu sehen, umrandet von schwarzem und braunem Torf. Endlich ist die Gruppe im echten Weidfilz angekommen. In einem Teil der wieder vernässten 20 Hektar. Birgit Weis erklärt beim Zwischenstopp, wie das vor sich ging: „Ganz einfach. Man füllt die Drainagegräben mit Torf und verdichtet sie.“ Das Wasser laufe nicht mehr ab, bleibe abschnittweise darin stehen und die Natur regle den Rest dann ganz von selbst. Aus den Heideflächen werden sumpfige Moorflächen. 2005 hatte man in nur zwei Wochen Arbeitszeit die 15 Kilometer langen Drainagegräben, die das gesamte Weidfilz durchziehen, mit Baggern gefüllt und mit 300 Torfdämmen durchbrochen. Seither hat sich der Lebensraum für die Pflanzen und Tiere im Moor wieder regeneriert. Kürzlich haben Mitglieder vom LBV zwanzig Libellenarten gezählt. Die „Kleine Moosjungfrau“ ist vom Aussterben bedroht. Sie steht wie die Kreuzotter als gefährdetes Lebewesen auf der roten Liste.
Birgit Weis zeigt auf einen der vielen kleinen Tümpel. „Wäre das Wetter heute schöner, hätten wir die Libelle beobachten können.“ Und plötzlich kommen die unheimlichen Moorgedanken wieder zurück, an dem immer noch grauen Samstagmorgen. Und zu den Gedanken gesellen sich rot schillernde Elfen dazu. Es gibt sie noch – die „Kleinen Moosjungfrauen“.
