
- Árni Thórarinsson schreibt über Konflikte. - Droemer / Knaur Verlag
Eine junge Frau wird ermordet. Das ist schlimm genug. Wie viel schlimmer aber wird diese Geschichte erst, wenn das Mordopfer noch nicht einmal von seiner Familie vermisst, sondern nur aufgrund eines mysteriösen Hinweises gefunden wird?
Ein Haus - geheimnisvoll und verflucht
Einar, Journalist bei der Lokalzeitung Abendblatt in der isländischen Stadt Akureyri, erhält einen anonymen Anruf und entdeckt daraufhin in einem leerstehenden Haus die Leiche eines siebzehnjährigen Mädchens. Auf den ersten Blick scheint sich die junge Frau die Pulsaderen geöffnet zu haben, aber nach einer Untersuchung in der Gerichtsmedizin steht fest, dass sie sich nicht selbst getötet hat, sondern ermordert wurde. Nicht nur der Tatbestand des Mordes halten Einar und Hauptkommissar Ólafur auf Trab - es werden weitere prekäre Details entdeckt: Das Mädchen hat Einstichstellen am Arm und war zudem schwanger.
Vater sein ist manchmal schwer
Ausgerechnet jetzt findet in Akureyri ein mehrtägiges Volksfest statt, das bei den Einwohnern der Stadt sehr beliebt, bei der Polizei jedoch gefürchtet ist, weil dieses fest jedes Jahr von zu viel Alkoholkonsum, sexuellen Übergriffen und Gewalt im Allgemeinen geprägt ist. Und als hätte Einar nicht schon genug damit zu tun, als Reporter bei all diesen Ereignissen am Ball zu bleiben, bekommt er auch noch Besuch von seiner sechszehnjährigen Tochter Gunnsa und ihrem Freund Raggi. Einar missfällt die Situation, weil er die Zeit mit seiner Tochter nicht nutzen kann und macht sich zudem Sorgen um sie, weil sie das Volksfest in vollen Zügen genießen will und sich dabei selbst in Gefahr begibt.
Ermittlungen ohne Erfolg
Sowohl Einar also auch der Kommissar versuchen, in dem Fall weiter zu kommen - ohne Erfolg. Niemand scheint das tote Mädchen zu vermissen und niemand scheint etwas gesehen haben. Die Situation ändert sich, als sich die mysteriöse Anruferin wieder bei Einar meldet. Sie nennt sich Victoria und hat das Mordopfer bei einem Drogenentzug kennengelernt. Die junge Frau bekommt nun endlich einen Namen: Pálína. Obwohl Pálína viel jünger als Victoria war, hatten sich die beiden Frauen angefreundet. Victoria scheint sich wünschen, dass der Täter gefasst wird und hat sich für diese Aufgabe Einar auserkoren, jedoch wirkt sie oft verwirrt, spricht sie in Rätseln und gibt ihr Wissen nur bruchstückhaft preis.
Undercoveragent im Einsatz
Einar lässt der Fall nicht mehr los und obwohl Victoria nicht immer glaubwürdig erscheint, vertraut Einar ihr und lässt sie sogar in seiner alten Wohnung in Reykjavík übernachten. Um herauszufinden, was wirklich geschah, ermittelt er undercover und lässt sich als Patient in die Entziehungsklinik einschleusen. Sehr langsam gelingt es Einar, Licht ins Dunkel zu bringen. Aber dann wird Victoria ermordet.
Konflikte in isländischer Gesellschaft
Árni Thórarinsson hat mit Ein Herz so kalt nicht nur einen Kriminalroman über einen individuellen Fall geschrieben, sondern er hat ein Bild der isländischen Gegenwart gezeichnet. Dabei muss sich der deutsche Leser erst einmal darüber klar werden, dass die isländische Gesellschaft und Mentalität eine andere sind ist als unsere und sich so mancher Abgrund auftut . Die Isländer wirken recht melancholisch und fatalistisch, das kommt in Ein Herz so kalt stark zum Ausdruck. Insofern schreibt Thórarinsson sehr authentisch und schnörkellos. Alkohol scheint - auch bei jungen Menschen - im alltäglichen Leben eine sehr große Rolle zu spielen und junge Menschen führen - das sieht man an Einars Tochter Gunnsa - sehr früh ein selbstbestimmtes Leben und treffen sehr früh und mit Nachdruck ihre eigenen Entscheidungen.
Traurige Geschichte und glaubhafte Figuren
Ein Herz so kalt ist kein Krimi von der Stange. Die Handlung ist traurig und dabei sehr eindringlich. Es ist keine einfache Geschichte, die man zwischendurch liest. Thórarinsson hat einen Roman geschrieben, auf den man sich wirklich einlassen und für den man sich Zeit nehmen muss. Ebenfalls sehr eindringlich und sehr gelungen sind die Charaktere des Romans, allen voran Einar. Eigentlich ein schnoddriger und kauziger Antiheld, zeigt er aber immer wieder, dass er ein gutes Herz hat und dass ihm das Schicksal seiner Mitmenschen nicht egal ist. Sehr sympathisch wirkt er in seinem Zwiespalt, einerseits die Morde an Pálína und Victoria unbedingt klären zu wollen, anderseits sich mehr Zeit für seine Tochter zu wünschen. Auch dass in den Mordfällen nicht die große Story für die Zeitung wittert, sondern er als Mensch mit Mitgefühl agiert, macht ihn liebenswert.
Für Krimifans ein Muss
Wer gern Kriminalromane liest, sollte sich Ein Herz so kalt nicht entgehen lassen. Es ist ein besonderer Roman, den man sich als Leser erst erobern muss. Wer sich darauf einlässt, erhält Einblicke in eine Welt, die eigentlich gar nicht so weit von unserer entfernt und doch so anders ist, und wird außerdem eintauchen in eine Geschichte, die einen noch Tage nach der Lektüre beschäftigt.
Leseempfehlung: Thórarinsson, Árni: Ein Herz so kalt. Droemer / Knaur 2011. 416 Seiten. 19,99 Euro.
Bildnachweis: © Droemer / Knaur Verlag.
Ein herzliches Dankeschön für das Rezensionsexemplar an den Dromer / Knaur Verlag.
