Mord im Ländle: Baden-Württemberg-Krimis

Spielt in Ravensburg: Adlerschießen  - Silberburg Verlag
Spielt in Ravensburg: Adlerschießen - Silberburg Verlag
Egal ob in Stuttgart, Oberschwaben oder auf der Schwäbischen Alb: In Baden-Württemberg wird gemordet was das Zeug hält - zumindest in der Literatur.

Er ist zu einem großen Namen unter den Krimi-Schriftstellern geworden: Ulrich Ritzel, der Mann, der den Ulmer Kommissar Hans Berndorf erfand. Berndorf ist mittlerweile in Rente und seinen nächsten Fall löst der ehemalige Kommissar als Privater Ermittler in Berlin. „Schlangenkopf“, lautet der Titel von Berndorfs neuestem Fall, in den der Leser ab Anfang November eintauchen kann. Ulm ist kriminalistisch dennoch nicht verwaist, denn neben Berndorfs Nachfolgern Tamar Wegenast und Markus Kuttler gehen an der Donau auch noch einige Kommissare und Privatdetektive lokal bekannter Autoren ihren Geschäften nach. Doch die Münsterstadt ist nicht der einzige Ort in Baden-Württemberg der zahlreiche Mordfälle zwischen zwei Buchdeckeln aufzuweisen hat, auch andernorts im Ländle geht es mordsmäßig zu.

Stuttgarter Mordfälle

Keinesfalls unterbeschäftigt sind die Ermittler in der Landeshauptstadt, der bekannteste unter ihnen dürfte wohl Georg Dengler sein. Der Held in den Krimis von Wolfgang Schorlau war früher Kommissar beim BKA, wo er den Dienst quittierte, weil er nicht mit allen Machenschaften der BKA-Herrschaften einverstanden war. So verdient sich Dengler sein Geld nun als Privater Ermittler in Stuttgart, wobei „in Stuttgart“ nicht ganz richtig ist. Dort wohnt der Detektiv zwar, seine Fälle führen ihn aber überall hin, sei es nach München, wo er das Oktoberfestattentat noch einmal aufrollt oder auch in die Toskana, Dengler ist reichlich oft unterwegs. Stuttgarter Mordfälle sind nicht seine Spezialität, aber dafür gibt es ja auch „richtige“ Polizisten, etwa Kommissar Rosenblüt, der in Heinrich Steinfests „Ein sturer Hund“ ermittelt, wenngleich auch in diesem Krimi um eine durchgedrehte englische Geheimdienstmitarbeiterin mit Michael Cheng ein Privatdetektiv im Mittelpunkt steht.

Rosenblüt ermittelt auch in Steinfests „Wo die Löwen weinen“, in dem es um S 21 geht, für diesen Fall kehrt der mittlerweile pensionierte Kommissar sogar von München ins Schwäbische zurück, um noch einmal seiner Arbeit nachzugehen. Anders als viele Krimiautoren, die stets denselben Ermittler in der immer gleichen Stadt seine Beschäftigung ausüben lassen, siedelt Steinfest seine Krimis jedoch in unterschiedlichen Städten an und kreiert folglich auch verschiedene Ermittlerfiguren, die dann in anderen Steinfest-Krimis wieder auftauchen können, etwa der einarmige Detektiv Michael Cheng. Cheng ermittelte erst in Wien, während er in „Ein Sturer Hund“ seine Detektei mittlerweile nach Stuttgart verlegt hat. Kommissar Rosenblüt wiederum kommt in „Die feine Nase der Lilli Steinbeck“ gegen Ende zu einem kurzen Einsatz, als es im Naturkundemuseum der Stadt zu einem Showdown kommt, nachdem die Protagonisten vorher durch die halbe Welt gereist sind.

Rosenblüt ist natürlich nicht der einzige Kommissar in der baden-württembergischen Hauptstadt, auch Lisa Nerz, Kommissarin in den Krimis von Christine Lehmann, ermittelt meist in Stuttgart, dazu kommen zahlreiche weitere Stuttgart-Krimis.

Wolfgang Schorlau: Die letzte Flucht. Taschenbuch, 351 Seiten, KiWi 2011. 8,99 Euro.

Heinrich Steinfest: Wo die Löwen weinen. Gebunden, 300 Seiten, Theiss 2011. 19,95 Euro.

Karlsruhe, Heidelberg und die Provinz

Auch andere schwäbische und badische Städte haben jedoch ihre Mordfälle, die gelöst werden wollen, wofür in Karlsruhe der frankophile Oskar Lindt zuständig ist. Des Kommissars Motto lautet „In der Ruhe liegt die Kraft“, weshalb er sich erst einmal eine Pfeife anzündet, wenn es um ihn herum hektisch wird. Lindt-Erfinder Bernd Leix ist eigentlich ein studierter Forstwirt und wirkt auch selbst alles andere als hektisch. Ebenfalls Karlsruhe- vor allem aber Heidelberg-Krimis schreibt Wolfgang Burger. Sein Heidelberger Ermittler Alexander Gerlach ist ein alleinerziehender Vater und pflegt ein Verhältnis mit der Frau seines Chefs.

Wer nun glaubt, auf der ländlichen Alb ereigneten sich keine Mordfälle der irrt. So ermittelt in und um Geislingen herum seit Jahren Manfred Bomms Kommissar August Häberle. Seit seinem ersten Mordfall in „Himmelsfelsen“, in dem der Geislinger Gerald Fronbauer, Besitzer einer Diskothek im Ulmer Donautal, vom titelgebenden Felsen gestürzt wird, hat Häberle zehn weitere Mordfälle gelöst und das in nur sieben Jahren. Auch Oberschwaben ist ein mörderisches Pflaster. Schon 1988, lange bevor die Regionalkrimis so richtig in Mode kamen, ließ Felix Huby den Stuttgarter Kommissar Bienzle in Ravensburg ermitteln. „Bienzle und das Narrenspiel“ hieß der Krimi, der auch als Tatort mit Robert Atzorn verfilmt wurde. Ebenfalls in der Spiele-Stadt angesiedelt ist „Adlerschießen“ von Eri Pfeffer, in dem alles schon für das Rutenfest vorbereitet ist, als ein Toter entdeckt wird. Doch nicht nur in Ravensburg wird gemordet, sondern in ganz Oberschwaben und auch sonst im Ländle, egal ob Schwarzwald, Remstal, Bodensee – überall sind die Mörder los.

Manfred Bomm: Blutsauger. Taschenbuch, 488 Seiten, Gmeiner 2011, 11,90 Euro.

Wolfgang Burger: Der fünfte Mörder. Taschenbuch, 320 Seiten, Piper 2011, 9,95 Euro.

Bernd Leix: Fächergrün. Taschenbuch, 273 Seiten, Gmeiner 2011. 9,90 Euro.

Eri Pfeffer: Adlerschießen. Taschenbuch, 185 Seiten, Silberburg 2011. 9,90 Euro.

Qualitätsunterschiede

Die Qualitätsunterschiede der Kriminalromane sind jedoch zum Teil beachtlich. Bräsig-provinzielle Krimis sind ebenso dabei, wie solche von sehr hohem Niveau, so sind Heinrich Steinfest und Ulrich Ritzel mehrfach krimipreisgekrönt und auch Wolfgang Schorlau durfte die Ehrung schon entgegennehmen. Vielen Lesern scheint das teilweise niedrige Niveau allerdings egal zu sein, sie lieben an den Regional-Krimis die Nähe zu ihrem Erlebnisraum, bekannte Viertel und Straßen oder auch Lokale werden erwähnt und hinter der ein oder anderen Person verbirgt sich mitunter reale Lokalprominenz. Gerade das provinziell-gemütliche, auch mal brachial-lustige ist es wohl, was die Leser lieben, so kommt der Allgäuer Kommissar Kluftinger seit Jahren bestens an, auch bei den Baden-Württembergern. Kluftingers Heimatort Altusried gehört allerdings nicht mehr zum Ländle, er liegt schon jenseits der Grenze in Bayern.

Angela Fehr - Geboren und aufgewachsen im "Ländle", zog ich später nach München, wo ich eine schöne Zeit verbrachte und an der LMU ...

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