Mord und Totschlag im Wallraf - Dr. Benecke lehrte das Gruseln

Dr. Mark Benecke - Felix Linde
Dr. Mark Benecke - Felix Linde
Der bekannte Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke stellte im Wallraf das Wissen mittelalterlicher Meister um Verletzungen und Tod auf den Prüfstand.

Am 01.09.2011 lud das Wallraf-Richartz-Museum in Köln, kurz Wallraf genannt, zu einem Vortrag der besonderen Art in den Stiftersaal ein. Auch wenn die aktuelle Sonderausstellung "Tat Ort Museum" eher die Arbeit der Restauratoren zum Thema hat, so nahm man in der Vortragsreihe "KunstBewusst" das Thema wörtlich und bat den Kölner Kriminalbiologen Dr. Mark Benecke, einmal nachzuforschen, wie viel man eigentlich über das mittelalterliche Wissen zu Anatomie, Todesursachen und Tod und Sterben allgemein aus den alten Gemälden ablesen kann.

Wer nun womöglich einen trockenen medizinischen Vortrag erwartet hatte, dürfte, schon bevor die Veranstaltung begann, ein wenig gestaunt haben. Benecke, in schwarzem Hemd und schwarzer Lederhose, mit Ohrringen und markanten Tattoos, ist für sich genommen bereits eine ungewöhnliche Erscheinung und seit neuestem sogar in der Express-Liste der 111 bekanntesten Kölner Promis zu finden. Doch diesmal wurde er auch noch von Kaninchen Hermine begleitet, das die ganze Zeit aufmerksam mümmelnd in einer Reisetasche zu seinen Füßen saß und zuhörte. Kein Wunder, dass die Kleine kurzfristig mehr Aufmerksamkeit bekam als Benecke selbst.

Moleküle statt Kölsch

Nach einer kurzen Einleitung durch den Museumsdirektor, Dr. Andreas Blühm, legte Dr. Benecke erst einmal ein paar 4711-Tücher parat, für den Fall, dass jemand ohnmächtig werden sollte. Und dann versuchte er anhand eines Alkoholmoleküls, dem er ein Plakat mit leckerem Kölsch gegenüberstellte, "seine Welt" zu erklären. Worauf er damit hinaus wollte, war natürlich, dass er als Wissenschaftler sich nur auf ganz bestimmte Fragen konzentriert und Emotionen vollständig ausschalten muss. Während er also das Alkoholmolekül sieht, sieht der Normalsterbliche das lecker Kölsch, bei dem ihm das Wasser im Munde zusammenläuft. Oder, auf den Umgang mit einer Leiche übertragen: Den Kriminalbiologen interessiert, wann, wie und wo jemand gestorben ist, aber nicht, was für eine Vorgeschichte der Tote hatte, ob er ein sympathischer oder unsympathischer Mensch, ob alt oder jung, alleinstehend oder Familienvater etc. war. Genau so darf er sich nicht durch "Vorurteile" in die Irre führen lassen. Etwas, das wie eine Schusswunde aussieht, kann durchaus durch Käferfraß verursacht worden sein. Oder Käferflügel, die in einem Schrein gefunden werden, müssen nicht aus der Zeit stammen, zu der der Heilige verstorben ist. Er muss also Abstand wahren, darf das Geschehen nicht an sich heranlassen, wenn er eine akribische, wissenschaftliche Antwort finden will.

Blutige Löcher und geschlossene Münder

Das erste Bild, dass sich Benecke nun vornahm, war eine Darstellung des Christus als Schmerzensmann aus der Zeit um 1480. Hier ging es vor allem um die Löcher in den Händen. Diese sind zwar prinzipiell korrekt dargestellt, aber man hat inzwischen nachgewiesen, dass der Körper zu schwer wäre, als dass die festgenagelten Hände die Last halten könnten - sie würden zerrissen. Daher geht man heute davon aus, dass die Nägel tatsächlich durch die Handgelenke geschlagen wurden.

Bei einer Auferstehung Christi widmete sich Benecke dem Loch in der Brust. Oft wird gesagt, der Soldat habe mit dem Lanzenstich prüfen wollen, ob der Verurteilte tot sei. Auf dem Gemälde tritt aus der Wunde jedoch Blut aus. Tatsächlich geht man heute davon aus, dass der Lanzenstich dazu diente, den Tod zu beschleunigen. Er musste an dieser Stelle wichtige Organe treffen und zu einem inneren Verbluten führen. Da der Kreuzigungstod sich über etliche Stunden hinziehen konnte, der Verurteilte aber bis zum Tod bewacht werden musste, war das eine Methode, "die Arbeitszeit zu verkürzen".

Oft wird der tote Christus mit geschlossenen Augen und geschlossenem Mund dargestellt. Allerdings sind die Augen von Toten häufig offen und der Kiefer klappt normalerweise nach unten. Ursache für diese "falsche" Darstellung ist wahrscheinlich der Jahrhunderte alte Brauch, den Toten die Augen zu schließen und den Kiefer hoch zu binden oder auf andere Weise zu fixieren.

Eine Darstellung vom Martyrium des Hl. Sebastian warf die Frage auf, weshalb die Schützen nicht einfach zum Beispiel auf den Kopf gezielt, sondern den Heiligen stattdessen am ganzen Körper regelrecht mit Pfeilen gespickt hatten. Hier konnte Benecke nachweisen, dass selbst die Pfeile in den Beinen sich an Stellen befinden, wo man mit lebensgefährlichen Verletzungen rechnen muss, weil dort sehr dicke Adern verlaufen.

Merkwürdig scheint auch nur auf den ersten Blick, dass die Hunnen die Hl. Cordula mit Pfeilen in den Hals schießen, um sie zu töten. Da dort vier große Adern verlaufen, ist die Wahrscheinlichkeit, jemanden tödlich zu treffen, dort besonders hoch.

Nichts für schwache Nerven

Und an dieser Stelle kam, was kommen musste, trotz aller Warnungen, bei besonders grausigen Bildern wegzuschauen: Nicht die mittelalterlichen Gemälde waren es, sondern die zur Erläuterung gezeigten Fotos von echten Leichen, die einen Gast in Ohnmacht versinken ließen. Da hatten natürlich gleich die 4711-Tüchlein ihren großen Einsatz und zur allgemeinen Nervenberuhigung zeigte Dr. Benecke ein Hello-Kitty-Wallpaper und ein nettes Kaninchenfoto, ehe es blutrünstig weiter ging.

Zum Abschluss konnte er noch nachweisen, dass die grünlichen Verfärbungen von Wundrändern in einem Gemälde korrekt dargestellt sind, denn sie werden von einem grünen Bakterium namens Pseudomonas verursacht. Und auch der von Dämonen gepeinigte Hl. Antonius zeigt realistische Züge eines von Wahnvorstellungen gequälten Menschen.

Death is not the end ...

Aus all dem ließ sich ableiten, dass die mittelalterlichen Künstler, die fast tagtäglich mit dem Tod konfrontiert waren, wesentliche Details sehr realistisch abgebildet haben. Wo dies nicht der Fall ist, hängt das meist damit zusammen, dass sie entsprechende Todesarten, wie etwa den Kreuzigungstod, nicht kannten und auch keine Möglichkeit hatten, durch Experimente herauszufinden, was bei der Darstellung zu beachten war.

Und zu guter Letzt versicherte Dr. Benecke noch glaubhaft: "Der Tod ist nicht das Ende! Erst kommen die Maden, dann die Polizei, dann der Kriminalbiologe ..." Ob das die Zuhörer wirklich beruhigt hat?

Wer noch mehr zum Thema und/oder zur Person wissen möchte, dem sei Dr. Mark Beneckes Homepage empfohlen.

Ach ja, Piratin bin ich auch gelegentlich ... ;-), Tom Plum

Yvonne Plum - Ich bin seit 1990 Stadtführerin in Köln und fast genau so lange als Autorin tätig, wobei mein besonderes Interesse dem ...

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