Moselromanisch - eine weitere kleine Tochter von Mutter Latein?

Porta Nigra Trier - Stadt Trier
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Auch nach dem Wegzug der Römer wurde an der Mosel noch sehr lange eine romanische Sprache gesprochen. Mutter Lateins kleine Tochter fühlte sich hier wohl.

Historiker sind erstaunlich gut informiert über die immerhin zwei Jahrtausende zurückliegende Epoche der römischen Besatzung in Deutschland. Als Quellen und Belege dienen nicht nur die großen Bauwerke dieser Zeit und die Nachweise zu den großen politisch-militärischen Ereignissen. Das Alltagsleben dieser Epoche kann auch rekonstruiert werden. Das Römisch-Germanische Museum in Köln vermittelt einen lebendigen Eindruck vom römischen Leben in Germanien. Kleidung, Wohnungseinrichtung, Spielzeug, Schmuck, Kochgefäße und Essgeschirr – alles ist dort zu besichtigen. Im Vergleich zu diesem relativ klaren und fundierten Bild sind die Übergänge vom Römerreich zum Frankenreich nicht ganz so vollständig. Man spricht daher in der Geschichtswissenschaft sogar von der „Lücke des 5. Jahrhunderts“.

Neuere Forschungen zum Übergang in dieser Epoche haben ergeben, dass mit Sicherheit mit dem Fortbestehen eines großen Teils der bestehenden Siedlungen über den Zusammenbruch des Römischen Reiches hinaus gerechnet werden muss. Die Besiedlung der Franken konzentrierte sich auf landwirtschaftlich leicht nutzbare Gegenden. Neben den von den Franken neugegründeten Höfen bestanden viele in der römischen Zeit gegründete Siedlungen fort. Die meisten dieser fortbestehenden Siedlungen lagen im Tal der Mosel und an ihren Nebenflüssen. Lebensgrundlage der Bevölkerung war bereits damals wie heute der Weinbau. Wie lange konnte sich die kleine Tochter von Mutter Latein gegen den übermächtigen Druck der fränkischen Sprache, der Sprache der neuen Herren dieser Region, behaupten?

Die großen und kleinen Töchter von Mutter Latein

Die großen vom Latein abgeleiteten Sprachen sind Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Rumänisch. Zu der gleichen Sprachfamilie gehören weitere, nicht weniger nette Töchter von Mutter Latein: Katalanisch (in der Region Barcelona), Rätoromanisch (Schweiz), Provenzalisch, die Sprache der Troubadours, die als Dialekt in Südfrankreich weiterlebt. Nach einer vor allen Dingen von Wolfgang Jungandreas entwickelten Theorie wurde aber auch an der mittleren und unteren Mosel noch bis zum 12. Jahrhundert ein romanischer Dialekt gesprochen, der ebenfalls aus dem Lateinischen entstanden ist und eine vom Französischen unabhängige, wenn auch ähnliche Entwicklung genommen hat. Der Nachweis für diese Theorie ist extrem schwierig, da keinerlei literarische Dokumente dieser Epoche vorliegen. Aber auch ohne solche Dokumente gibt es wissenschaftlich fundierte Indizien für die Existenz einer solchen vom Latein abgeleiteten Sprache bis zum Ende des 12. Jahrhunderts.

1. Indiz für eine romanische Sprachinsel: Veränderungen von Orts- und Flurnamen

Aus der Veränderung der ursprünglich lateinischen Orts- und Flurnamen lässt sich ablesen, welche Entwicklung die gesprochene Sprache im Laufe der Jahrhunderte genommen hat. Hierzu ein Beispiel: Das lateinische Wort „vallovia“ (Mauerweg) taucht um 1130 als „valefeia“ (heute „Valwig“) auf. Aus dieser Veränderung lassen sich ganz bestimmte Lautveränderungen ablesen (i wird zum Beispiel zu ei). Findet man die gleiche Lautveränderung auch bei anderen Wörtern, so kann man daraus feste Gesetzmäßigkeiten und Regeln ableiten. Dies hat Wolfgang Jungandreas in seiner Studie „Zur Geschichte des Moselromanischen“ (Wiesbaden 1979) ausführlich dargestellt.

2. Indiz für eine romanische Sprachinsel: Romanisch-deutsche Doppelnamen

Ein besonders einleuchtendes Argument dafür, dass an der Mosel eine solche romanische Sprachinsel bestand, ist der im 13. Jahrhundert häufig zu beobachtende Prozess der Übersetzung der romanischen Orts- und Flurnamen ins Deutsche. Solche Übersetzungen weisen auf eine Zeit des Übergangs hin. Teile der Bevölkerung waren noch zweisprachig, verstanden also noch die Bedeutung des romanischen Wortes, sprachen aber auch schon Deutsch. Einige Beispiele: „Belcamp“ wird zu „Schoneveld“ (heute „Schönfelderhof“); „Chevermont“ wird zu „Gezberch“ (heute „Geißberg“); „Vilare“ wird zu „Dorphe“ (heute „Dorf“ bei Wittlich). Häufig kommt es auch zu Doppelnamen, bei denen die deutsche Übersetzung an den romanischen Namen angehängt wird. „Munt“ (Berg) wird zu „Mund-Berg“, „Puntel“ (kleine Brücke) wird zu „Pontelbrückchen“.

3. Indiz für eine romanische Sprachinsel: Ortsnamen mit "Welsch"

Die Sprecher von romanischen Sprachen wurden im Mittelalter als „Wale“ (Adjektiv „welsch“) bezeichnet. Dieses Wort finden wir auch heute noch in dem Ausdruck „Kauderwelsch“, der Bezeichnung für eine unverständliche Sprache. Wenn also ein Ort, der immer mit dem Namen „Billig“ bezeichnet wurde, im 12. Jahrhundert in Urkunden „Welschbillig“ genannt wird, so deutet dies darauf hin, dass hier noch eine „welsche“, eine romanische Sprache gesprochen wurde. Orts- und Flurnamen mit der Bezeichnung „Wale“ oder „Welsch“ sind aber an der Mosel keine Seltenheit: Welschbillig, Welscherath, Welschenbach, an der Welschen Kehr (bei Senheim), um hier nur einige zu nennen.

Die Forschung unterstützt also die These, dass der Übergang vom Römischen zum Fränkischen Reich keineswegs als abrupter und vollständiger Wechsel anzusehen ist. Mutter Lateins kleine Tochter, das Moselromanische, war noch ziemlich lange an der Mosel lebendig.

Johannes Dohler, Johannes Dohler

Johannes Dohler - Johannes Dohler - E-Mail: johannes.dohler@googlemail.com Jahrgang 1945, Geburtsort: Cochem/Mosel, Studium der Anglistik und Romanistik, ...

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