Kurz vor dem Untergang der DDR dokumentierte Erich Honecker mit seiner Feststellung, die Mauer stehe auch in hundert Jahren noch das Selbstbewusstsein, mit dem der sozialistische Arbeiter- und Bauernstaat sich auf der Landkarte zu behaupten glaubte. In der Tat dachte niemand in den 70er und 80er Jahren tatsächlich an eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten, am wenigsten wohl die DDR-Bürger selbst. War aber die Existenz der DDR wirklich so sicher?
Die deutsche Teilung in der Frühphase des Kalten Krieges
Bereits mit der Ablehnung der Stalin-Note 1952, mit der der sowjetische Staats- und Parteichef den Alliierten und dem damaligen Bundeskanzler die Vereinigung Deutschlands unter den Bedingungen politischer Neutralität vorschlug, offenbarte, dass die DDR von sowjetischer Seite nicht von Dauer sein müsse. Adenauer lehnte diese Offerte ab, da er die junge Bundesrepublik fest in den westlichen Strukturen verankert wissen wollte: ein vereintes Deutschland ja, ein neutrales Deutschland nein. Die Niederschlagung des Aufstandes am 17. Juni 1953 und der Bau der Berliner Mauer festigten dann auch die Position der DDR in der bipolaren Welt des Kalten Krieges.
Ende der 60er Jahre unternahm der Ulbricht-Zögling Honecker Anstrengungen, seinen Ziehvater zu beerben. Nach dem Sturz Chrustschows gelang es Honecker, bessere Kontakte zum neuen Parteichef Breshnew aufzubauen, als Walter Ulbricht. Mit brachialer Gewalt und Intrige erwirkte Honecker Breshnews Zustimmung, neuer Generalsekretär der SED zu werden. Die Worte, die Breshnew ihm dabei auf den Weg gab, charakterisierten das Verhältnis Moskaus zu Ost-Berlin: „Erich, ich sage dir offen, vergiss das nie: Die DDR kann ohne uns – ohne die SU (Sowjetunion, Anm. des Verfassers), ihre Macht und Stärke – nicht existieren. Ohne uns gibt es keine DDR.“ (zit. in: Lorenzen, Erich Honecker. Eine Biografie, 2001)
Von der Breshnew- zur „Sinatra-Doktrin“
Die Worte Breshnews wurden zu dessen Lebzeiten nie laut. Dennoch begründen sie die unzerbrechliche „Freundschaft“ der DDR mit der Sowjetunion – und ihre Unfähigkeit, politisch eigenständig zu agieren. Daher war die DDR auch überfordert, als der sowjetische Bruder aufhörte, ihre inneren Angelegenheiten zu bestimmen. Der Reformpolitiker Michail Gorbatschow gab zu verstehen, dass die osteuropäischen Staaten Glasnost und Perestroika nachvollziehen und ihre wirtschaftlichen und politischen Probleme eigenständig lösen sollten. Diese Politik wurde in Anlehnung an Frank Sinatras Lied „I Did It My Way“ vom Pressesprecher des Kreml Gennadi Gerassimow ironisch als „Sinatra-Doktrin“ bezeichnet. Tatsächlich wurde die „Sinatra-Doktrin“ jedoch zur Gorbatschow-Doktrin. Mit ihr beendete Gorbatschow die Doktrin Breshnews, nach der jeder Widerstand in den sowjetischen Satellitenstaaten auch mit militärischer Gewalt zu beenden sei.
Die Doktrin ermöglichte es auch, der sowjetischen Führung und ihren Beratern den im Kalten Krieg festgeschriebenen Status quo in Bewegung zu setzen. Die deutsche Bundesregierung forcierte Ende der achtziger Jahre Gerüchte, nach denen eine sowjetische Deutschlandstudie die „Lösung“ der deutschen Frage erörtere. Bestätigung fanden diese Gerüchte bisher nicht. Dennoch bewegte sich Moskau. Der Deutschlandexperte Nikolai Portugalow begab sich 1987 in einem Artikel in Widerspruch zu Honeckers Position, nach der Ost- und Westdeutsche nicht der gleichen Nation angehörten.
Bewegung in der deutschen Frage
Es war der sowjetische Militärhistoriker und außenpolitische Berater Gorbatschow Wjatscheslaw Daschitschew, welcher den Mut besaß, die deutsche Teilung nun auch offen in Frage zu stellen. Daschitschew leitete seit April 1987 eine Beratergruppe des sowjetischen Außenministeriums. Sein erstes Projekt in dieser Funktion war ein Seminar zur deutschen Frage. Er hielt er am 27. November 1987 ein Referat, in dem er für die künftige Entwicklung Deutschlands sechs Möglichkeiten erörterte: 1. die Beibehaltung des Status quo, 2. ein vereinigtes, neutrales Deutschland, 3. ein in die NATO integriertes Deutschland, 4. das Fortbestehen Ost- und Westdeutschlands als neutrale Staaten, 5. eine Konföderation und 6. der Abschluss eines Friedensvertrages mit DDR und Bundesrepublik unter Beibehaltung ihrer Bündniszugehörigkeit. (vgl. Stent, Rivalen des Jahrhunderts. Deutschland und Russland im neuen Europa, 1999)
Dabei ging Daschitschew davon aus, dass die Lösung des Status-quo, also die Teilung Deutschlands unter den im Kalten Krieg festgeschriebenen Bedingungen, auf Dauer für die Sowjetunion nicht förderlich wäre. Ein Jahr später erklärte er auch, dass ein gemeinsames europäisches Haus – eine Vision Gorbatschows im Rahmen des Neuen Denkens in der Außenpolitik – nicht gebaut werden könne, wenn Europa geteilt bliebe.
Sicher repräsentierte Daschitschews Position nicht die sowjetische politische Elite. Sie zeugt aber davon, dass die Sicherheit, in der sich die DDR-Führung in den achtziger Jahren wog, die Mauer stehe in hundert Jahren noch, nicht der Realität entsprach. Es ist keinesfalls davon auszugehen, dass die Sowjetunion bereits mit dem Amtsantritt Gorbatschows die Überwindung der deutschen Teilung auf der Tagesordnung hatte. Erst recht nicht eine Integration des vereinigten Deutschlands in ein bis dahin gegnerisches Bündnis. Dennoch wird deutlich, dass Honecker offensichtlich einem Irrtum erlag, als er 1987 seinen vom Kreml genehmigten Besuch bei Bundeskanzler Helmut Kohl als Meisterleistung der DDR-Außenpolitik empfand. Vielmehr gibt es Anzeichen, dass die Sowjetunion bereit gewesen wäre, die DDR möglicherweise auch ohne die friedliche Revolution 1989 auf dem Schachbrett der internationalen Politik zu opfern, wenn ihre Interessenlage dies erfordert hätte.
