
- Ein Notizbuch ist nicht immer harmlos - Duwe
„Ich mag es, wenn die Dinge sich öffnen“, wenn sie sich nicht schließen“, sagt Paul Auster in der „Einsamkeit des Labyrinths“. Er skizziert damit zugleich die Grundbedingung des Literarischen, nämlich, dass jede Geschichte von einem Anfangspunkt aus beginnt. Für jeden solchen Anfang muss ein Buch sich öffnen; der Buchdeckel wird für den Leser zum Tor in die fiktive Welt. Ebenso ist es für den Autor: Seine Erzählung beginnt in dem Moment, da er sich entschließt, das Notizbuch zu öffnen. Dann setzt er den Stift an, noch ohne zu wissen, wohin ihn das führt: Ein Notizbuch ist niemals nur harmlos.
Die Ästhetik des Notierens
Bevor Auster seine fertigen Manuskripte abtippt, schreibt er seine Geschichten von Hand auf Papier: „Ich mag die Anstrengung, die mit der Benutzung eines Stiftes einhergeht“, erklärt er in der „Einsamkeit des Labyrinths“. „Ich bin sehr empfänglich für das typische Geräusch, wenn [der Stift] das Blatt berührt, diese Art Kratzen, das man von Zeit zu Zeit hört.“ In „Nacht des Orakels“ gleicht der erste Eintrag im neuen Notizbuch für Sidney Orr einer Feier: „Ich setzte eine frische Patrone in meinen Füllfederhalter, öffnete das Notizbuch auf der ersten Seite und starrte die erste Zeile an (…). Ich wollte das neue Notizbuch nicht mit irgendetwas Dummem einweihen.“
Die Haptik ist für den Schriftsteller Genuss und Begleitung, sie wird selbstverständlich. Weniger selbstverständlich ist der Fluss der Gedanken. Sidney Orr ringt mit sich: „Wenn ich im Stande wäre, ein paar halbwegs interessante Ideen zu notieren, könnte ich immerhin von einem Anfang sprechen.“ Doch allein die Aussicht, den Stift in der Hand zu fühlen, lockt und ermutigt ihn: „Also zog ich die Kappe von meinem Füller, drückte die Feder auf die oberste Linie der ersten Seite des blauen Notizbuchs und begann zu schreiben.“
Schreiben ist in Gedanken herumgehen
In der „Einsamkeit des Labyrinths“ zieht Auster die Analogie vom Notizbuch zum Zimmer – beides sind sehr persönliche Orte. Das Notizbuch wird für ihn zum „tragbaren“ Zimmer, zu „einer Art Zuhause für Worte“. Zugleich ist das Zimmer bei Auster der ideale Schauplatz für den Schreibvorgang, so klein es auch sein mag. Austers Figur Sidney Orr geht zum Schreiben in ihr Arbeitszimmer: „Das Zimmer war winzig (…), genügte mir aber für meine Bedürfnisse, denn auf dem Stuhl sitzen und Worte zu Papier bringen, war alles, was ich dort wollte.“
Durch das geschriebene Wort vergegenständlicht sich ein innerer Raum. Schritt für Schritt reiht der Autor Wörter und Sätze aneinander, ähnlich wie den Schritten, die der Spaziergänger setzt – ein Ziel verfolgend oder sich treiben lassend. „Die Gedanken machen auch eine Reise“, so Auster in „Einsamkeit des Labyrinths“. „Man kann ebenso gut in seinem Kopf reisen, wenn man in einem Zimmer sitzt.“ Dass der Autor sich in seinem geschriebenen Netz verheddern kann, dass ihn seine Geschichten absorbieren und sich verselbständigen können, dass Realität und Fiktion sich vermengen und in komplexer Wechselwirkung stehen, wird etwa in „Nacht des Orakels“ oder in Austers „Buch der Illusionen“ deutlich. Das Geschriebene kann zum Labyrinth werden, die offene Tür des leeren Notizbuchs zur Gefahr.
Hommage an das Notizbuch
Doch nicht für alle Austerischen Helden hat das Notizbuch eine tragische Dimension. So legt in der „Brooklyn-Revue“ Nathan eine unterhaltsame Zettelsammlung über die Kuriositäten des Alltags an, die jedoch für die Handlung des Buches nicht zentral ist. In „Stadt aus Glas“ ist sein rotes Notizbuch das Letzte, das Quinn bleibt, alles andere hat er verloren. Ebenfalls über ein rotes Notizbuch verfügt der Schriftsteller Fanshawe in „Hinter verschlossenen Türen“. Ein solches verfasst Auster auch selbst für seine Leser und füllt es mit wahren Kuriositäten, die ihm im Alltag widerfahren sind oder erzählt wurden: Kleine Begebenheiten eben, für die es sich lohnt, einen Eintrag auf die leeren, weißen Seiten zu wagen.
Literatur:
Paul Auster: Die Brooklyn-Revue. Rowohlt 2007. Taschenbuch, 352 Seiten. Euro 9,90.
Paul Auster: Nacht des Orakels. Rowohlt 2004. Taschenbuch, 288 Seiten. Euro 8,90.
Paul Auster: Das rote Notizbuch. Rowohlt 2001 . Taschenbuch, 77 Seiten. Euro 6,90.
Paul Auster, Gérard de Cortanze: Die Einsamkeit des Labyrinths. Rowohlt 1999. Taschenbuch, 192 Seiten. Vergriffen, gebraucht ca. ab Euro 1,00.
Paul Auster: Die Erfindung der Einsamkeit. Rowohlt 1995. Taschenbuch, 241 Seiten. Euro 8,90.
Paul Auster: Die New York Trilogie (enthält „Stadt aus Glas“, „Schlagschatten“ und „Hinter verschlossenen Türen“). Rowohlt 1989. Taschenbuch, 374 Seiten. Euro 8,90.
