Mozart-Messen mit Harnoncourt - ein Genuss!

Der Arnold Schoenberg Chor singt Mozarts Missae Breves

Mit seiner Einspielung der Missae Breves in G, d, D und C bringt Nikolaus Harnoncourt eine Interpretation der Spitzenklasse unter die Hörer. Perfektion auf allen Ebenen!

Kurz, aber schön und in jeder Hinsicht überzeugend musiziert. So lässt sich das Urteil über Nikolaus Harnoncourts Einspielung der “Missae Breves” von Wolfgang Amadeus Mozart (erschienen bei Teldec, LC 6019) auf kürzestem Raum zusammenfassen. Unter Harnoncourts Leitung musizieren der Arnold Schoenberg Chor (Einstudierung: Erwin Ortner) sowie der Concentus Musicus Wien die Missae Breves in G (KV 49), d (KV 65), D (KV 194) und C (KV 220), alle entstanden zwischen 1768 und 1775.

Missa Brevis et Solemnis - Ausdruck uneingeschränkter Lebensfreude

Letztere dürfte bekannter sein unter dem Kosenamen “Spatzenmesse” (vermutlich aufgrund der an Vogelgezwitscher gemahnenden Violinfiguren in Sanctus und Benedictus) und stellt die Sonderform der “Missa Brevis et Solemnis” dar - seinerzeit ein Novum bei Mozart! Sie vereinigt die Wesenszüge der Missa Brevis mit denen der Solemnis, indem sie wohl den Ordinariumstext gerafft und hinsichtlich Solo- wie Chorpartien kurz gehalten verarbeitet, zugleich aber aufwertet durch Pauken und Trompeten. Dies war für den Komponisten notwendig geworden, weil auf Geheiß des damals amtierenden Salzburger Erzbischofs Hieronymus Graf von Colloredo selbst ein Hochamt nicht länger als 45 Minuten dauern durfte. Für Mozart aber war das keine Beschränkung, sondern Herausforderung - im Verbund mit einer bunten, lebensfrohen Atmosphäre im kirchlichen wie weltlichen Bereich. Die Salzburger des späten 18. Jahrhunderts nämlich sahen den Gottesdienst nicht als feierlich-verbissene Handlung zur Erkämpfung des Seelenheils, sondern als selbstverständlich in den Tagesablauf integrierte Verrichtung, wohl in dem beharrlichen Vertrauen auf Gottes vorbehaltlose Annahme eines jeden Geschöpfes. Davon zeugt nicht zuletzt auch der volkstümlich-homophone Duktus. Neu bei Mozart ist ferner die motivische Verknüpfung von Anfang und Schluss, wenn die Thematik des Kyrie im Agnus Dei wieder aufgegriffen wird. Demgegenüber geben sich die überwiegend kontrapunktisch geprägten Frühwerke KV 49, 65 und 194 in Harmonik, Satz und Form noch deutlich an spätbarocke Vorbilder angelehnt, doch sind sie gerade deshalb reiche Zeugnisse des jugendlichen Genius Mozart, welcher damals - wie vor ihm Michael Haydn - als fürsterzbischöflicher Hofkapellmeister amtierte.

Ausgewogenheit auf allen Ebenen

Nikolaus Harnoncourt dazu: “Diese Werke sind sehr stark mit der Volksmusik verbunden - in einer sehr delikaten Art, die man in der Musizierweise zum Ausdruck bringen muss.” Dies ist dem Grandseigneur der Historischen Aufführungspraxis restlos gelungen! Lupenreine Intonation paart sich mit transparentester, niemals zerhackter Artikulation sowie profilierter Akzentuierung, die jedoch niemals knallt. Sowohl hinsichtlich der Mozart’schen Angaben selbst als auch zwischen Chor und Orchester bzw. Solisten sowie innerhalb des Chores herrschen ausgewogene dynamische Verhältnisse. Nur tremolieren Bass- und Sopransolisten bisweilen zu sehr, zudem leistet sich der Sopran bei größeren Sprüngen bisweilen leicht grelle Klangfarbenunterschiede. Das Adagio im ersten Teil des Agnus Die ist vielleicht etwas arg langsam ausgefallen, doch macht die Verwendung subtilster agogischer Stilmittel dies alles wieder wett.

Ungeahnt aufwändiges Booklet

Wie das Innenleben, so auch das Äußere. Auch das dreisprachige Booklet (deutsch, englisch, französisch) ist überaus hochwertig - mit ausführlichen Informationen zu Wesen und Entstehung der Missa Brevis, besonders den Solisten und Ensembles sowie zum Ordinariumstext. Das Nonplusultra aber stellt eine Zeittafel von 1768 bis 1776 dar, welche geschichtliche, musikalische, künstlerische und erfinderische Ergänzungen liefert. Mehrere Mozart-Portraits runden zusammen mit dem Cover (Gemälde des Michaels- jetzt Mozartplatzes aus dem späten 18. Jh.) das Booklet ab, ebenso der gut lesbare und ebenmäßige Druck. Für ein natürliches Klangbild in unverwechselbarer Weite und räumlicher Tiefe, überragender Transparenz und Deutlichkeit sorgt modernste 20/24-bit-MOD-Aufnahmetechnik.

Fazit

Bei vorliegender CD handelt es sich um unvergleichlich genussvolle innere und äußere Formvollendung, die das Anhören zu einem unvergesslichen, immer wieder Appetit anregenden Erlebnis machen. Weitestgehende Verbreitung dieser Einspielung somit uneingeschränkt empfohlen!

Herbert Weß, Herbert Weß

Herbert Wess - 1974 in Passau als ältester Sohn eines Polizisten und einer Hausfrau geboren, verbrachte ich meine Kindheit und Jugend im ...

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