Mülltaucher: Vom Leben von Nahrungsmitteln aus der Mülltonne

Lebensmittel: vom Kühlregal in die Mülltonne  - siepmannH/Pixelio.de
Lebensmittel: vom Kühlregal in die Mülltonne - siepmannH/Pixelio.de
Supermärkte schmeißen jährlich tonnenweise unverdorbene Lebensmittel in den Müll. Darum durchsuchen sogenannte Mülltaucher des Nachts deren Abfallbehälter.

Genaue Zahlen gibt es nicht. Aber was macht es auch für einen Unterschied, ob pro Jahr in Deutschland zehn oder gar 15 Millionen Tonnen Lebensmittel in die Mülltonne wandern. Tatsache ist, dass es sich dabei oft um Nahrungsmittel handelt, die sich durchaus noch zum Verzehr eignen würden. Aus diesem Grund gibt es Menschen, die Brot, Gemüse und vieles mehr wieder aus dem Abfall herausholen.

Die Wegwerfgesellschaft produziert tonnenweise Lebensmittel für die Mülltonne

In Deutschland gibt es zu diesem Thema keine Forschung, keine Studien, also auch keine Zahlen. Doch davon, dass etwa die Hälfte der Lebensmittel in der Mülltonne landen, kann man ausgehen. So werden schon auf dem Acker Kartoffeln, die nicht die richtige Größe haben, aussortiert. Auch Tomaten und Äpfel mit Druckstellen schaffen es nicht in die Obst- und Gemüseabteilung des Supermarkts. Essensreste vom heimischen Mittagessen oder vom Abendessen im Restaurant wandern ebenfalls meist direkt in den Abfall. Fertiggerichte sind im Allgemeinen so großzügig portioniert, dass auch hier oft Reste übrig bleiben, die in der Regel weggeworfen werden. Und auch Supermärkte schmeißen Waren entsprechend unserer Konsumkultur oft verfrüht und unnötigerweise in die Tonne. Oft haben diese Waren das Verfallsdatum noch nicht erreicht, beziehungsweise das Mindesthaltbarkeitsdatum ist noch nicht überschritten, oder sie sind einfach ein wenig lädiert.

Mülltaucher: Eine Massenbewegung nachts in den Hinterhöfen der Supermärkte

Als Reaktion auf dieses Tun hat sich eine alternative Lebensform entwickelt, die das bestehende Wirtschaftssystem boykottiert, indem sie noch genießbare Lebensmittel aus den Mülltonnen der Supermärkte wieder herausholt. Inzwischen hat sich daraus eine Massenbewegung entwickelt, die diese Art des strategischen Konsums lebt. Mülltaucher, Freeganisten oder Containerer nennen sie sich im deutschsprachigen Raum. In den USA – dort wo die Idee des Freeganism entstand – sind sie die Dumpster Divers. Des Nachts, wenn die Supermärkte geschlossen sind, klettern sie in deren Hinterhöfe und durchstöbern mit Taschenlampen bewaffnet die Abfallcontainer.

Die meisten containern nicht aus Geldnot, sondern aus Überzeugung. Selten handelt es sich bei den Mülltauchern um Arbeits- oder Obdachlose. Vielmehr sind es Menschen, die das, was da ist, bewusst nutzen möchten, bevor mehr Überflüssiges produziert wird. Unter den Studenten Berlins beispielsweise befinden sich viele Mülltaucher. Dort gehört es schon fast zum guten Ton, den Einkauf nicht tagsüber im Supermarkt zu tätigen. Legal ist der Mülldiebstahl jedoch nicht. Jedenfalls nicht in Deutschland. Denn hier gehören die Lebensmittel zunächst dem Supermarkt und dann der Abfallwirtschaft. Dazwischen gibt es keine Lücke. Dazu kann noch eine Anklage wegen Hausfriedensbruch kommen, weil die Mülltaucher fremdes Gelände betreten.

„Taste the Waste“ – ein Dokumentarfilm von Valentin Thurn

Zu diesem Thema präsentierte der Dokumentarfilmer Valentin Thurn auf der diesjährigen Berlinale seinen Film „Taste the Waste“. Thurn berichtet in einem Interview mit der Internetplattform Utopia: „Im Film ziehen wir mit zwei Wiener Mülltauchern los, die sich schon seit über zehn Jahren zu 90 Prozent aus der Tonne ernähren.“ Dabei war Thurn sowohl über die Massen an Lebensmittel, die weggeworfen werden, als auch über die fehlenden Zahlen in Bezug auf die Nahrungsmittelmüllhalde erstaunt: „Noch nicht einmal die Umweltverbände konnten mir weiterhelfen.“ Erschüttert war der Filmemacher über die gewonnenen Erkenntnisse: „Seit 1974 ist der essbare Müllberg […] um 50 Prozent gewachsen.“ Tendenz steigend. Thurn hat parallel zum Film zusammen mit Stefan Kreutzberger das Buch „Die Essensvernichter“ geschrieben. Dieses kommt in die Buchhandlungen, wenn im August der Film „Taste the Waste“ in die deutschen Kinos kommt.

Studien, Einkauf, Wertschätzung! – Was hilft gegen Lebensmittelverschwendung?

Als Reaktion auf den Film „Taste the Waste“ hat der nordrhein-westfälische Verbraucherschutzminister Johannes Remmel laut Thurn einen runden Tisch mit Handel und Erzeugern ins Leben gerufen und eine Studie in Auftrag gegeben hat. Doch: „Jeder kann etwas tun. Zunächst einmal, indem man planvoll einkauft“, meint Thurn. Auf dem Wochenmarkt saisonal einkaufen, eine Gemüsekiste vom Biobauern abonnieren oder einer Erzeugerkooperative beitreten sind die Vorschläge des Filmemachers. Für Mülltaucher gilt, dass sie sich die neuesten Informationen im Internet holen können. Wichtig ist in jedem Fall, dass Lebensmittel die Wertschätzung erfahren, die ihnen gebührt.

Bettina McDowell, Scholz Photo-Atelier Hamburg

Bettina McDowell - Bettina McDowell: Studium der Anglistik und Germanistik, freie Journalistin und PR-Beraterin. Bettina McDowell lebt in Hamburg und ist ...

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