
- Mediengipfel - G. Bachleitner
Zum 25. Mal versammelten die Münchner Medientage Fachleute zu einem dreitägigen Kongreß zu allen wichtigen Fragen medialer Produktion, Distribution und Rezeption. Der "Mediengipfel" und die Frage nach der Entwicklung des Fernsehens bildeten Schwerpunkte.
Einige Neulinge und ein Wiedergänger
Nach dem altersbedingten Rückzug Helmut Markworts wurde ein neuer Dompteur für die "Elefantenrunde" benötigt. Roland Tichy, Chefredakteur der Wirtschaftswoche, konnte und wollte den Stil seines Vorgängers nicht weiterführen, doch ein wenig mehr Temperament und sachliche Gliederung hätte man sich schon gewünscht. So schleppte sich die Diskussion der Elefanten eher träge und konfus durch die altbekannten Problemnester. Man monierte die notorischen "Schieflagen" im Dualen System, kritisierte und verteidigte die Neuordnung der Gebührenerhebung, und die deutschen Rundfunkanbieter schlossen sich in einer "Content-Allianz" gegen die gefürchtete Fernsehsubstitution aus dem Internet zusammen, für die symbolhaft Google anwesend war. Ähnlich wie bisher Philipp Schindler spielte sein Nachfolger als Deutschlandchef, Dr. Stefan Tweraser, Googles Bedeutung herunter. Man sei weder Inhalteanbieter, noch wolle man es werden.
Genau zu den Medientagen geisterte ein Offener Brief des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Edmund Stoiber durch die Medien, in dem dieser sich über den "Medienzirkus" mokierte - als er ob er ihn nicht lange Jahre selbst mitinszeniert hätte. Seine Leidenschaft für die Medienpolitik hebt ihn freilich noch "posthum" von seinem Nachfolger Seehofer ab, der die Medientage abermals schwänzte. Sein Vertreter, Staatskanzlist Dr. Marcus Huber, hat von Stoiber allenfalls die Tendenz geerbt, schneller zu reden als zu denken. An die konziliante Art von Siegfried Schneider als Nachfolger von BLM-Chef Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring muß man sich auch erst gewöhnen. Aus anderen Gründen übte Brian Sullivan, Chef von Sky Deutschland, Zurückhaltung. Ob ein Brite jemals die föderal durchfurchte deutsche Medienpolitik zu verstehen vermöchte, mochte man sich fragen. Er wiederum wollte gewiß nicht allzu sehr an die noch immer defizitäre Verfassung seines Unternehmens erinnert werden. Immerhin ließ er anschließend einen neuen Sender für seine Abonnenten aufschalten, Sky Sport News HD.
Fernsehen wird interaktiv - wieder einmal
Gemäß dem trinitarischen Motto der Medientage mobil-lokal-sozial suchte man in den überkommenen Medien nach Veränderungsindikatoren. So tauschte man sich in der von Videoweb initiierten Diskussion HbbTV: Sender, Hersteller, Netze über die Erfahrungen nach dem ersten Jahr der Markteinführung des Hybrid-Standards aus. Kai Riecke (bild.de) zeigte die sehr erfolgreiche Bild-App, in der viel Rücksicht auf die eingeschränkten Navigationsmöglichkeiten der Fernsehfernbedienung genommen werde. Auch die ARD, in der Person des Programmkoordinators DVB, Michael Albrecht, sah sich mit ihrem Konzept auf dem richtigen Wege. Bei Philips habe man, so der TV-Produktmanager Volker Blume, sogar schon die Vorstellung statischer Seiten hinter sich gelassen. Daß man bereits an einem eigenen Bezahlverfahren arbeite - das in Anlehnung an das Firmenmotto Simplicity Payment heißen soll -, paßte insofern ins Bild einer durchmonetarisierten medialen Vollversorgung. Auch die Bezahlplattform HD+ hat einen nichtlinearen Ableger namens HD+ interacitve für November angekündigt, auf dem die Kostenpflichtigkeit von Inhalten sicher nicht weiter auffallen wird. Bei Eutelsat verfolgt man mit HbbTV einen sog. B-to-B-Ansatz und modernisiert damit den hauseigenen "Kabelkiosk". Damit können sich Kabelnetzbetreiber mit einem Programmsortiment versorgen lassen, frei skalierbar von Vollversorgung bis Durchleitung unter "white label", die die bisherige Kundenbindung unangetastet läßt.
Etwas soziologischer fragte man in der BR-Veranstaltung "HbbTV trifft Social Media - Wird der Zuschauer zum Freund?". Was hier von Bertram Gugel als Social TV beschrieben wurde, nahm sich teils nebulös, teils befremdlich aus. Neben den auf einer entsprechenden Web-Seite aufgelisteten und von "Freunden" mit dem berüchtigten Gefällt-mir-Etikett Facebooks versehenen Inhalten erscheint jeweils der Vorschlag: iTunes/Amazon kaufen/mieten. Auch der Social Guide, der wohl den EPG ersetzen soll, bringt lediglich die Einschaltquoten des jeweiligen (virtuellen) Bekanntenkreises. Gugel sah Twitter tatsächlich als "EKG des Programms", konstatierte realistischerweise aber auch, daß Verknüpfungen von linearem Fernsehen und "sozialem Web" bislang eher lose seien. Wenn man sich kontrastiv dazu in einer Veranstaltung des Mediencampus Bayern von Dr. Richard Heigl erzählen ließ, "Warum Facebook stirbt", konnte man nur noch belustigt die einander überholenden vermeintlichen Trends Revue passieren und die angekündigten Veränderungen auf sich beruhen lassen.
Ewig Gestrige und ewig Morgige
Auch die Beratungsfirma Booz&Co. widmete sich dem Thema TV der Zukunft, die angeblich hybrid, interaktiv, sozial sein soll. Als Advocatus diaboli hatte man den Privatfernsehveteran Dr. Helmut Thoma geladen, der gerade mit dem Aufbau eines neuen, bundesweiten Regionalfernsehkonzeptes (kein Widerspruch!) namens Volks-TV beschäftigt ist. Mittlerweile gehört er selbst jener "geriatrischen" Zielgruppe an, für die er das öffentlich-rechtliche Fernsehen noch immer gerne schmäht, aber ihm entgeht nicht, daß auch im heutigen Privatfernsehen die Programmideen fehlen und nur noch das nackte Profitinteresse regiere. Thomas Plädoyer für die Trägheit der Masse scheint einerseits plausibel, wirkt andererseits doch leicht anachronistisch. Ob er die sich gerade vollziehenden Veränderungen bei Endgeräten und Netzen richtig einschätzt, blieb ungewiß. Von den anderen Firmenrepräsentanten konnte man auch nur Bestätigungen des eigenen Geschäftsmodells hören. Sky-Programmchef Gary Davey glaubte an Pay-TV, Johannes Larcher, Vizepräsident der Online-Plattform Hulu, glaubt an die an nichtlinearem Fernsehen orientierte junge Zielgruppe, und Astra, in der Person Wolfgang Elsäßers, möchte, wie bisher auch "jedes Geschäftsmodell ermöglichen".
Nicht einmal die Analyse von Sebastian Blum aus der Geschäftsleitung von Booz&Co. konnte eine eindeutige Entwicklungsrichtung ausmachen. Der angebliche Renner Hybrid-TV stehe erst in 20% der Haushalte und die Internetverbindung seit nur bei jedem dritten Gerät aktiviert. Genau gerechnet sei die nichtlineare Nutzung von Inhalten zehnmal so teuer wie die lineare. Man müsse daher den Zuschauer zur Zahlungsbereitschaft erziehen. An die Adresse der Kommerzsender gerichtet prognostizierte er ein Absinken des Werbeanteils an der Gesamtfinanzierung auf 40 % im Jahre 2020. Viele kleinere Sender würden bis dahin dem Kostendruck nicht standhalten und verschwinden.
