Multitasking ist nicht nur ungesund, sondern auch unökonomisch

Multitasking: Segen oder Fluch? - Rainer Sturm / pixelio.de
Multitasking: Segen oder Fluch? - Rainer Sturm / pixelio.de
Psychologen warnen vor den ungesunden Auswirkungen und Folgen von Multitasking. Und auch Ökonomen weisen auf die Sinnlosigkeit dieses Arbeitsstils hin.

Viele Unternehmen erwarten von ihren Mitarbeitern die Fähigkeit zum Multitasking. Allerdings gibt es die nur äußerst selten. In einer Studie hat der Wissenschaftler Etienne Koechlin an der Pariser Ecole Normale Supérieur unter 200 jungen Leuten nur ganze fünf gefunden, die mehrere Aufgaben parallel und zugleich gut erledigen konnten. Das bedeutet, dass alle anderen dazu nicht in der Lage waren.

Was ist Multitasking?

Das Handy liegt auf dem Schreibtisch und gibt jedes Mal, wenn eine Mail oder Nachricht eintrifft, einen kurzen Hinweiston von sich. Der Computer ist angeschaltet, Mails müssen geschrieben, Texte gelesen, Termine eingehalten werden. Damit alles schneller geht, versuchen viele Menschen heutzutage, alles gleichzeitig zu erledigen. Mit dem Handy am Ohr zum Kopierer gehen, während eines Telefongesprächs E-Mails lesen oder im Internet surfen und während des Meetings eingehende SMS auf dem Handy checken. Nach Feierabend und am Wochenende geht es dann weiter: Beim Autofahren telefonieren, während des Ausflugs noch ein wichtiges Telefonat führen.

Multitasking beschreibt das Phänomen, mehrere Dinge gleichzeitig tun zu wollen. Allerdings ist das Gehirn eines Durchschnittsmenschen dazu nicht wirklich in der Lage.

Was passiert im Kopf, wenn man mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigt?

Das Gehirn kann maximal zwei Arbeitsgänge gleichzeitig bewältigen. Die exekutiven Funktionen stoßen jedoch schon bei zwei parallel durchgeführten Aufgaben an ihr Limit. Darunter leidet die Konzentration.

Ein Versuch, der am psychologischen Institut der Utah University, Salt Lake City, durchgeführt wurde, verdeutlicht diese These. In einem Fahrsimulator sitzt eine Person, fährt Auto und telefoniert dabei. Plötzlich erscheinen Bremslichter, der Proband reagiert zu spät, es kommt zum Unfall. Grund dafür war fehlende Konzentration.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich Beobachtungen im Blickfeld und die Reaktionsfähigkeit verringern. Dabei ist es unerheblich, ob im Auto eine Freisprechanlage installiert ist oder nicht. In jedem Fall steigt das Unfallrisiko erheblich. Das Problem ist, dass das Gehirn wahrnehmen und reagieren muss. Wenn also eine richtige Antwort während eines Gesprächs und ein Bremsvorgang gleichzeitig abrufbar sein sollen, funktioniert Gleichzeitigkeit nicht mehr.

Burnout und was noch? Welche Auswirkungen hat Multitasking auf Gesundheit und Psyche?

Zunächst einmal erzeugt Multitasking Stresshormone. Davon stirbt niemand, jedenfalls nicht sofort. Tatsache ist jedoch, dass sich psychischer Stress negativ auf die Gesundheit auswirkt und es beispielsweise zu Herzinfarkten und Schlaganfällen kommen kann.

Darüber hinaus schadet Multitasking der Intelligenz. Arbeitnehmer, die während der Erledigung einer Aufgabe ständig abgelenkt werden oder sich nebenbei anderen Aufgaben zuwenden, schwächen ihren Intelligenzquotienten.

Auch auf das Gedächtnis und die Denkweise hat Multitasking bedenkliche Folgen. Das Gedächtnis – vor allem das Kurzzeitgedächtnis – kann verkümmern, der Denkstil kann unzusammenhängend und schizoid werden.

Die aber wohl bekannteste Diagnose lautet Burnout-Syndrom. Oder – wie es in den entsprechenden Krankschreibungen heißt – "Zustand der emotionalen Erschöpfung". Das ist eine Diagnose, die nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollte. Denn: Bei Nichtbehandlung kann es zu weiteren, psychosomatischen Störungen wie beispielsweise Magen-Darm-Problemen oder Tinnitus kommen. Bedenklich ist außerdem, dass mehr als die Hälfte der Burnout-Patienten unter Depressionen leiden.

Darum kann Multitasking nicht ökonomisch sein

Wenn es um Multitasking in Zusammenhang mit Ökonomie geht, gibt es zwei wesentliche Aspekte. Es geht auf der einen Seite darum, wie und andererseits, ob Aufgaben erledigt werden.

Allerdings ist Multitasking grundsätzlich eine Illusion. „Was wir als Multitasking erleben, ist nur ein schneller Wechsel zwischen verschiedenen Aufgaben“, sagt der amerikanische Psychologe Jordan Grafman. Jedoch machen viele Arbeitgeber – oftmals auf Druck der Umgebung – den Versuch, das Unmögliche zu schaffen und vieles gleichzeitig zu erledigen. Dabei entsteht dann eine Doppelbelastung für das Gehirn und somit eine Vielzahl erledigter Aufgaben in minderer Qualität. Und Fehler, die wieder ausgebügelt werden müssen, sind verschwendete Zeit und somit verschwendetes Geld.

Wenn Mitarbeiter dann wegen Burnout oder anderer gesundheitlicher Gründe ausfallen, übernehmen oftmals Kollegen die Termine, die Telefonate, die Vorgänge, die keinen Aufschub dulden. Für diese Menschen erhöht sich der Druck, in dem Moment, in dem sie Zusätzliches auf den Schreibtisch bekommen. Im schlimmsten Fall bleiben die Aufgaben allerdings auch schon mal unerledigt liegen.

Für einzelne Unternehmen sowie für die Wirtschaft insgesamt ist Multitasking kein Segen, sondern ein Fluch. Denn verschwendete Arbeitszeit, schlecht ausgeführte Aufgaben und ein erhöhter Krankenstand dienen nicht der Produktivität. Stattdessen schaden sie der Ökonomie in einem hohen Ausmaß.

Bettina McDowell, Scholz Photo-Atelier Hamburg

Bettina McDowell - Bettina McDowell: Studium der Anglistik und Germanistik, freie Journalistin und PR-Beraterin. Bettina McDowell lebt in Hamburg und ist ...

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