
- Otto Piene: Power Flower - Vera Kriebel (2010)
Das Museum Ostwall (MO, ehemals Museum am Otswall) im neuen Dortmunder U wurde am 8. Oktober 2010 auf politischen Befehl inmitten einer staubigen Baustelle eröffnet; doch damit nicht genug: seine Kunstwerke sollen als Teil einer Stiftung auch für die explodierenden Kosten des Dortmunder U bürgen.
Schwerpunkt der Sammlung ist das 20. Jahrhundert. In der Museenlandschaft des Ruhrgebiets besticht das Museum am Ostwall (MO) mit seinem hervorragenden Vermittlungskonzept.
Raum-in-Raum-Museum zu moderner Kunst
Die neuen Räumlichkeiten für die eigenen Kunstwerke in der vierten und fünften Etage des Dortmunder U sind allerdings auch auf den zweiten Blick nicht unbedingt die große Eröffnung: das hohe, über zwei Etagen reichende Foyer ist noch das weitläufigste, was das MO zu bieten hat - die eigentlichen Ausstellungsräume mit ihrer Raum-in-Raum-Gestaltung sind kleinteilig, ja geradezu beengt. Die beiden großen, sich über das Stockwerk ausdehnenden Säle wurden fast zwanghaft unterteilt und wirken schon bei nur mäßigem Besucheraufkommen klaustrophobisch.
Die teilweise optische Öffnung durch Glasfronten zum Treppenhaus macht dies auch nicht wieder wett. Bei den neuen Räumlichkeiten hätte man sich ein wenig mehr Weite gewünscht - großstädtisch oder neuruhrdeutsch: einer "Metropole Ruhr" angemessen wirkt das so nicht. Die Sammlung des MO beinhalte keine großformatigen Kunstwerke, begründet Museumsdirektor Wettengl die derzeitige Raumgestaltung. Zudem sei diese Aufteilung auch noch nicht fix. Und vielleicht können ja einige Räume hinzugenommen werden, wenn die großspurigen Pläne eines Kreativzentrums im U nicht aufgehen sollten.
Kunst im 20. Jahrhundert: Kunst in der Gesellschaft
Die - durchaus ruhrgebietstypisch sozialdemokratische - leitende Fragestellung hierbei ist die nach dem Verhältnis von Kunst und Gesellschaft: Wie wird Kunst durch gesellschaftliche Prozesse beeinflusst und wie wirkt sie ihrerseits in die Gesellschaft zurück?
Beispielhaft erhalten Künstler und Stilrichtungen des 20. Jahrhunderts eigene Räume. Im vierten Stock erhält der Besucher einen schönen, wenn auch - hier positiv gemeint! - oberflächlichen Überblick zur Kunst des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Schwerpunkte sind "Happening" und "Fluxus", zwei Kunstströmungen der 1960er Jahre, die eine explizit sozialkritische, politische Stoßrichtung hatten und zudem die (hohe, abgehobene) Kunst radikal zu Gesellschaft und Alltag hin öffnen wollten.
Im fünften Stockwerk sind einzelnen Künstlern ganze Räume vorbehalten, zum Beispiel Joseph Beuys. Aber auch hier gilt, dass so eher ein Erstkontakt zu ihrem Werk hergestellt wird.
Überblick zu zeitgenössischer Kunst
Nachteil ist bei einer solchen Präsentation naturgemäß, dass keine Tiefe erreicht wird, sowohl was einzelne Künstler wie auch Stilrichtungen angeht - aber dafür gibt es ja schließlich andere Museen, zum Beispiel in Duisburg das Lehmbruckmuseum für die klassische Moderne oder das Museum Küppersmühle für das Informel, die in Deutschland vorherrschende Kunstrichtung nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die angesprochene Kleinräumigkeit hat hier aber einen positven Effekt: Sie gibt dem MO den Charakter eines Kunstkabinetts - der Kunst ist man hier ganz nah. Und das passt durchaus zu dem exzellenten Vermittlungskonzept, welches das MO in der Ruhrgebietslandschaft der Museen einzigartig macht.
Kunst für alle - Kunst-Vermittlung mit Multimedia-Stationen, Workshops ...
Verteilt im Museum befinden sich Infoplätze, Schaufenster und Multimedia-Stationen - dort kann man dann in die Tiefe gehen und erfährt sehr gut aufbereitet viel Wissenswertes über Künstler, Gruppen, Epochen, Kunst- und Zeitgeschichte. Sehr empfehlenswert ist die kleine Broschüre "Das Museum als Kraftwerk", die kurz und knapp, aber sehr gut aufbereitet einzelne Kunstepochen, die im MO präsentiert werden, charakterisiert. Wandtexte erläutern Kunstwerke und gesellschaftliche Rahmenbedingungen.
Zum Museumskonzept gehören eine Menge zusätzlicher Angebote, zum Beispiel Kreativworkshops, Kindergeburtstage, Ferienworkshops und so weiter. Für Lehrer gibt es besondere Einführungen.
Mitmach-Museum mit eigenen Fotos
Unter dem sperrigen Namen "Interaktives Bildarchiv" kann sich jeder ins MO einbringen. Das Bildarchiv - eigentlich eher ein für alle offener Bilderpool - bildet eine Plattform, in der sich - so das Konzept - Kunst und Alltag unmittelbar treffen und über die die Besucher aktiv teilhaben am Museum. Wer möchte, kann in dem eigenen kleinen Bildarchiv-Raum eigene Fotos an die Pinwand hängen oder einfach auch nur "dalassen". Über Terminals werden private digitale Bilder hochgeladen, so dass zum einen das MO einen immer größeren Bilderpool mit Alltagszeugnissen erhält, zum anderen können sich die Besucher ein eigenes Fotoalbum anlegen und darin die Kunst-Fotos des MO integrieren.
Die Avantgarde, der Film und das Kino im 20. Jahrhundert
In der sechsten Etage des Dortmunder U finden MO-Wechselausstellungen statt, als Erstes ab Dezember 2010 "Bild für Bild" zur Beziehung von Film und Kunst im 20. Jahrhundert, eine Ausstellung mit Avantgardekünstlern und Videokunst-Vorreitern wie Nam June Paik.
Fazit zum MO: Gegenwartskunst für Schulklassen und Einsteiger und die ganze Familie
Fazit: Hier lohnt es sich hinzugehen, ganz besonders mit der ganzen Familie, mit Kindern und Schulklassen. Das umfassende museumspädagogische Konzept des MO dürfte überregional beispielgebend sein. Die Sammlung ist nicht so groß, dass sie die nur am Rande Kunstinteressierten erschlägt, und sie bietet einen schönen Überblick zu moderner Kunst.
Jugendliche, die mit der trotz allem "hohen bürgerlichen Kunst" nicht unbedingt in ein Museum zu locken sind, können gut abschwenken in den dritten Stock in die Ausstellungen des HartwaremedienVereins (2010 zum Beispiel mit der overcoolen Intercool-Ausstellung. Achtung: andere Öffnungszeiten als das MO!) .
Aber und Übrigens: Aktuelle Kunst kann total witzig sein - siehe die Fotos unten: Super-Colgate ist eigentlich beweglich; das Köttel-Karnickel ist doch allerliebst; oder "M.h.m.v.d.Z.i.k.d.S.n.m.s." - Mama hol mich von der Zeche ich kann das Schwarze nicht mehr sehen. Einfach mal nicht so verkrampft an die "hohe" Kunst 'rangehen!
Infos zum Museum am Ostwall
- Adresse: Museum Ostwall im Dortmunder U-Turm, Leonie-Reygers-Terrasse, Telefon: 0231 50-23247.
- Anfahrt: Nur etwa 500 Meter vom Hauptbahnhof entfernt und direkt an der U-Bahnhaltestelle Westentor (U43/44).
- Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch 10:00 - 18:00 Uhr; Donnerstag, Freitag 10:00 - 20:00 Uhr; Samstag, Sonntag 11:00 - 18:00 Uhr; Montag geschlossen.
- Eintrittspreise Dauerausstellung: Erwachsene: 5,00 Euro, ermäßigt: 2,50 Euro. Freier Eintritt für alle unter 21 Jahren! Jahreskarte für alle Dortmunder Museen: 25,00 Euro.
- Führungen: donnerstags 18:30 - 20:00 Uhr, sonntags 15:00 - 16:30 Uhr.
- Broschüre "Das Museum als Kraftwerk": Sehr empfehlenswert, liegt im Foyer kostenlos aus. Download aber auch im Internet.
- Interaktives Bildarchiv: Mitmach-Museum für jeden kleinen und großen Fotografen.
- Das Museum Ostwall ist wie zum Beispiel die Museen DKM und MKM in Duisburg Teil der RuhrKunstMuseen.
