musica-viva-Konzert am 17.2.12

Orchesterkonzert der musica-viva im Herkulessaal in München mit Werken von Charles Ives, Enno Poppe und Harrison Birtwistle

Das Orchesterkonzert der musica-viva unter der Leitung von Stefan Asbury brachte ein Frühwerk von Charles Ives Robert Browning Overture, ein neues Stück für Streichorchester aus dem Jahre 2010/11 von Enno Poppe Welt und einen Orchesterauszug aus der Oper Gawain von Harrison Birtwistle namens Gawain's Journey, den Birtwistle allerdings nicht selber erstellte, sondern von Elgar Howarth verfaßt wurde, zur Aufführung.

Charles Ives: Robert Browning Overture

Im Gegensatz zu der feinzislierten intelligenten Kammermusik The Unanswered Question desselben Komponisten, die am 28.10.11 in der musica-viva zu hören war, ist die Robert Browning Overture ein eher grobschlächtiges Frühwerk. dessen endgültige Reinschriftorchsterpartitur erst von Henry Cowell nach Skizzen Ives erstellt wurde. Vielleicht auch ein Grund für das etwas dumpfe Klangbild, bei dem die Holzbläserstimmen oft zu sehr zugedeckt werden. Hauptgrund für die mißlungene Orchestrierung ist jedenfalls das Fehlen dynamischer Differenzierungen in der Orchestrierung. Heraus stechen in dem etwas chaotischen clusterartigen Orchesterklang manchmal nur die lautstärksten Instrumente des Blechs und Schlagzeugs. Kompositorische Idee des Werkes ist es, eine sich langsam, recht langweilig entwickelnde Streicherthematik, die in einem Mittelteil variiert wird, von zwei schnellen rhythmisch pointierten Abschnitten von kraftvollen bandartigen Charakter unterbrechen zu lassen.

Enno Poppe: Welt

Enno Poppe gehört zu den Komponisten, die eine eigene Musiksprache im Sinne einer eigenen Skala von Tonhöhen als Ausgangsmaterial und eine eigene, im Falle Poppes davon allerdings abweichende, Harmonik entwickelt haben. Als Ausgangsmaterial dienen ihm Dreivierteltöne, also eine Einteilung der Oktave in Dreivierteltöne statt in Halbtöne, so daß sich melodisch eine Abweichung von den meisten benachbarten chromatischen und diatonischen Intervallen ergibt. Harmonisch ergeben sich bei ihm so zusätzliche Intervalle, da er mit Frequenzaddition und -subtraktion arbeitet, die neue von der Dreivierteltonskala abweichende Töne erzeugt. Er arbeitet dabei mit vierstimmigen Akkorden, bei denen sich die Außentöne aus Frequenzaddition bzw. -subtraktion der Töne des mittleren Intervalles ergeben. So entsteht eine für seine Musik charakteristische Heterogenität, die in dem Stück Welt, das in diesem Konzert uraufgeführt wurde, kompositorisch genutzt wird.

Dem eher kontinuierlichen linearen Gesamtaufbau des Werkes liegt die Dreivierteltonskala zugrunde. Sie dient also vor allem der kontinuierlichen Entwicklung, die aber von den Vierklängen mit den abweichenden Differenz- und Additionstönen unterbrochen wird. Letztere markieren also Einschnitte und Einschübe, die die lineare kontinuierliche Entwicklung unterbrechen. Zwischen beiden Kompositionsprinzipien vermitteln in dem Werk die Glissandi, die in allen Abschnitten des Werkes reichlich zum Einsatz kommen.

Die klangliche Wirkung der Dreivierteltonmotive in den Streichern bei Gegenbewegung der Stimmen erinnert wegen ihrer Abweichung von der chromatischen und reinen Stimmung an Xenakis Steichorchesterklang, da dieser auch schon mit anderen Unterteilungen der Oktave gearbeitet hat und gerne den gleichzeitigen Einsatz der Streicher in Gegenbewegung wegen des abgründigen klanglichen Effektes nutzte. Xenakis ging allerdings insofern weiter als er auch Unterteilungen des Frequenzraumes verwendetete, die überhaupt nicht mehr von der Oktave als Grundeinteilung ausgingen.

Die Viertonakkorde sind manchmal frappierend eigenartig und geben wegen ihrer Heterogenität der Komposition einen etwas schrägen,verbeulten Charakter. Leider erschöpft sich die kompositorische Originalität Poppes aber weitgehend in seinem spezifischen Tonsystem und seiner Viertonharmonik. Rhythmik und Gestik seiner Musik bleiben doch weitgehend konventionell, folgen den bekannten Mustern der Nachkriegsklassik.

Gawain's Journey nach Harrison Birtwistles Oper Gawain

Das von Howarth aus Birtwistles Oper erstellte Orchesterstück ist eine Art Orchesterrhapsodie, die die Singstimmen durch Orchesterstimmen, vor allem durch Bläser ersetzt. Ähnlich wie Stravinskys Orchestersuiten, die Auszüge aus seinen Balletten sind, und - musikalisch konzentrierter und stärker als diese selbst - die Musik der Ballette zusammenfassen, enthält auch Gawain's Journey alle musikalisch wichtigen Motive, die mit den Personen des Dramas und der Geschichte verbunden sind. Wegen der aber doch eher konventionellen Setzung der Gesangsmelodien unterbleibt jedoch weitgehend der starke Eindruck von archaischer Gewalt und mythischer Komplexität, der die Orchersterwerke von Birtwistle selber auszeichnet und - ähnlich wie in Varèses Desert - durch die Klanggewalt eines an eine wilde Landschaft erinnernden Klangbildes erzeugt wird.

Auch der Tonsatz ist ziemlich konventionell ausgefallen und es fehlt der Varèsesche Sinn für die Ausdruckskraft von Geräuschen. Musikalisch am eindrucksvollsten sind noch die von Birtwistle selber stammenden Stellen, in denen das Orchester gegenüber den Stimmen Selbständigkeit gewinnt und wichtiger als diese wird. Der dramatische Handlungshöhepunkte wie auch der musikalische Höhepunkt ist kurz vor dem Ende des Stückes. Hier findet sich die gleichzeitig archaisch wirkende, wie auch sehr kunstvoll ausgearbeitete Art von Orcherstersatz, der durch seine in sich vibrierende Klangwelt besticht und Birtwistles Orchesterwerke bekannt gemacht hat, in dem komplexen Streicherklang. Generell ist der Streichersatz, der von der Einarbeitung der Gesangsstimmen durch Howarth unbeeinflußt geblieben ist, interessanter ausgefallen und besser gelungen.

M.A. Boris Ehret, Boris Ehret

Boris Ehret - Philosoph, Kritiker und Lehrer. Kritik: Musik, Kunst, Bücher, Restaurants

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