Musical Showstar 2008 gestartet

Das ZDF sucht zunehmend verzweifelt die Super-Quote

Pearl und Rusty - Jens Hauer
Pearl und Rusty - Jens Hauer
Nun sucht auch Thomas Gottschalk den nächsten (Musical-)Superstar. Nur: Sehen will das keiner.

Mit kaum sechsjähriger Verspätung ist es nun also auch beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen angekommen: Casting-Shows von „DSDS“ über „Germanys Next Topmodel“ bis „Ich Tarzan, Du Jane!“ locken das so heiß umworbene „werberelevante“ Publikum zwischen 14 und 49 Jahren vor die Glotze. Und eine Verjüngung der Zuschauer kann das chronisch überalterte Zweite (Durchschnittsalter der Zuschauer: 61 Jahre) dringend brauchen. Während auf RTL die mittlerweile fünfte Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ läuft, startete am 31. März 2008, die erste von insgesamt sieben geplanten Folgen der Talentsuche „Musical Showstar 2008“. Die Erwartungen waren ebenso niedrig wie die Quote mäßig: 2,23 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 8,4 Prozent) schalteten um 19.25 Uhr ein. In der hofierten jungen Zielgruppe sah es noch schlechter aus: Hier lag der Marktanteil nur bei 5,4 Prozent. Bei „GZSZ“ waren es zur gleichen Zeit 24,4 Prozent.

Spott und Häme

Ein öffentlich-rechtliches Talentstadl nach dem Vorbild der Privaten – kein Wunder, dass der Sender schon im Vorfeld viel Spott und Häme einstecken musste. Hemmungslos bei den Privaten abgekupfert sei das Format, viel zu brav in der Umsetzung und die angepeilten jugendlichen Zuschauer würde der müde Abklatsch ohnehin nicht hinter Ofen vorlocken. Gesucht werden zwei Musical-Darsteller für die Hauptrollen „Rusty“ und „Pearl“ in dem Uralt-Musical „Starlight Express“, das seit nunmehr fast 20 Jahren in Bochum aufgeführt wird. Nach vier Vorrunden (31.3.-3.4.) sollen Jury und Publikum in drei abschließenden Live- Shows am 9., 16. und 18. April aus zehn Finalisten die Gewinner küren.

Castingshow plus Musical gleich Quotenhit, so war offenbar die Rechnung des Senders. Nur dumm, dass Sat.1 auf dieselbe Idee gekommen war und schon seit Februar öffentlich nach Tarzan und Jane fahndet – übrigens ohne allzu große Resonanz beim Publikum.

Thommy wird’s schon richten

Das schreckte das ZDF nicht, das darauf besteht, die Idee aber zuerst gehabt zu haben, der „Qualität“ wegen aber auf ein Wettrennen mit Sat.1 verzichtet zu haben. Thomas Gottschalk, Moderator der Show, wird’s schon richten, mag man sich gedacht haben. Doch der Entertainer wirkte in der ersten Folge so, als würde er dem Format selbst nicht recht trauen: Ein paar vorsichtige Kommentare aus dem Off, viel mehr war von ihm nicht zu hören. Auch der Jury, bestehend aus Katja Ebstein, Uwe Kröger und Alexander Goebe hatte man vorher wohl eingetrichtert: „Macht uns bloß nicht den Bohlen!“ Dieter Bohlens Verbalattacken weit unterhalb der Gürtellinie mögen unerträglich, zynisch und nervtötend sein – der Schmusekurs des ZDFs aber war vor allem eins: Öde.

Du sollst nicht langweilen

Es ist bedauernswert, aber nun mal nicht zu wegzudiskutieren: Menschen, die singen können, will im Fernsehen ganz offensichtlich niemand sehen. Denn singen, das konnten die Kandidaten alle. Was nicht weiter überrascht, handelte es sich doch fast ausschließlich um ausgebildete Schauspieler und Musical-Darsteller. Die Talentlosen, die Freaks, die Selbstdarsteller: Sie wurden ausgesiebt aus angeblich Tausenden Bewerbern, schon lange, bevor die Kameras ins Spiel kamen. Peinlichkeiten sollten Darstellern wie Zuschauern beim ZDF doch bitte erspart bleiben. Doch damit ist dem finsteren Emotionsgemisch aus Voyeurismus, Schadenfreude, Kitsch und Fremdscham, das den Erfolg von „DSDS“ ausmachte, der Nährboden entzogen.

Übrig blieb das sattsam bekannte Konzept, das sich – außer in seiner Zahmheit – in nichts vom Privatfernsehen unterschied: Künstlich aufgebauschte Spannungsmomente, wenn die Kandidaten vor ihre Richter treten müssen, ein paar Juchzer, ein paar Tränchen.

Bruce, der Quotenflopp

Das Konzept, nach dem die öffentlich-rechtlichen Sender in letzter Zeit zunehmend verzweifelt die Privaten kopieren, scheint nicht aufzugehen. Modeltrainer Bruce „die Handtasche“ Darnell wollte im Ersten niemand mehr sehen. Unterboten wurden die miesen Quoten nur noch von der Kuppel-Sendung „Ich weiß, wer gut für dich ist!“, die nun auf dem selben Sendeplatz läuft. Es wird dringend Zeit, dass die öffentlich-rechtlichen Sender sich wieder auf ihre Stärken, sowie darauf besinnen, was im Staatsvertrag festgelegt ist. Das Hofieren der „werberelevante Zielgruppe“ auf Quote komm raus ist dort nicht vorgesehen.

Julia Büttner - Hallo! Schön, dass Sie sich für meine Arbeit interessieren. Bei Suite101 schreibe ich über Bildung, Karriere und ...

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