
- Martin Walser: Muttersohn - Rowohlt Verlag
Fünf Teile, die vordergründig kaum verbunden sind, machen diesen über 500 Seiten starken Roman zum Nachdenkbuch für den Leser. Walser kann es sich ja erlauben, er setzt sich über Konventionen hinweg, verweigert die durchgehende Handlung und verweilt bei den Themen, die ihm im Moment wichtig sind: Dass der Glaube der Vernunft überlegen ist, weil er die Welt schöner macht, es geht um die Wirkung von Musik und die Erfahrungen der Mystiker von Augustinus bis Swedenborg. Aber auch Talkshows kommen vor und eine Motorradgang.
Der Schauplatz, der die Hauptpersonen zusammenführt: eine psychiatrische Klinik
Der Krankenpfleger Percy Schlugen praktiziert seine eigenwillige Therapiemethode an Patienten des Landeskrankenhauses Scherblingen im Allgäu: Schweigen, die Hand halten, zusammen Laufen bis zur Erschöpfung, Texte Vorsprechen und Nachsagen lassen, aus seinem eigenen Leben erzählen. Indem er sein Gegenüber ganz und gar annimmt, erzielt er Erfolge, wie sie sich mit den Pharmaka des Dr. Bruderhofer nicht erreichen lassen. Einer seiner Patienten allerdings, der Motorradlehrer Ewald Kainz, begeht trotzdem Selbstmord. Percy und sein Mentor und geistlicher Vater, der Klinikdirektor Feinlein, müssen Scherblingen schließlich verlassen. Dazwischen bleibt reichlich Gelegenheit, Percys Wesensart und Herkunft kennenzulernen, die Geschichte seiner Mutter Fini, seinen geistigen Vater, eben diesen Kainz, dessen Ehefrau Elsa und seine Geliebte Silvi sowie weitere einzigartige Charaktere.
Percy, der Sohn von Mutter Fini, ist ein guter Mensch
Ein guter Mensch ist Percy, kein Gutmensch, der sich mit moralischer Überlegenheit brüstet. Percy Schlugen, von seiner Mutter als „Engel ohne Flügel“ tituliert, produziert Wärme, er reagiert spontan auf die Menschen und nimmt sie vorbehaltlos an. "Ich sage nicht, was ich weiß, ich sage, was ich bin." Dass zu seiner Zeugung kein Mann nötig war, hat seine Mutter ihm vermittelt, und er glaubt ihr. „Glauben heißt die Welt so schön machen, wie sie nicht ist.“ Glauben kann man nur an etwas, das nicht existiert – und solange man daran glaubt, existiert es. Solche faszinierenden Paradoxien lässt Walser seinen Percy und den Professor ständig zitieren. Die Mystiker haben es ihm besonders angetan, aber auch Sophokles, Arno Schmidt und Händel kommen ausführlich zu Wort. Das kontrastiert scharf mit dem Talkshow-Blabla und den Hasstiraden der Motorradjünger. Einer von denen spielt den Judas, durch ihn kommt Percy am Ende zu Tode. Er ist eben auch ein Parcival, ein Tor, dessen Naivität ihm Bewunderung, aber auch erbitterte Feindschaft einbringt.
"Muttersohn" ist eine Art Evangelium für die Jetztzeit, nicht ohne Ironie verfasst
Eine Art Evangelium ist das also, angesiedelt in der Jetztzeit. Dem Autor hat es offensichtlich gefallen, dies alles so aufzuschreiben und die eher nebensächliche Romanhandlung schließlich durch eine Häufung von Todesfällen zu einem raschen Ende zu bringen. „Ich habe für mich geschrieben“, lässt er den Kritikern prophylaktisch durch ein Jakob-Böhme-Zitat mitteilen. Und überdies hat er die zentralen Themen seines Lebenswerks eingebracht: die schwierige Liebe zwischen Mann und Frau, die Mutter- und die Sohnesliebe, seine Lektüren, und nicht zuletzt die Reflexion über sein Werkzeug, das er meisterhaft beherrscht, die Sprache, was sie vermag und was sie nicht vermag. Auch andere als er selbst können für Walsers Vorlieben Interesse entwickeln und Gefallen daran finden, wenn sie sich darauf einlassen.
Martin Walser: Muttersohn. Rowohlt Verlag 2011. Gebunden, 505 Seiten. 24,95 Euro.
