Wahrscheinlich war es im Geschmack der Deutschen der endgültige Wechsel von der Operette zum Musical, von Leon Jessel zu Frederick Loewe – vom „Schwarzwaldmädel“ zu „My Fair Lady“. Vor 50 Jahren, am 25. Oktober 1961, war es soweit. Am Abend dieses Tages hob sich im Berliner Theater des Westens der Vorhang für die deutsche Erstaufführung des Broadway-Musicals „My Fair Lady“, und ein unbeschreiblicher Siegeszug begann. „My Fair Lady“ – Musik: Frederick Loewe; Buch: Alan Jay Lerner – war bereits fünf Jahre zuvor im New Yorker Mark Hellinger Theatre mit Julie Andrews und Rex Harrison in den Hauptrollen aus der Taufe gehoben worden. Jetzt, an der Spree, gab es eine authentische Übertragung, aber in einer Mischung aus Londoner und Berliner Flair, für die einer als Übersetzer mit viel Fingerspitzengefühl sorgte; nämlich Robert Gilbert.

Shaws „Pygmalion“ als Vorlage

„My Fair Lady“, das war und ist die zum Teil spröde, herbe Geschichte eines armen Blumenmädchens aus den Slums, das einem Sprachforscher und ausgemachten Hagestolz in die Hände gerät, der aus ihr – es war eine Wette, die er gewinnt – eine Lady zu machen trachtete nach dem Motto „Kann denn die Kinder keiner lehren, wie man spricht…?“. Der zugleich an den Frauen verzweifelt nach dem Motto: „Kann eine Frau nicht sein wie Mann…?“. Der sich schließlich zunächst widerwillig, doch dann auch ein bisschen emphatisch eingestehen muss: „Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht, gewöhnt dran, wie sie spricht…“. Und so deutet sich schließlich ein Happy-End an. Die Story ist angelehnt an Bernard Shaws „Pygmalion“; das Musical insgesamt besteht aus einer höchst seltenen Mischung von Geist, Witz, Charme und eingängiger Musik.

Auch Rex Gildo war mit von der Partie

Diese Berliner Inszenierung aus dem Jahr 1961, die den Siegeszug über fast alle deutschen Bühnen vorbereitete, war von Hans Wölffer, dem damaligen Direktor des Theaters des Westens, mit äußerster Sorgfalt geplant worden. Die Rolle des rotzig-frechen Blumenmädchens Eliza übertrug er der charmanten Karin Hübner, den Sprachforscher Professor Higgins spielte Paul Hubschmid, die Idealverkörperung mürrisch-männlichen Charmes, den schnapsfroh philosophierenden Müllkutscher Doolittle verkörperte mit Berliner Herz und Schnauze der Schauspieler Alfred Schieske, und der Higgins-Freund Oberst Pickering war Friedrich Schönfelder. Schließlich: Der schmachtend aber vergebens Eliza anhimmelnde Jüngling aus gutem Hause war Rex Gildo. Regie führte Sven Aage Larsen, und die musikalische Leitung hatte Franz Allers – der dieses Musical bereits in New York aus der Taufe gehoben hatte.

Friedrich Schönfelder lebt noch

Fünf Jahrzehnte ist es her. Von den Protagonisten aus jenen Jahren lebt nur noch Friedrich Schönfelder im gesegneten Alter von 95 Jahren. Andere scheiterten am Scheitelpunkt ihrer Karrieren. Rex Gildo wählte den Freitod, als er nicht mehr im Mittelpunkt des Publikumsinteresses stand. Und Karin Hübner: Auch sie machte einen Versuch, sich das Leben zu nehmen; sie starb wenige Jahre später, offensichtlich an den Folgen von Alkoholismus. Da verwandelte sich heiteres Theater in traurig-trübe Wirklichkeit. Doch „My Fair Lady“ lebt: „Is det nich wundascheen?“ – wie einer der Songtitel heißt.