
- Rudolf - gemeinfrei
Die Nachricht vom Tod des Kronprinzen Rudolf am 30. Januar 1889 verbreitet sich in der Donaumonarchie wie ein Lauffeuer. Doch über die Todesursache ist in den Stunden des 30. Januars noch nicht viel bekannt. So fangen die Leute an zu spekulieren: Woran starb der Thronfolger Österreichs? Aufgrund mangelnder Informationspolitik von offizieller Seite dichtet sich das Volk die ersten Todesursachen zusammen: Von Jagdunfall über einen Schlaganfall bis zur Ermordung durch einen Racheakt ist alles dabei. Bis heute halten sich viele dieser Gerüchte beständig.
Die Zeitungsberichte in den folgenden Tagen fördern noch die Unsicherheit, anstatt Licht ins Dunkel zu bringen: Das Badener Bezirks-Blatt berichtet in seiner Ausgabe vom 31. Januar 1889 von einem "Unwohlsein" des Kronprinzen, das schließlich zum Tode führte. Die Wiener Zeitung, das offizielle Sprachorgan des Kaiserhauses, spricht von einem Herzschlag. In der Zeitung "Jörgel Briefe" liest man am darauf folgenden Tag von "Schlagfluß" als Sterbegrund. Das Linzer Volksblatt spricht vorsichtig, dass Rudolf "wahrscheinlich infolge eines Schlaganfalles" gestorben sei. Viele Zeitungen nennen erst gar keine Todesart. Tageszeitungen, die hingegen über einen Mord oder gar Selbstmord berichten, werden eingezogen. Aber in keiner einzigen Zeitung wird das zweite Todesopfer von Mayerling erwähnt: Die 17-jährige Baronesse Mary Vetsera.
Politik der Verschleierung 1889 - 1918
Dass die 17-jährige Baronesse Vetsera ebenfalls tot im Schlafgemach des Thronfolgers gefunden wurde, sollte niemand wissen. Dies hätte einen unglaublichen Skandal bedeutet, egal woran Rudolf gestorben war. In einer Nacht und Nebel-Aktion wurde die Leiche der Mary Vetsera auf dem Friedhof Heiligenkreuz wahrlich verscharrt. Niemand sollte wissen, dass Rudolf nicht alleine starb.
Doch auch das Kaiserhaus selbst war sich anfangs nicht über die Todesursache im Klaren. Graf Hoyos, der zusammen mit Rudolfs Leibkammerdiener Loschek die beiden Toten gefunden hatte, überbrachte die Todesnachricht an die kaiserliche Familie. Seine Theorie lautete: Rudolf wurde von Mary Vetsera vergiftet. In seiner Denkschrift rechtfertigt er sich später, dass auf dem ersten Blick Tod durch Erschießen nicht offensichtlich war, sondern eine Zyankali-Vergiftung am wahrscheinlichsten war.
Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth erfahren erst am darauf folgenden Tag durch den kaiserlichen Leibarzt, dass Kronprinz Rudolf sich selbst erschossen hatte. Dies war eine noch schlimmere Todesursache, als Herzschlag oder gar Vergiftung. Die Habsburger sind bis zum heutigen Tage ein erzkatholisches Haus und daher ist ein Suizid eine unverzeihliche Tat. Rudolf musste erst für geisteskrank erklärt werden, damit er bei seinen Ahnen in der Kapuzinergruft bestattet werden konnte.
Theorien zu Mayerling nach 1918
Der Tod des Kronprinzen blieb auch weiterhin mysteriös. Herzschlag wurde vom Kaiserhaus angegeben, dennoch hielten sich andere Theorien von Ermordung, über Krankheit bis hin zum Selbstmord beharrlich. Die strenge Zensur in der Habsburgermonarchie machte eine ernsthafte Untersuchung des Todes des Kronprinzen Rudolfs unmöglich. Aber auch nach dem Ende der Monarchie blieben die Theorien zur Tragödie um Mayerling einerseits phantasievoll, andererseits ein Ergebnis der schlechten Informationspolitik des Kaiserhauses.
Franz Josephs letzter Leibkammerdiener, Eugen Ketterl, der allerdings erst Jahre nach der Tragödie von Mayerling seinen Dienst antrat, vertritt die Theorie, dass Rudolf von einem Förster bei Mayerling erschlagen worden war, nachdem der Kronprinz mit dessen Ehefrau intim wurde. Vom Mary Vetsera hatte der Kronprinz sich vorab getrennt, welche deshalb so verzweifelt gewesen sei, so Ketterl, dass sie ihrem Leben im Jagdschloss Mayerling ein Ende setzte.
In einem Artikel des Neuen Wiener Tagblattes aus dem Jahre 1932 wird hingegen ein "unbekannter Gendarm" als letzter Zeuge von Mayerling zitiert. Hier wird mit ausschmückenden Worten eine Beschreibung des von Blut und Gehirnresten verschmierten Schlafgemachs von Mayerling gegeben. Dieser Artikel dürfte aber rein aus der Phantasie des Artikel-Autors Emil Baders entstammen, da nicht einmal die Jahreszahl des Todes stimmt, welche hier mit 1881 angegeben wird.
Nur Leibkammerdiener Loschek, der neben Hoyos die Leichen gefunden hatte, bricht 1923 sein Schweigen und sagt eindeutig, dass auf den ersten Blick zu erkennen war, "daß Rudolf zuerst Mary Vetsera erschossen hatte und dann sich selbst entleibte."
Die Stellungnahme der heutigen Habsburger
Doch das ehemalige Kaiserhaus beharrt weiterhin darauf, dass Rudolf keinen Suizid begangen hatte. Die ehemalige Kaiserin Zita, ihres Zeichens ebenfalls erzkatholisch, sprach von einem "politischen Meuchelmord" am Kronprinzen Rudolf bis zu ihrem Tode, wie im Spiegel nachzulesen ist. Der ehemalige Thronfolger Otto Habsburg (gestorben 2011) behauptete, eine Schatulle mit der Tatwaffe, Patronenhülsen und weiteren Beweismaterial zu besitzen, welche er aber bis zu seinem Tode nicht der Wissenschaft zugänglich machen werde.
Ebenfalls nicht mehr zugänglich für die Geschichtswissenschaft ist das Originaltagebuch von Rudolfs Schwester Marie Valerie. Nur noch eine verkürzte Kopie ist einsehbar, das Original wird von der Familie unter Verschluss gehalten. Zufälligerweise fehlt in der verkürzten Kopie ein entscheidender Eintrag Marie Valeries, wo das Gespräch vom 31. Januar zwischen dem Leibarzt und Franz Joseph geschilderte wird. Während dieses Gesprächs erfährt Franz Joseph erstmals, dass es keinen Zweifel an einem Selbstmord durch Erschießen gebe. Der Historiker Conte Corti durfte in den 1950er Jahren das Originaltagebuch noch einsehen und dank ihm ist dieser Eintrag noch überliefert.
Die Historikerin und Rudolf-Biographin Brigitte Hamann übertreibt also nicht, wenn sie von einer "Vernebelungstaktik" durch die Habsburger spricht. Es bleibt abzuwarten, ob nach dem Tode Otto Habsburgs eine neue, ehrlichere Stellung der Habsburger zum Doppelselbstmord von Mayerling bezogen werden wird.
Fazit: Ein Doppelselbstmord, der bewegt
Durch die schlechte und vertuschende Informationspolitik seitens des Kaiserhauses in den Tagen nach dem Doppelselbstmord von Mayerling konnten sich eine Vielzahl von Theorien entwickeln. Viele sind bis heute nicht aus den Köpfen einiger Fanatiker zu tilgen. Die fortgeführte Vertuschungspolitik der Habsburger im 20. Jahrhundert tragen ihren Teil zum Mysterium Mayerling dabei. In der seriösen Geschichtswissenschaft ist man von einem Doppelselbstmord überzeugt. Der britische Historiker Wheatcroft fasst das Phänomen Mayerling gut zusammen: "Es ist eines der großen 'ungelösten Mysterien', auch wenn die wichtigsten Umrisse inzwischen klar sind."
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Quellen:
- Conte Cortie, Egon Caesar; Sokol, Hans: "Der alte Kaiser Franz Joseph I. Vom Wiener Kongreß bis zu seinem Tode", (Wien 1955)
- Hamann, Brigitte: "Rudolf. Kronprinz und Rebell", (München 2004)
- Ketterl, Eugen: "Der alte Kaiser wie nur Einer ihn sah", (Wien-München-Zürich-Innsbruck 1980)
- Wheatcroft, Andrew: "The Habsburgs. The embodying empire", (London 1996)
- Neue Wiener Tagblatt, 22. Februar 1932: Bader, Emil: "Das Geheimnis um Mayerling. Zum Tode des Kammerdiners Loschek"
- Profil, Nr. 32, Oktober 2005: Interview mit Brigitte Hamann
