Charakteristisch für die slawische Götterwelt ist die Vielköpfigkeit ihrer Gottheiten. So verehrte man z.B. den dreiköpfigen Triglaw, den vierköpfigen Porenut, den fünfköpfigen Porevit und den siebenköpfigen Rugievit. Diese Vielköpfigkeit sollte wahrscheinlich die mehrfache Gewalt der jeweiligen Gottheit symbolisieren.
Besondere Bedeutung erlangte die Gottheit Svantevit, welche von westlichen Chronisten als „deus deorum“, Gott der Götter, bezeichnet wurde. Der vierköpfige Svantevit war Kriegs- und oberster Gott der Ranen auf Rügen und wurde auch von anderen Slawenstämmen im Elb- und Ostseegebiet als Hauptgott verehrt. Von großer Bedeutung war sein Orakel, in das größtes Vertrauen gesetzt wurde. Man brachte ihm Geschenke und Opfer, auch in Form von Menschen, dar.
Mythologie und Jenseitsvorstellung
In der slawischen Mythologie war die Gunst der Götter erlangbar durch Gebet und Opfer. Erfolgen konnte dies z.B. durch Verbrennen von Rindern und Schafen auf Bergen oder in Hainen. Diese waren die bevorzugten Standorte von Götterbildern. Ein Priesterstand existierte wahrscheinlich nicht, statt dessen hatten die Stammesältesten die Priesterfunktion inne. Als wichtige Feste kannte man die Winter- und Sommersonnenwende.
Der Tod wurde nicht als Ende des Lebens gesehen, sondern als Übergang der unsterblichen Seele ins Paradies, welches man sich als schöne Wiese vorstellte. Die Leichen der Verstorbenen wurden verbrannt oder begraben. Beide Bestattungsweisen kommen nebeneinander vor. Weit verbreitet war der Vampirglaube. Vor diesen Wiedergängern schützte man sich durch Leichenverstümmelung.
Die alten Riten lebten weiter in volkstümlichen Bräuchen, auch wenn die meisten Gebiete in Mittel- und Nordeuropa nach 1000 christianisiert waren. Ausnahmen waren slawische Siedlungsbereiche im Küstengebiet zwischen Elbe und Oder, ein Gebiet welches schon seit ca. 700 von Slawen besiedelt war. Berichte aus der damaligen Zeit erzählen von heidnischen Heiligtümern im südlichen Ostseeküstengebiet zwischen Ostholstein und Odermündung. Die meisten dieser Kultplätze konnten inzwischen lokalisiert werden. Es handelte sich dabei durchweg um Burgwälle.
Wichtige slawische Kultstätten: Kap Arkona
Eines der wichtigsten Heilitümer der Slawen war die Jaromarsburg auf Kap Arkona, einer Steilküste aus Kreide und Geschiebemergel im Nordosten Rügens. Es handelt sich dabei um eine dem Svantevit geweihte Kultstätte der Ranen, welche vom 6.-12. Jahrhundert genutzt wurde. Die Anlage war von drei Seiten durch die Steilküste geschützt. Auf der Landseite befand sich ein Burgwall. Wegen Uferabbrüchen ist heute fast nur noch dieser Wall sichtbar. Wahrscheinlich hat lediglich ein Drittel der ursprünglichen Fläche die Zeit überdauert. Den Namen Jaromarsburg hat die Anlage vom Ranenfürsten Jaromar I., welcher im Jahre 1168 ein Vasall des Dänenkönigs Waldemar I. wurde, nachdem dieser die Ranen unterworfen hatte.
In zeitgenössischen Chroniken wird die Jaromarsburg beschrieben als hölzerner Tempel auf einem ebenen Platz hinter zwei Wällen. Er besaß eine mit Schnitzereien und Malereien verzierte Einzäunung und ein rotes Dach. Die Innenwände waren mit prächtigen Teppichen verkleidet. Blickfang des Tempelinneren war jedoch eine überlebensgroße Holzstatue des Svantevit mit einem Trinkhorn aus Metall. Dieses wurde alljährlich vom diensthabenden Priester mit Wein aufgefüllt.
Groß-Raden
Eine weitere wichtige Kultstätte war der Tempel von Groß-Raden in Mecklenburg-Vorpommern, ein Heiligtum der Nordwest-Slawen. Umfangreiche Grabungen von 1973-80 brachten einen kreisrunden Burgwall mit einem Durchmesser von 50 m zutage. Die Burganlage wurde rekonstruiert und in Form eines Freilichtmuseums der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Zwei Bauphasen, datiert auf das 9. und 10. Jahrhundert, konnten nachgewiesen werden: eine ältere, befestigte Siedlung wurde nach wenigen Jahrzehnten zerstört, kurz darauf jedoch eine zweite Siedlung errichtet. Der Tempel befand sich im südlichen Teil einer Halbinsel. Ende des 9. oder in der ersten Hälfte des 10.Jahrhunderts wurde er von einem Zaun umfriedet. Er unterscheidet sich von zeitgleichen Gebäuden, welche beiderseits eines Bohlenweges in Reihe gebaut waren. Die Grundfläche des Tempels betrug 7 mal 11 m, wobei die Schmalseite mit den Eingängen leicht vorgezogen war. Auf der Hallendiele befanden sich mehrere Pferdeschädel. Bis zum 2. 9. 1974 wurde das Gebäude komplett freigelegt und auf das 9. Jahrhundert datiert. Die besiedelte Halbinsel war durch eine Palisade mit Wehrgang geschützt.
Rethra
Das salwische Zentralheiligtum Rethra, auch Radigost genannt, konnte noch nicht lokalisiert werden. Es befand sich wahrscheinlich am Südende des Tollensesees im Gebiet der Lieps. Ein Beweis dafür steht aber noch aus. Dieses Heiligtum war kultisches Zentrum der Liutizen-Föderation und zentraler Tempel der Redarier.
Thietmar von Merseburg berichtet von ihm. Demnach war der Tempel aus Holz, dreieckig und besaß drei Tore. Zwei waren für alle geöffnet, während das Osttor, gleichzeitig kleinster Zugang zum Tempel, zu einem See führte. Der Tempel war erbaut auf einem Fundament von Tierhörnern, die Außenwände waren geschmückt durch prächtig geschnitzte Götterbilder. Im Inneren des Baus befanden sich Götterstatuen mit Helmen und Panzern. Rethra war eine Kultstätte von besonderem Rang: sie fungierte als Abschiedsort bei Kriegszügen, auch wurden hier Beuteopfer dargebracht. 1068/ 69 wurde Rethra zerstört.
Weitere bedeutende Stätte der slawischen Mythologie waren die Kultstätten von Usadel, Hanfwerder, Tempelberg, Koszalin, Oldenburg, Parchim, Gützkow und Garz.
Christianisierung
Die Chrisianisierung setzte in den südlichen und mittleren Ostseegebieten im 8. und 9. Jahrhundert ein. Doch erst im Laufe der folgenden zwei Jahrhunderte konnte sich die römisch-katholische Kirche etablieren und konsolidieren. Oft wurden heidnische Heiligtümer in christliche umgewandelt. Dadurch wurde die neue Religion oftmals eher angenommen. Dennoch wurden zahlreiche slawische Heiligtümer zerstört. Der Übergang zum Christentum erfolgte keineswegs immer widerstandslos. Als Beispiel dafür sei der Heidenaufstand des Strojmir gegen den 1. christlichen Fürsten Borvoj in Böhmen erwähnt, der im letzten Viertel des 9. Jahrhunderts ausbrach. Noch im 11. Jahrhundert kam es zu Erlassen gegen heidnische Bräuche. Die slawischen Gebiete in Ostholstein und Mecklenburg hielten noch lange Zeit am Heidentum fest, wobei sich die Ranen auf Rügen am längsten gegen die Christianisierung wehrten und erst im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts, nach der Zerstörung des Burgwalls von Arkona, die neue Religion annahmen. Zähen Widerstand lieferten auch die polabisch-baltischen Stämme im Herzen Europas. 1147 kam es zum Kreuzzug gegen die Obodriten und Lutizen nach einem Aufruf des heiligen Bernard von Clairvaux. Der militärische Erfolg war gering, doch die Verwüstung des Landes mit der einhergehenden Dezimierung der Bevölkerung führte binnen weniger Jahrzehnte zum Zusammenbruch der baltischen Stämme. Dennoch: komplett ausgerottet war das Heidentum nicht, noch im 15. Jahrhundert lebten Heiden in entlegenen Gebieten des mittelalterlichen Rußland.
