
- Wo sind sie, die Inseln der Vernunft im Cyberstrom - Herder-Verlag
„Man kann mit Robotern eine Ehe führen". Der das sagt, ist kein Frauenhasser. Aber der britische Autor David Levy ist sich sicher, dass wir uns zur Mitte des Jahrhunderts in Roboter verlieben könnten. In seinem Buch „Love & Sex with Robots“ schildert er, dass sich die Beziehung zwischen Mensch und Maschine nachhaltig weiter verändern wird. Schließlich seien Roboterhunde auch längst zu Freunden des Menschen geworden. So sei es nur eine Frage der Zeit, bis auch humanoide Roboter eine bedeutendere Rolle spielen als die des Alltagshelfers und zu Beziehungspartnern werden. „Wenn die Simulation perfekt ist, kommt es nicht darauf an, ob die Gefühle echt sind oder nicht. Auch Menschen täuschen Gefühle vor und wir glauben trotzdem daran“, erläutert Levy im Interview mit der Süddeutschen Zeitung.
KI-Forschung ignoriert die Gegenwart
Joseph Weizenbaum, Computerpionier und Gesellschaftskritiker, zweifelt solche Prognosen an: „Ein Glaube hat das Menschenbild unserer Zeit tief beeinflusst: der Glaube, die Naturwissenschaft habe es endlich möglich gemacht, zum einen über die Künstliche Intelligenz, zum anderen über die Genetik künstliche Wesen herzustellen, die nicht nur als Menschen funktionieren, sondern überdies der Perfektion näher sind als natürliche Menschen“, so Weizenbaum im Interview-Buch „Wo sind sie, die Inseln der Vernunft im Cyberstrom?“ Der gebürtige Berliner, der mit seinen Eltern 1936 emigrierte und lange Jahre am Massachusetts Institute of Technolgy (MIT) in Cambridge arbeitete und mittlerweile wieder in seiner Geburtsstadt lebt, hat über Jahre hinweg Gespräche mit der Journalistin Gunna Wendt geführt, die in diesem Buch gebündelt wurden. Was Weizenbaum an den Prognosen vieler Forscher auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz (KI) stört, ist die Ignoranz für die Gegenwart: „Ganz in der Zukunft zu leben, bedeutet auch, heute nicht anwesend zu sein. Es ist ein Wegrennen von der Gegenwart“, so der Wissenschaftler. Die Einsicht, dass zum Menschsein auch das Bewusstsein um die eigene Sterblichkeit gehöre, werde von vielen Protagonisten der KI-Forschung vernachlässigt.
Eliza: Es steckt wenig dahinter
Weizenbaum entwickelte in den sechziger Jahren ein Computerprogramm namens Eliza, das einen einfachen Dialog mit einem Menschen führen konnte - mit enormer Resonanz. Damals war das Projekt in aller Munde und Weizenbaum beobachtete, wie die menschlichen Gesprächspartner begannen, Beziehungen zu Eliza aufzubauen. Tatsächlich verfügte das Programm über 200 vorgefertigte Muster und Antworten, die sich auf Alltagsgespräche anwenden ließen. Als Therapeuten Eliza für ihre Patientengespräche einsetzen wollten, begann Weizenbaum umzudenken. „Es ist erstaunlich, dass die Idee der Künstlichen Intelligenz überhaupt irgendwo ernst genommen wird. Aber in der ganzen Welt wird sie ernst genommen. Die Idee hat sich verkauft, obwohl sehr, sehr wenig dahintersteckt.“
Mensch-Maschine-Kommuniaktion: Der Erlebnishintergrund fehlt
In welcher Form aber werden Mensch und Maschine zukünftig interagieren? Weizenbaum meint, dass den Robotern der menschliche Erlebnishintergrund fehlt: „Auch wenn sie sich ähnlich bewegen oder sogar verhalten, haben sie eine völlig andere Geschichte als wir Menschen. Vielleicht könnte ein Roboter oder ein Computer unsere Sätze in einem einfachen sprachlichen Sinn auseinander nehmen, aber er könnte sie nicht richtig interpretieren, weil er nicht unsere Sozialisation und Lebenserfahrung hat“, sagt er im Gespräch mit Gunna Wendt. Weizenbaum hat mit mittlerweile 85 Jahren eine ganze Menge davon, weshalb er bisweilen bezweifelt, dass die Menschen die Bedeutung moderner Medien und Technologien einzuschätzen wissen. Zwar gebe es insbesondere im Internet manche Perlen. „Aber um die zu finden, braucht der Benutzer eine gewisse Kompetenz.“ Und über genau diese verfügen nach seiner Ansicht viele Nutzer einfach nicht. Vielmehr müsse man selber selektieren, Informationen einordnen, Relevantes aus einer Fülle von Suchergebnissen herausfiltern. „Das Internet funktioniert nicht wie ein Automat, bei dem ich eine Münze einwerfe und dann das gewünschte erhalte“, sagt Weizenbaum.
Joseph Weizenbaum (mit Gunna Wendt): Wo sind sie, die Inseln der Vernunft im Cyberstrom? Auswege aus der programmierten Gesellschaft. Herder-Verlag, Freiburg 2006, Gebundene Ausgabe, 207 Seiten. 19,90 Euro.
