
- Nachhaltigkeit - ein Begriff der Forstwirtschaft - Peggy Richter
Das Thema Nachhaltigkeit ist fast 300 Jahre alt und so aktuell wie nie. 1713 schrieb Hans-Karl von Carlowitz in seinem Buch über die Forstwirtschaft „Schlage nur so viel Holz ein, wie der Wald verkraften kann! So viel Holz, wie nachwachsen kann!“ Der sächsische Adlige hatte im Forstbetrieb des Vaters und auf Reisen durch Europa den Hunger der Wirtschaft nach immer mehr Holz und die Folgen des Raubbaus beobachtet. Was damals das Holz war, sind heute vor allem Öl, Nahrungsmittel und Wasser. Die Welt hat 2011 ihren 7 Milliardsten Einwohner begrüßt. Wenn alle Menschen die Chance auf eine lebenswerte Existenz haben sollen, ist der schonende Umgang mit den Ressourcen der Erde unabdingbar.
Grün, sozial und ethisch – ein Trend am Finanzmarkt
Nachhaltigkeit, ein Begriff, der heutzutage für Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit und Ethik in Wirtschaft und Politik steht, ist die Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Investoren können mithelfen, die Welt zu verbessern. Es gibt eine Reihe von Geldanlagen, die Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigen. Das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) schätzt das Volumen nachhaltiger Geldanlagen in Deutschland auf 57 Milliarden Euro. Drei Viertel des Geldes kommen von institutionellen Investoren wie zum Beispiel Wohlfahrtsorganisationen, Stiftungen und Pensionskassen. Seit die Vereinten Nationen 2005 die Entwicklung der Principles for Responsible Investment initiierten, ist das Interesse bei institutionellen Investoren sehr stark gewachsen.
Privatanleger wollen nicht nur Rendite, sondern auch Nachhaltigkeit
Aber auch Privatanleger entscheiden sich immer häufiger dafür, ihr Geld nach ökologischen und ethischen Gesichtspunkten anzulegen. Eine Umfrage des „Finanzforums Klimawandel“ im Jahr 2010 ergab, dass 40 Prozent der Befragten Interesse an ökologisch ausgerichteten Geldanlagen haben. Einer Studie des Bundesumweltministerium zufolge wollen 87 Prozent der Bürger nicht in Unternehmen investieren, die mit Kinderarbeit in Verbindung stehen. Rüstung und Tierversuche gelten ebenfalls für viele als Ausschlusskriterien. Die größte Hürde für viele Privatanleger, ihr Geld nachhaltig anzulegen, ist der Mangel an Informationen. Obwohl viele Banken nachhaltige Investmentfonds im Angebot haben, werden sie oft nicht aktiv vermarktet.
Nachhaltigkeit bedeutet für jeden etwas anderes
Kirchenbanken und Alternativbanken mit Nachhaltigkeitsfokus, wie zum Beispiel die GLS-Gemeinschaftsbank oder die Umweltbank, versuchen diese Lücke zu füllen. 2010 betrugen die Einlagen bei diesen Banken insgesamt über 19 Milliarden Euro. Diese Banken verpflichten sich, bei Kreditgeschäften und anderen Anlagegeschäften Nachhaltigkeitsfaktoren zu berücksichtigen. Da diese Banken Einlagensicherungssystemen angehören, gilt diese Form der Geldanlage als sicher. Welche Nachhaltigkeitskriterien angewendet werden, ist von Bank zu Bank verschieden. Kirchenbanken werden überwiegend im sozialen Bereich tätig, die Umweltbank hat hingegen eine ökologische Ausrichtung. Nachhaltige Entwicklung ist kein fest definierter Begriff, sondern ein offenes Konzept, bestätigt Erol Bilecen von der Schweizer Bank Sarasin, die ihre nachhaltigen Finanzprodukte auch in Deutschland anbietet. Der Kunde muss entscheiden, welche Nachhaltigkeitskriterien ihm wichtig sind.
Themenfonds – nachhaltig aber riskant
Neben Bankeinlagen gibt es im deutschsprachigen Raum laut oekom research über 360 nachhaltige Publikumsfonds. Sie investieren überwiegend in Aktien und Anleihen von Unternehmen, Banken und Staaten. Gut ein Drittel sind Themenfonds, die sich auf Bereiche wie erneuerbare Energien oder nachhaltige Wasserwirtschaft spezialisieren. Die Eingrenzung des Anlageuniversums auf einzelne Branchen bringt allerdings höhere Kursrisiken mit sich. Daher eignen sich diese Fonds nur zur Depotbeimischung.
Trend zur Nachhaltigkeit bringt Trittbrettfahrer hervor
Die Dehnbarkeit des Begriffs Nachhaltigkeit hat dazu geführt, dass auch Fonds, die nur ein einfaches Screening mit wenigen Ausschlusskriterien anwenden, als nachhaltig gelten. Da dieser Ansatz verhältnismäßig einfach und billig umzusetzen ist, ist das Angebot solcher Fonds in den letzten Jahren angestiegen. Die Nachhaltigkeit dieser Anlagestrategie wird jedoch von vielen Experten, wie Ralph Prudent von der ÖKOWORLD, angezweifelt. „Es entsteht fälschlicherweise der Eindruck, dass ein bisschen was zu tun ausreicht.“, gab er in einem Interview zu bedenken. „Wir haben gelernt, dass sich mit der Umwelt nicht feilschen lässt.“
Best-in-Class – ein Kompromiss zwischen Nachhaltigkeit und Risiko
Eine der bedeutendsten Anlagestrategien im Nachhaltigkeitsbereich ist der Best-in-Class Ansatz. Dabei werden Unternehmen einer detaillierten Nachhaltigkeitsanalyse unterzogen. Investiert wird nur in solche Unternehmen, die branchenspezifische Mindestanforderungen an die Nachhaltigkeit erfüllen. Problematische Branchen, wie zum Beispiel die Automobil- oder die Ölindustrie, werden nicht komplett ausgeschlossen. Hier versucht man die Top-Unternehmen herauszufiltern. Bei dieser Anlagestrategie bleiben die Fonds verhältnismäßig breit gestreut, was Kursrisiken reduziert. Dafür müssen Anleger den Kompromiss eingehen, dass ihr Geld nur relativ nachhaltig angelegt ist.
Ausschlusskriterien gegen Risikobereitschaft abwägen
Wem das nicht nachhaltig genug ist, dem bleiben Fonds mit strengen Ausschlusskriterien. Aber Robert Haßler von der oekom research warnt: „Wenn man die Kriterien so eng macht, dass am Schluss beispielsweise nur noch sieben verschiedene Branchen und dort jeweils 3 Unternehmen übrig bleiben, dann ist das Risiko wahnsinnig groß.“ Am Ende muss der Investor selbst entscheiden, was Nachhaltigkeit für ihn bedeutet und welche Risiken er bereit ist einzugehen.
Quellen:
Antje Schneeweiß „Finanzierung nachhaltiger Entwicklung”, Heinrich-Böll-Stiftung, 2010
Marktbericht Nachhaltige Geldanlagen 2011, Forum Nachhaltige Geldanlagen
