
- Will doch nur spielen, das Smartphone online?! - FxReid
Das Handy ist längst der Funktion des blockigen Taschenfunkgeräts sowie der Kurznachrichtenschleuder mit Zwergtastatur entwachsen. Doch nicht alle Funktionen moderner Smartphones mit Touchscreen, von denen im Jahr 2011 fast 12 Millionen Stück verkauft wurden, erleichtern den Handynutzern Leben und Kommunikation. Denn neben aktuellen Geräten samt Betriebssystemen, die denen vollwertiger Computer nahekommen, bieten die Mobilfunkkonzerne leider auch mit Datenströmen überlastete Funknetze, die das schlichte Mobiltelefonieren unmöglich machen. Zudem bekommt man es auf App-Marktplätzen mit nicht immer nützlichen und oftmals verseuchten Miniprogrammen zu tun, die richtig teuer für unachtsame Finger werden können.
Netzüberlastungen durch Smartphone-Wachstum bei Mobilfunkanbieter Telefónica o2
Schon ungewöhnlich, dass ein international agierender Telekommunikationskonzern wie Telefónica, der den Mobilfunkanbieter o2 seit der Übernahme im Jahr 2005 betreibt, die üblichen Wege der statischen Kundenabfertigung verlässt und sich in einem firmenfremden, unprofessionellen Blog zu den eigenen mangelhaften Netzkapazitäten äußert. Doch genau das war geschehen, nachdem ein mit häufigen Netzstörungen unzufriedener o2-Kunde die Website Wir sind Einzelfall online stellte und sehr schnell zahlreiche Meldungen von mehreren tausend ähnlich Betroffenen unter den fast 18 Millionen Mobilfunkkunden des viertgrößten deutschen Mobilfunkanbieters erhielt. Für viele der Betroffenen ist besonders ärgerlich, dass ihre über o2 genutzten Mobiltelefone zwar normalen Netzempfang anzeigen, aber weder das Anrufen noch das Annehmen von Gesprächen möglich ist.
Besonders in Ballungszentren einiger Großstädte waren die Basisstationen von der gestiegenen Zahl ständig funkender Smartphones überlastet und ließen zeitweilig weder Telefonate noch Datendienste zu. o2 sagte über offizielle Vertreter zu, die technische Aufrüstung der Funknetze an den betroffenen Standorten schnell voranzutreiben. Die Probleme betrafen allerdings nicht nur die Nutzer von Smartphones, die häufig recht teure Flatrate-Verträge haben, sondern eben auch Nutzer gewöhnlicher Handys. Übrigens laufen natürlich die aktuellen o2-Kampagnen zur Werbung neuer Smartphone-Kunden weiter, während o2 im Zuge der Kundenkommunikationsoffensive auf Wir sind Einzelfall eine App namens "Mehr Netz" anbot. Ob diese App zur Meldung von Netzstörungen (!) dann gleich bei den neu unters Volk gebrachten Geräten vorinstalliert ist?
Smartphones wie das iPhone können fast alles – und tun es mitunter auch, unbeobachtet
Die Ausrüstung mit nahezu vollwertigen Betriebssystemen macht Smartphones zu leistungsstarken Taschencomputern, die im Fall des dauerbrennenden Erfolgsmodells von Apple sogar vielfältige Funktionen über eine automatische Sprachsteuerung verknüpfen können. Laut TV-Werbung erinnert das lernfähige iPhone Assistenz-Programm »Siri« den Nutzer an Aufgaben und Termine, die zuvor in Form einer Sprachnotiz eingegeben wurde – auch wenn das in der Praxis noch eher dem Anschreien eines ungehörigen Kindes gleicht. Soviel Service erfordert allerdings Datenströme, die massenhaft hinter der Touchscreen-Oberfläche fließen, meist unbemerkt: Bewegungs- und Funkzelleneinwahl-Protokolle sowie selbsttätige Standortbestimmungen und nächtliche Updates, die dem Nutzer Arbeit abnehmen sollen. Schließlich muss HAL 9....ähh »Siri« eine beträchtliche Menge an Informationen erfassen und nutzen, um solch "intelligente" Services anbieten zu können. Das passiert beispielsweise mittels des hochgradig umstrittenen Programms Carrier IQ, welches auf vielen Smartphones bereits vorinstalliert ist.
So vielfältig wie die Anwendungsmöglichkeiten der per App personalisierten Smartphones, so zahlreich die technischen Unwägbarkeiten. Moderne Multimedia-Geräte leben von der Verknüpfbarkeit von Daten und Anwendungen – ebenso wie die großen, datenhungrigen Konzerne, die sie vertreiben. Der Kunde würde wohl merken, wenn ein mit Viren verseuchter Computer sich nachts das internationale Telefonbuch und den Telefonhörer schnappt und eigenmächtig Ferngespräche führt – nur leider heutzutage nicht mehr, denn all das passiert nun unbemerkt innerhalb einer kleinen Blackbox namens iPhone. Natürlich auch in Weiß erhältlich.
Smartphones holen Viren und die Abzock-Seiten des Internets in die Hosentasche
Immer und überall Zugriff auf alle Daten – so werben Anbieter vielfältiger Online-Anwendungen in der sogenannten Cloud für ihre browsergestützten Programme, die alle Möglichkeiten des Internets auf das Smartphone holen sollen – die Gefahren aber gleich mitbringen. So ist noch längst nicht allen Smartphone-Nutzern bekannt, dass sie ihr Gerät wie auch den heimischen Online-Computer mit Schutz-Software vor unbefugtem Zugriff, Viren und Trojanern schützen sollten. Doch die virtuellen Marktplätze für Apps jeder Art wie Googles Android Market, Apples App-Store oder der Windows Marketplace locken mit Millionen kleiner nützlicher bis lediglich lustiger Anwendungs-Programme, die man sich häufig sogar kostenlos aufs Telefon laden kann – allerdings leider meist mit einigem Risiko.
Denn auch bei der Anwendung vieler solcher Gratis-Apps ist höchste Vorsicht geboten, da sie nicht selten auf kleinstem Raum mit dubiosen Werbebannern versehen sind. Ein unbedachter Fingerzeig auf ein solches Banner auf dem engen Touchscreen, und schon wird die Handy-Nummer für die Abrechnung eines teuren Abos registriert. Die unseriösen App-Abo-Anbieter haben dabei die betrügerischen Vorgehensweisen aus bekannten Abo-Abzocken über Festnetz-Telefonrechnungen übernommen und schieben dem nichtsahnenden Nutzer einen Abo-Vertrag unter, der dann über die Handyrechnung eingetrieben werden soll. Ebenso wie beim Betrug über das Festnetz werden dem unfreiwilligen Abonnenten vorab keinerlei Details wie Vetragsinhalte, Preise und Rücktrittsmöglichkeiten deutlich zur Kenntnis gebracht, so dass das Zustandekommen eines rechtsverbindlichen Vertrags mehr als zweifelhaft ist. Um sich vor solchen App-Betrügereien abzusichern, hilft bislang nur eine vorsorgliche Sperrung von Drittanbietern, "anderen Leistungen" und Mehrwertdiensten, die per WAP-Billing über die Handyrechnung abgerechnet werden könnten.
Neue Ideen, um an das Geld der Handynutzer zu kommen: RCS-e statt SMS
Die Mobilfunkanbieter haben mit der massenhaften Verbreitung der Smartphones dafür gesorgt, dass die Nutzer nicht auf kostenpflichtige Dienste wie SMS oder MMS angewiesen sind, um mittels der so beliebten Statuskurzmeldungen in Verbindung zu bleiben. Über die mobile Internet-Flatrate und zahllose Social Media-Apps geht das nun kostenlos, so dass der einst hochprofitable Umsatz mit Mobilfunk-Kurznachrichten in den letzten fünf Jahren von 3,8 auf 2,8 Milliarden Euro gesunken ist. Die größten Mobilfunkanbieter Telekom, Vodafone und Telefónica o2 planen daher über den Branchenverband GSMA, einen neuen, kostenpflichtigen Nachrichtenversand anzubieten, der über die Funktion der bisherigen Messaging-Dienste hinausgehen soll. So ist der sogenannte Rich Communication Suite enhanced (RCS-e) zur Übertragung von Text-, Bild- und Video-Dateien zwischen Nutzern in Planung, wobei RCS-e automatisch jene Kommunikationsplattform oder Social Media-App auswählen soll, die gerade vom Adressaten genutzt wird. Auch soll bereits im Adressbuch abzulesen sein, ob sich der Adressat aktuell in einer Funkzelle mit genügend Kapazität für schnellen Datentransfer befindet, um ihm eine größere Datei zusenden zu können. Neben all den berechtigten datenschutzrechtlichen Bedenken stellt sich die Frage, ob die Nutzer wirklich auf einen solchen kostenpflichtigen Dienst gewartet haben, der übrigens nur auf dafür kompatiblen, allerdings noch nicht erhältlichen Smartphones funktionieren wird.
Etwas Gutes könnte aber die Zuwendung der Konzerne zu modernen Kundenkommunikationsformen mit sich bringen, denn der E-Mail-Provider Freenet scheint von den o2-Netzpannen gelernt zu haben und entschuldigte sich kürzlich erstmals per E-Mail bei seinen Nutzern für technisch bedingte Mailbox-Ausfälle.
