
- Musikclub Village in Habach - Andrea Weber
Zur Mittagszeit liegt der alte Hof verlassen da im Kulturtal Obermühle bei Habach, wie eine Kulisse eines finsteren Krimistreifens. Drinnen ist es düster, der Mief vieler Jahre Rockgeschichte hängt unter der niedrigen Holzdecke. Patina vom Schweiß handgemachter Musik klebt an der Bar. Seit 14 Jahren ist hier der legendäre Musikclub „Village“ zuhause und genauso lange kommen die Rockgitarristen aus der ganzen Welt ins ländliche Oberbayern.
Im Obergeschoss gammeln vier Jungs auf einer verschlissenen, schwarzen Ledercouch und essen Schokoriegel. Um sie herum liegen offene Gitarrenkoffer mit Elektro-Klampfen darin. Sie nennen ihre Band „Excuse Me Fire“ – ein Kunstname ohne Bedeutung. Eine Wand des Raumes ist beklebt mit bunten Konzertplakaten – die Zeitdokumentation vieler Jahre Rockkultur im Village. Nebenan führt Fabian Gierscher gerade den Sound-Check durch. Er und sein Partner Michael Eichele betreiben seit sieben Jahren das Tonstudio im Village. Sie sind gelernte Audio Engineers, die wissen, dass der richtige Ton die gute Musik macht.
Aufnahmen von Nick Woodland, Passportbassist Wolfgang Schmid oder der Jazzgitarrist John Etheridge im Village-Tonstudio
Eine schwere Eisentüre riegelt die alte Kammer mit der Hightech-Ausstattung hermetisch von der Außenwelt ab. Kein Geräusch darf herein, kaum eines wieder heraus. Gierscher und Eichele sind selbst Musiker und haben sich in Eigenregie den Traum vom Tonstudio im Obergeschoss des Musikclubs „Village“ erfüllt. Seither ist der Musikclub plus angedocktes Tonstudio konkurrenzlos in Oberbayern. Renommierte Musiker wie Nick Woodland, der Gitarrist von Georg Ringsgwandl, Passportbassist Wolfgang Schmid oder der Jazzgitarrist John Etheridge mit seiner Band „Soft Machine“ ließen hier ihre Musik auf CD produzieren. Noch existiert das Village-Studio, obwohl seit 2000 ein sukzessives Tonstudio-Sterben zu beobachten ist. „Heute kann jeder, der einen Computer hat, in einem überschaubaren Kostenrahmen ein eigenes Studio einrichten“, erklärt der Toningenieur mit den langen Dreadlocks. Nur noch mit Know-how und Erfahrung könne man höhere Qualität bieten. An zehn bis zwanzig Produktionen im Jahr ist das Village-Studio beteiligt. Reich wird hier keiner, es ist vielmehr ein persönliches Engagement, das Fabian Gierscher und sein Partner leisten. „Wir wollen gute Kultur machen und keine Kunstobjekte produzieren.“ Ihr Credo lautet daher: „Bei uns muss Musik Seele haben.“
Gewinner des Bandwettbewerbs „Sternenlicht 2010“
Der Sound-Check ist beendet. Gleich sollen die Tonaufnahmen beginnen. Fünf Tage werden nötig sein, um acht Titel einzuspielen. Dafür haben die Jungs von „Excuse Me Fire“ aus Kirchheim bei München wochenlang geprobt. Jetzt steigt die Nervosität. Mit ihrer Musik und Bühnenpräsenz haben sie vergangenes Jahr im November den Bandwettbewerb „Sternenlicht 2010“ gewonnen. Der erste Preis, ist der Grund dafür, warum sie heute hier sind. Ihre erste CD wird voraussichtlich im Herbst erscheinen. Das Album ist namenlos. Sie nennen es schlicht ihr Debüt-Album.
Seit Ende 2007 besteht die Band „Excuse Me Fire“ in der heutigen Besetzung mit Philipp Richter (21 Jahre) Bassist, Julian Kempff (21 Jahre) Schlagzeuger, Fabian Mundt (22 Jahre) Gitarrist und am Synthesizer und Markus Zotz (20 Jahre) Gitarrist. Im Bandraum des Kirchheimer Jugendzentrums probten sie ihre ersten Songs. „Es passte menschlich und handwerklich“, erinnert sich Bassist Philipp. Sie bezeichnen ihre Musik als „Alternativ Indie Rock“, weil jeder seinen eigenen Stil einbringen kann. Das klingt dann wie ein Mix aus kurzen Riffs und sphärischen Elektroklängen, mit punkig-hartem Sound und rhythmischer Monotonie. Das Resultat ist eine saubere Dynamik mit wechselnder Spannung. Die Songs entstehen bei einem improvisatorischen Prozess, erklären die Musiker. „Zuerst klingt alles vogelwild, dann wird jeder Ton geordnet, hin und her arrangiert, alles durchdacht und jedes Viertel diskutiert.“ Erst wenn das Ergebnis passt, hören die Jungs zum Tüfteln auf.
Hochkarätige Musikjury auf Nachwuchs-Bandwettbewerb
Insgesamt siebzig Bands aus Oberbayern hatten sich am Sternenlicht-Wettbewerb beteiligt. Zum ersten Mal gab es per Voting über das Internet eine Vorauswahl. Am Ende durften je vier Bands in zwei Vorentscheiden auf die Bühne – im Geltinger Hinterhalt und im Musikcafé WayHalla in Weyarn. Die besten vier Gruppen kamen ins Finale, das am 20. November im Village stattfand. „Eigentlich wollten wir an keinem Wettbewerb mehr teilnehmen“, sagt Julian, denn nach ihrer Erfahrung sei das Niveau solcher Veranstaltungen nicht besonders hoch. In den Jurys säßen Experten die keine sind und nicht die Qualität der Musik zählt, sondern die Menge der mitgebrachten Fans. Beim Sternenlicht-Bandwettbewerb habe sie die hochkarätige Jury überzeugt, zu der unter anderem Sebastian Horn von den Bananafishbones gehörte, Journalist und Musikverleger Oliver Sittl, Jazzmusiker Benny Schäfer von max.bab sowie Label-Chef Christoph Bühring-Uhle von BSC Music aus Münsing, der die jungen Musiker in einem offenen Musikvertrag ohne Verpflichtungen weiter unterstützen wird.
Letzte Vorbereitungen im High-Tech-Studio in der alten Kammer. Gierscher schiebt die Regler am Mischpult, justiert noch ein letztes Mal die Tonsignale. „Hört ihr euch?“, fragt er in die Runde. In dem Chaos von Technik, Verkabelung und Musikinstrumenten haben die Bandmitglieder von „Excuse Me Fire“ gerade noch Platz. Gierscher gibt das Startsignal. Der erste Titel ist „Murphyslaw“. Julian Kempff klopft einen starken Rhythmus aus seinem Schlagzeug, den Sound der Gitarristen hört man nur als bizarres Saitenschruppen, denn der elektrische Ton bleibt unter den Kopfhörern verborgen. Dann wird die schwere Eisentüre geschlossen, denn ab jetzt darf kein Geräusch mehr von draußen stören. Unten im Musikclub ist es immer noch dunkel und menschenleer. Erst am Abend wird hier wieder Leben einkehren, wenn die Rockmusiker kommen, um live zu spielen, und diejenigen die ihre Musik lieben.
