NAIAS 2012: Automesse in Detroit

Dodge Dart, Kompaktwagen aus dem Hause Chrysler - Cornelia Schaible
Dodge Dart, Kompaktwagen aus dem Hause Chrysler - Cornelia Schaible
Motor City unter Strom: Als Teil von Hybridantrieben sind Elektromotoren bei der Autoshow inzwischen Normalität, dazu gibt es immer mehr reine E-Modelle.

Alle namhaften Autohersteller sind wieder in Detroit, und ein paar Neuankömmlinge haben sich ebenfalls eingefunden. Bei den Pressekonferenzen stehen sich die Medienleute gegenseitig auf den Zehen, denn es gibt viel zu gucken: über 40 neue Modelle. Und siehe da, eine ganze Menge Models passen auch wieder ins Budget. Diesmal muss auch keiner verhungern oder verdursten; an vielen Ständen werden Häppchen und Drinks gereicht. Also alles beim Alten? Nicht ganz: Den Unterschied machen die Autos selbst. Die sehen ganz anders aus als vor den Krisenjahren, die zwei der großen US-Fahrzeugbauer nur knapp überlebten. Statt Protzerei ist Pragmatismus angesagt, jedenfalls für die Massenproduktion.

In Detroit ist klein plötzlich fein – der US-Automarkt im Wandel

Die Unternehmen verschlankt, den Verbrauch gesenkt und die Fahrzeuge geschrumpft: Hier müssen wohl einige Klischees ausgeräumt werden. Wer Detroit immer noch dafür schmäht, nur spritschluckende SUVs zu bauen, muss sich vom lokalen Autojournalisten Scott Burgess belehren lassen: „Sie haben keine Ahnung, wovon Sie reden“, schreibt er am ersten Pressetag der NAIAS in „The Detroit News“. Der Toyota Camry – das meistverkaufte Auto in den USA – hat einen V6-Motor, argumentiert er, genauso wie der Honda Accord oder Nissan Altima; nur der neue Ford Fusion hat keinen. Künftig wird der Mittelklassewagen, der in Europa als Mondeo auf den Markt kommt, nämlich nur noch als Vierzylinder angeboten. Spartanisch? Nein – „sexy“, findet Burgess.

Insofern kann man schon von einem Umbruch in der US-Autoindustrie reden: „Gute Nacht, V8“ heißt es süffig auf „Spiegel Online“, wo Tom Grünweg aus Detroit berichtet: „Im Stau auf dem Weg zur Autoshow zuckeln zwar auch noch Geländewagen mit, doch in der frisch renovierten Cobo-Hall tut sich plötzlich eine neue Autowelt auf.“ Kleinwagen, soweit das Auge reicht! Die GM-Marke Chevrolet zeigt die Sonic-Variante RS – der flotte Winzling, bei der NAIAS 2011 vorgestellt, wird seit ein paar Monaten in der Detroiter Vorstadt Orion produziert. Und in dem für Chrysler reservierten Teil der Messehalle parkt nicht nur die Ikone des Mutterkonzerns Fiat, der Fiat 500; gleich daneben findet sich als Neueinführung der Dodge Dart, der ins wachsende Segment der Kompaktwagen gehört. Dass der Trend zum sparsameren Auto in den USA keine Eintagsfliege ist, zeigt sich ebenso deutlich an der Allgegenwärtigkeit von Hybridantrieben.

Den bereits oben erwähnten Ford Fusion soll es zusätzlich in zwei Hybridversionen geben: als klassische Hybridvariante sowie als Plug-in-Hybrid unter dem Namen Fusion Energi. Hybridtechnik, dazu generell kleiner und sparsamer – insofern ist es nur konsequent, dass Toyota den Trendsetter Prius weiter schrumpft und mit dem Prius C ein weiteres Mitglied der Modellfamilie auf der Detroiter Autoshow vorstellt. Das lässt sich kaum noch toppen, es sei denn mit der totalen Elektrifizierung eines Kleinwagens: Ford hat zu diesem Zweck den Focus Electric am Messestand stehen.

Wie Ford selbst Schluckspechten das Spritsparen beibringt

Generell war es die Firma mit dem blauen Oval, von der die Anstiftung zum Spritsparwettkampf auf dem US-Markt ausging. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass sich in den USA mit massigen Pickup-Trucks immer noch ein gutes Geschäft machen lässt – bei Ford ist das die F-Serie. Die in jüngster Zeit von Ford entwickelten EcoBoost-Motoren, die als Direkteinspritzer viel Leistung bei minimalem Hubraum bieten, lassen auch diese Schluckspechte besser aussehen. Das gilt auch für ein SUV wie den bereits auf der Autoshow in Los Angeles vorgestellten Escape fürs Modelljahr 2013, der mit dem Euro-Pendant Kuga fusioniert wurde und nun viel dynamischer wirkt. Früher diente der Geländewagen dank einer Hybridversion als grünes Feigenblatt im SUV-Segment; der re-designte Escape verdankt seine Effizienz der EcoBoost-Technik.

Konzernchef Alan Mulally hat vor, im Wettbewerb um die Verbrauchswerte mit jedem neuen Auto zu den Bestplatzierten zu gehören. Man darf ihm allerdings getrost unterstellen, dass es dabei nicht allein um Umweltfreundlichkeit geht; es gilt vielmehr, gesetzliche Vorgaben zu erfüllen.

Das politische Ziel ist, die Abhängigkeit von Rohölimporten zu senken. Bis zum Jahr 2025 soll laut US-Präsident Barack Obama der Durchschnittsverbrauch von Neuwagen glatt halbiert werden – das gilt für einheimische wie für importierte Modelle. Dass die USA im Kalenderjahr 2011 wieder zum Netto-Exporteur von Benzin und anderen rohölbasierten Treibstoffen wurde, was jahrzehntelang nicht der Fall war, zeigt erste Erfolge in diese Richtung.

Diesel, nein danke: Die Deutschen können jetzt Hybridantriebe

Ob mit der Fixierung auf Hybridantriebe allein ein deutlich niedrigerer Flottenverbrauch zu erreichen ist, darf allerdings bezweifelt werden. Wie dem auch sei, die Autobauer aus Germany haben sich inzwischen jedenfalls auf den Trend eingestellt. Nachdem die deutschen Hersteller jahrelang versuchten, ihre amerikanischen Kunden von den Vorzügen des Dieselmotors zu überzeugen, sind Mercedes, BMW und VW jetzt beim Hybridhype voll mit dabei.

Das massentauglichste Hybridmodell bietet dabei VW mit dem auf US-Markt gut eingeführten Jetta. Von der konventionellen Version konnten im vergangenen Jahr 105.000 Exemplare abgesetzt werden, und so ist anzunehmen, dass der Jetta auch mit elektrischem Hilfsantrieb plus Akku gut läuft. Die neuen Hybridversionen des 3er und 5er BMW richten sich dagegen eher an Kunden mit einem Faible für sportlichere Fahrzeuge, von denen es im Land des Tempolimits erstaunlich viele gibt.

Alles Kleinwagen, oder was? Nein, es gibt auch Luxusklasse

Was beweist, dass der Hang zum Kleinwagen mit knausrigem Verbrauch zwar dem Zeitgeist geschuldet ist, aber auf der NAIAS eben doch nur die halbe Wahrheit darstellt. Sonst würde Porsche nicht das neue 911er-Cabrio in Detroit vorstellen. Und auch die Weltpremiere des neuen Mercedes-SL wäre nicht in Cobo-Hall. Dass es in den USA und weltweit weiterhin eine zahlungskräftige Klientel für die Luxusklasse gibt, hofft auch Fiat – die Rede ist hier vom Maserati Kubang. Getreu dem Slogan „Imported from Detroit“ soll er sogar in der Motor City gebaut werden.

North American International Autoshow (NAIAS)

Cobo Center, One Washington Blvd., Detroit, Michigan 48226

Publikumstage vom 14. bis 22. Januar 2012

Fotostrecke NAIAS 2012

Cornelia Schaible, Cornelia Schaible

Cornelia Schaible - Geboren 1963, verbrachte nach dem Abitur ein Jahr in Marseille, studierte anschließend Germanistik sowie Allgemeine ...

rss