
- Wie hieß der Kerl mit dem Schnauzer? - Rainer Sturm
Neuere Ergebnisse der Hirnforschung bestätigen die Wirksamkeit Jahrhunderte alter Methoden der Gedächtniskunst. Mit ein wenig Fantasie und einem guten Auge kann sich jeder schnell Dutzende Namen merken.
Konzentration, Training und bildhaftes Erinnern, damit arbeitet das Gehirn
Keine falschen Hoffnungen soll derjenige hegen, der einen Namen flüchtig im Vorbeigehen hört, und sich von vornherein einredet, er werde ihn sich sowieso nicht merken. Konzentration auf die Sache, auf die Person, die vorgestellt wird, ist die unabdingbare Voraussetzung jeder Gedächtnisarbeit. Sie müssen die Person erst wahrnehmen, bevor Sie sich ihre Attribute einprägen. Sollten Sie den Namen nicht richtig verstanden haben, fragen Sie nach. Das Gehirn speichert sich Dinge am schlechtesten in ihrer abstrakten Form, die nur das Logikzentrum der linken Gehirnhälfte anspricht. Erinnerung ist dann erfolgreich, wenn auch das bildhafte und musische Denken der rechten Gehirnhälfte aktiviert wird. Schule und Studium mit ihrer theoretischen Ausbildung trainieren das Hirn einseitig und vernachlässigen damit das Merkpotential, das die Fantasie bereitstellt. Wiederholung verankert das Gemerkte im Langzeitgedächtnis.
Mit Empathie in bewegten Bildern denken – das gilt auch für Namen
Ein einfaches Beispiel kann eine erfolgreiche Merkstrategie illustrieren: Das Kennwort Ihres Laptops ist "Teufelchen". Stellen Sie sich einfach vor, jedes Mal, wenn Sie den Bildschirm hochklappen, springt ein kleiner Teufel aus Ihrer Tastatur und faucht sie an. Wenn die Technik Ihres Laptops regelmäßig Mucken macht, wird Ihnen die Verbindung leicht fallen. Je abstruser die Bilder sind, desto besser fürs Hirn. Verbinden sich Witze, Ekel, Wut oder ein amüsiertes Grinsen mit einem konkreten Bild, das für etwas Anderes steht, merkt sich der Kopf dieses Andere ebenso gut wie das Bild. Dabei sollte ein wirkliches Kopfkino entstehen – mit bewegten Bilder und handelnden Teilnehmern. Es ist für den Kopf ein Unterschied, ob mit dem Aufklappen des Laptops ein Unterweltsdämon geringer Größe statisch assoziiert werden soll (was eher vergessen wird) – oder eben ein kleiner, fieser, aggressiv fauchender und springender Teufel mit Hörnchen und fusseligem Ziegenbart. Diese fantasievolle Imagination muss wieder trainiert werden, will man sich erfolgreich Begriffe oder Namen merken.
Auch das Namensgedächtnis braucht Auslöser der Erinnerung
Aus irgendeinem Grund krallt sich die Erinnerung an einem dinglichen Auslöser fest. Kehrt man nach zwanzig Jahren wieder an einen früheren Urlaubsort zurück, „kommt vieles wieder hoch“, wie man so sagt, was längst vergessen wurde. Auslöser ist hier die räumliche Umgebung. Genauso kann ein bestimmter Schmuck oder eine Pfeife die Erinnerung an Situationen mit verstorbenen Verwandten hervor zaubern. Das memorierte Wissen ist in diesem Fall in den passiven Speicher gerutscht und bedarf der Aktivierung durch diese dinglichen Auslöser. Wer sich Namen merken will, muss lernen, sich ganz bewusst solche "Aufhänger" an den Personen zu suchen, die das memorierte Wissen um den Namen wieder aus dem Gedächtnisarchiv hervorholen.
Abstruse Geschichten mit Reim und Rhythmus helfen beim Namenmerken
Kleine Bildergeschichten erzeugen und einen Aufhänger suchen – so einfach ist das Rezept zum Namenmerken. Nehmen Sie den Senioren auf dem Foto. Auffällig wirken der Schnauzer und das mürrische Gesicht. Das sind perfekte Erinnerungshilfen. Heißt er Schmidt oder Müller, ist es einfach, ein Bild zu produzieren: „Herr Müller, das ist der mürrische Kerl, der ungeduldig vor der Mühle steht und auf Kunden wartet. Deswegen heißt er Müller.“ Wichtig ist, dass in der Geschichte nicht nur eine Assoziation zum Namen vorkommt, sondern der Name selbst auch noch einmal deutlich artikuliert wird, um Schreibfehler zu vermeiden.
Wirklich gefordert ist die Fantasie bei abstrakteren oder nicht deutschstämmigen Namen. In dem Fall sei angeraten, eine Wendung in die Geschichte einzubauen, die Teile des Namens reimend wiederholt. Der Eingängigkeit von Reim und Rhythmus verdankt es auch Dichtung, leicht merkbar zu sein. Hieße der Herr beispielsweise Lepschy, wäre folgende Geschichte möglich: „Trotz seines Alters fährt der zerknirschte Mann noch läppisch Schi, die steilsten Hänge, als wär das nichts. Deswegen heißt er Lepschy. Weil er sich aber mit E statt Ä und Y statt I schreibt, guckt er immer so bös.“ Unsinn? Natürlich, aber der alte Herr ist im Schianzug auf schwarzen Pisten eine eindringliche Vorstellung – und das ist die Voraussetzung, um sich den Namen zu merken. Gerade die absurden Eselsbrücken versprechen eine lange Haftung im Gedächtnis.
Viel Konzentration auf die Person ist nötig. In weniger als einer Minute muss man sie abscannen, den Eindruck eines Allerweltsgesichts zu einer besonderen Physiognomie formen und diese Physiognomie mit einem bewegten Bild assoziieren. Training der Techniken und Wiederholung des Gelernten sind der Schlüssel zum Erfolg. Und mit den fantastischen Gespinsten kann ein Cocktailabend mit lauter neuen Personen auch ganz unterhaltsam werden.
Quelle:
Peter Kürsteiner: Gedächtnistraining. Mehr merken mit Mnemotechnik, Frankfurt: redline 2004.
Raoul Schrott - Arthur Jacobs: Gehirn und Gedicht, Hanser: München 2011.
