Nancy Baker – Die Nacht in mir

Nancy Baker - Die Nacht in mir Buchcover - Heyne Verlag
Nancy Baker - Die Nacht in mir Buchcover - Heyne Verlag
Der Vampir-Kultroman aus den 80ern wurde als Sammelband neu aufgelegt. Neben Sex, Blut und Beziehungsproblemen geht es auch um die Selbstfindung als Vampir.

Frauen und Vampire verbindet eine leidenschaftliche Beziehung. Nicht nur als Objekt der Begierde des männlichen Vampirs, sondern auch als Schreib- und Lesestoff. Vom viktorianischen Schauerroman bis zu den aktuellen Vampirreihen für Teenager – das Vampirgenre war nie tot und wird immer mal wieder mal als Trend ausgerufen. Spätestens seit Stephenie Meyers „Twilight“ Reihe sind Blutsauger wieder schwer angesagt. Der Heyne Verlag hat einen Klassiker des Genres, Nancy Bakers „Die Nacht in mir“ wieder aufgelegt. Genau genommen ist es ein Sammelband, der die ersten beiden Bücher „Die Nacht in mir“ (The Night Inside, auch Kiss of the Vampire,1993) und „Blut und Chrysanthemen“ (Blood and the Chrysanthemums, 1994) enthält.

Die Nacht in mir: Vampire, Sex, Blut und Crime

Die 28jährige Ardeth Alexander arbeitet gerade an ihrer Doktorarbeit in Geschichte, als sie entführt wird und in einer Zelle wieder aufwacht. Sie soll einem Vampir als Blutquelle dienen. Der Vampir Rossokow ist ebenfalls ein Gefangener, der gezwungen wird, an Snuff-Pornofilmen teilzunehmen. Beide verbünden sich, um ihren Peinigern zu entkommen und verlieben sich ineinander. Trotzdem trennen sich danach ihre Wege, denn Rossokow glaubt, dass Vampire als Einzelgänger sicherer sind. Ardeth, die jetzt ebenfalls ein Vampir ist, muss alleine mit ihrer neuen Existenz zurechtkommen. Erst, als sich moderne Vampirjäger auf ihre Spuren heften, finden beide wieder zusammen. Im zweiten Band trifft das Paar auf den uralten japanischen Vampir Fujiwara und erhofft sich von ihm Antworten über ihre Existenz und ihr Schicksal.

Die Nacht in mir: Gothic im modernen Gewand

Verrückte Wissenschaftler, verführerische Vampire, Geheimnisse, romantische Liebe – die Elemente des viktorianischen Schauerromans finden sich modernisiert in Nancy Bakers Büchern wieder. Dark Fantasy oder Urban Fantasy nennt sich das heute, Schauplatz sind Großstädte, die Helden haben übersinnliche Kräfte. Nancy Bakers Buch spielt in Kanada, in Toronto und Banff in den späten 80er Jahren. Der Zeitgeist spiegelt sich im Gothic-Outfit der Heldin wider und in den Punk-Musikclubs, die sie besucht. Ardeth ist eine moderne Heldin, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt. Sie verführt und tötet selbst. „Die Nacht in mir“ ist kein keuscher Teenie-Vampirroman. Es gibt Sex - leidenschaftlich, pornografisch, schwülstig. Ungewöhnlich für das Genre sind auch die Gegenspieler. Es sind keine übernatürlichen Wesen, sondern „normale“ Menschen, die von der Gier nach Geld, Sensation, Unsterblichkeit getrieben werden und sich als die wahren Monster entpuppen.

Die Nacht in mir: Vampirsein als Selbstfindung

Die Story von „Die Nacht in mir“ ist sowohl ein Krimi als auch Liebesgeschichte. Das Thema dahinter handelt von der Suche nach Identität. Als Mensch war Ardeth beherrscht und vernünftig. Aber sie verspürte „das dunkle Beben von Träumen, ein unartikuliertes Sehnen nach etwas, das sie einfach daran hinderte, zuviel zu denken.“ Der Vampir weckt das Animalische in ihr, Sex und Blut vermischen sich zu orgasmischer Ekstase. Als Vampir muss Ardeth erst einen Reifungsprozess durchlaufen. Wie ein Kind lässt sie anfangs ihren Trieben freien Lauf. Ohne Anleitung kann sie sich nur an Vampir-Klischees orientieren. Das befriedigt sie ebenso wenig wie ihre alte menschliche Existenz. Nur langsam findet Ardeth zu einer neuen, „richtigen“ Identität und wird erwachsen.

Blut und Chrysanthemen: Was es bedeutet, ein Vampir zu sein

„Die Nacht in mir“ ist die Geschichte einer Selbstfindung, im ersten Buch für Ardeth, im zweiten Buch „Blut und Chrysanthemen“ auch für Rossokow. Von Ardeth lernt er, dass Gefühle und Liebe immer mit Risiko verbunden sind. „In der Sicherheit liegt kein Glück“ lautet die Erkenntnis, die beide auf ihre Weise erfahren. Was es bedeutet, ein Vampir zu sein, erkundet Nancy Baker in ihren drei Hauptfiguren Ardeth, Rossokow und Fujiwara. Bei Nancy Baker klingt Vampir sein nicht so toll wie in anderen Büchern. Vampir sein bedeutet bei Nancy Baker auch Beschränkung und Verzicht. Dazu plagen sich Ardeth und Rossokow mit christlichen Werten wie Schuld und Sühne, Verdammnis und Erlösung herum. Erst Fujijamas Geschichte hilft den beiden westlichen Vampiren, darauf ihre Antworten zu finden.

Die Nacht in mir/Blut und Chrysanthemen: Zwei sehr unterschiedliche Bücher

Während das erste Buch „Die Nacht in mir“ neben der Beziehungsgeschichte eine handlungsbetonte Krimigeschichte bietet, ist das Tempo des zweiten Buches kontemplativ. Ein Erzählstrang führt die Beziehungsprobleme von Ardeth und Rossokow weiter. Der zweite Strang erzählt die Geschichte Fujijamas und nimmt immer mehr Raum ein. Es ist ein bisschen anstrengend, immer wieder in die jeweils andere Geschichte zu wechseln. Fujijamas Geschichte spielt im mittelalterlichen Japan und ist im entsprechenden Ton geschrieben. Mit viel Sachkenntnis und Poesie entführt Nancy Baker den Leser in eine fremdartige und schöne Welt. Das Thema hat es Nancy Baker nicht mehr losgelassen. Ihr viertes Buch, an dem sie gerade arbeitet, spielt wieder in Asien, ohne Vampire, aber mit Feen.

Fazit: Vampirroman für Erwachsene

„Die Nacht in mir“ ist Unterhaltung für Leser, die Vampirromane mit erwachsenen Charakteren mögen. Sex, Blut, Crime und Romantik gehören ebenso dazu wie Sinn- und Beziehungsfragen. Was ihre Bücher aus der Masse des Genres heraushebt, ist auch ihr Sprachtalent (was man von wesentlich erfolgreicheren Kolleginnen der Vampirschreiberzunft nicht behaupten kann). Nancy Bakers Vampirromane sind zwar keine hohe Literatur, aber bessere Unterhaltung für Fans des Genres.

Nancy Baker. Die Nacht in mir. Heyne Taschenbuch. Überarbeitete Neuausgabe Mai 2011. 704 Seiten. 9.99 €

Brigitte Grahl, Brigitte Grahl

Brigitte Grahl - Nach meinem Studium der Germanistik und Publizistik an der FU habe ich als freie Journalistin bei Print- und Online-Medien ...

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