Nation, Volk, Rasse

Deutscher Radikalnationalismus 1890-1914

Cover Walkenhorst, Nation - http://www.amazon.de/Nation-Radikaler-Nationalismu
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Rezension zu Peter Walkenhorst, Nation - Volk - Rasse. Radikaler Nationalismus im Deutschen Kaiserreich 1890-1914, Göttingen: V&R 2007.

In der Geschichtswissenschaft kann kaum etwas als so gut erforscht gelten wie das nationalistische Verbandswesen zur Wilhelminischen Zeit. Peter Walkenhorst hat nun mit seiner Studie zum deutschen Radikalnationalismus, die sich vorrangig auf den Flottenverein, den Alldeutschen Verband und den Ostmarkenverein bezieht, eine Synthese des Forschungsstandes versucht. Ihm geht es dabei nicht um eine reine Organisationsgeschichte, sondern um die Ideenwelt des Radikalnationalismus zwischen 1890 und 1914. Spektakulär neue Erkenntnisse kann der Leser aus diesem ideengeschichtlichen Ansatz nicht ziehen. Interessant und aufschlussreich sind eher Walkenhorsts Stellungnahmen zu wichtigen Forschungskontroversen.

Ideologie oder Weltanschauung?

Immer wieder ist der Radikalnationalismus des Wilhelminischen Kaiserreichs als Instrument zur Verschleierung und Rechtfertigung ökonomischer und politischer Interessen des Bürgertums sowie als Reaktion auf Krisensituationen interpretiert worden, so zuletzt von Rainer Hering in seiner Studie über den Alldeutschen Verband. Zu Recht wendet Walkenhorst ein, dass der Radikalnationalismus nur einen Teil des Bürgertums erfasste. Auch lässt er sich nicht als Krisenphänomen begreifen, da seine Träger keineswegs überwiegend Modernisierungsverlierer waren.

Der Autor plädiert stattdessen dafür, die Inhalte des Radikalnationalismus ideengeschichtlich zu erforschen, um ihn als geschlossenes Deutungs- und Orientierungssystem zu verstehen. (S. 29) An dieser Stelle stiftet Walkenhorst leider begriffliche Verwirrung, indem er trotz seiner Ablehnung des ideologiekritischen Ansatzes daran festhält, vom Radikalnationalismus als Ideologie zu sprechen. Stattdessen hätte er den treffenderen Begriff „Weltanschauung“ wählen müssen. Außerdem muss man kritisch anmerken, dass Walkenhorst die wirtschaftlichen „pressure groups“ wie BdL und DHV komplett ignoriert. Unter ihren Mitgliedern diente der Radikalnationalismus in der Tat der Legitimierung und Propagierung handfester sozioökonomischer Interessen. Diese Auslassung verzerrt das Gesamtbild des Radikalnationalismus erheblich.

Funktionswandel oder Kontinuität des deutschen Nationalismus?

Die Unterscheidung zwischen einem „normalen“ und einem radikalen Nationalismus geht auf Heinrich- August Winkler und Hans- Ulrich Wehler zurück. Die beiden Historiker sind von einem Funktionswandel des deutschen Nationalismus im Kaiserreich ausgegangen. Hier erst habe er seine liberalen und emanzipatorischen Elemente verloren und sich politisch weit nach rechts orientiert. Michael Jeismann hat dagegen behauptet, dass Nationalismus prinzipiell immer auf Selbstdefinition durch Feindabgrenzung angewiesen sei. In Deutschland hätten seit den Befreiungskriegen nach außen die Franzosen und nach innen die Juden das Gegenbild zum Deutschtum abgegeben. Eine Unterscheidung zwischen „Normalnationalismus“ und Radikalnationalismus ist aus dieser Perspektive hinfällig.

Walkenhorst folgt in dieser Kontroverse Winkler und Wehler, betont aber stärker den Übergang vom saturierten Bismarckreich zum weltpolitisch engagierten Wilhelminismus. Diesen Übergang schildert er als Generationswechsel von den biederen Honoratioren der etablierten Parteien zu den populistischen Verbandspolitikern der Wilhelminischen Ära. Dabei übersieht der Autor allerdings die Tatsache, dass die neuen Verbände und die Parteien des „nationalen Lagers“ (Deutsch-, Freikonservative, Nationalliberale) eng miteinander verflochten blieben. Insbesondere die Forschungen James Retallacks haben gezeigt, dass sich die „alte“ und die „neue“ Rechte keineswegs so stark unterschieden wie Walkenhorst suggeriert.

Manipulationsstrategie „von oben“ oder Mobilisierung „von unten“?

Eckart Kehr, Hans- Ulrich Wehler und Volker Berghahn haben in ihren einschlägigen Studien zum Wilhelminischen Reich den Radikalnationalismus als Manipulationsstrategie „von oben“ begriffen. Er diente in erster Linie dem Machterhalt konservativer Eliten durch die Ablenkung von innenpolitischen Spannungen, quasi als Ersatzbefriedigung für das im Vorhof der Macht verbliebene Bürgertum. Angloamerikanische Historiker in der Nachfolge von Geoff Eley und David Blackbourn haben dagegen auf die gesellschaftliche Selbstmobilisierung und die antigouvernementale Haltung der nationalistischen Verbände verwiesen. Walkenhorst folgt der angloamerikanischen Schule, beleuchtet allerdings stärker das Zusammenspiel von „nationaler Opposition“ und Regierungspolitik. In allen radikalnationalistischen Anliegen wie der Kolonialpolitik, der Polenpolitik oder dem Staatsbürgerschaftsrecht blieben die Regierungen stets weit hinter den Maximalforderungen der Verbände zurück, die darauf mit einer weiteren Radikalisierung antworteten. Gleichzeitig war den Reichsregierungen die Intransigenz der „Opposition von rechts“ sehr willkommen, um ihre eigenen weltpolitischen Ambitionen der Öffentlichkeit als gemäßigt zu verkaufen.

Antimodernismus oder Modernität?

Ältere Studien, so vor allem von George L. Mosse und Fritz Stern, haben den deutschen Radikalnationalismus als eine durch und durch antimoderne Ideologie charakterisiert. In seinem Kulturpessimismus und romantischen Konservatismus habe er sich ganz bewusst von der westlichen Moderne abgesetzt. Neuere Studien, so von Stefan Breuer und Christian Geulen, zeichnen ein ganz anderes Bild. Die „neue Rechte“ sei nicht reaktionär gewesen, sondern habe sich an einem radikalen Ordnungsdenken orientiert, das der Moderne insgesamt inhärent gewesen sei. Radikalnationalisten hätten stets die Steigerung der „national efficiency“ angestrebt, zu erreichen über eine sozialtechnologische und biopolitische Umstrukturierung des Volkskörpers.

Walkenhorst schließt sich voll und ganz der neueren Forschungsrichtung an und verweist beispielsweise auf die Rechtfertigung von Welt- und Lebensraumpolitik mit geographischen und statistischen Mitteln. Auch die Ethnisierung des Nationalismus sei ein modernes Unterfangen gewesen. Der Antipolonismus, die Versuche zur Germanisierung der preußischen Ostprovinzen und später auch der Antisemitismus hätten der (semantischen wie praktischen) Konstruktion eines biologisch homogenen Volkskörpers gedient.

Doch sind das hinreichende Belege für die Modernität und Wissenschaftlichkeit des Radikalnationalismus? Gerade die populärsten nationalistischen Weltanschauungsproduzenten sahen sich selbst auf einem Kreuzzug gegen die verhasste Moderne und waren Lichtjahre von aktuellen wissenschaftlichen Diskursen entfernt. Paul de Lagarde phantasierte über eine Germanisierung des Christentums, Julius Langbehn war ein radikaler Kulturpessimist und Houston Stewart Chamberlain schirmte seinen unwissenschaftlichen Rassismus mit einer postmodernen Lebensphilosophie gegen rationalistische Aufklärungsversuche ab. Von Modernität im Sinne von Max Webers okzidentalem Rationalismus kann hier nicht ernsthaft gesprochen werden. Walkenhorsts Behauptung, der Radikalnationalismus habe im „Einklang mit den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft“ (S. 306) gestanden, ist unhaltbar.

Fazit

Walkenhorsts Studie ist in erster Linie als Forschungsüberblick und Thesenbuch zu lesen. Neue Quellen erschließt der Autor leider kaum. Dagegen ist er in seinem Urteil stets pointiert, legt sich aber häufig einseitig auf eine historiographische Lehrmeinung fest, anstatt sich um Synthesen zu bemühen. Zudem ergeben sich manche Verzerrungen durch die Auswahl der Untersuchungsobjekte und den Zeitrahmen. So wurden alle nationalistischen Verbände mit einer wirtschaftspolitischen Agenda gar nicht berücksichtigt, und der Erste Weltkrieg als Radikalisierungsstufe ist nicht mehr in den Untersuchungszeitraum einbezogen worden. Diese Lücken sollten von zukünftigen Gesamtdarstellungen dringend geschlossen werden.

Peter Walkenhorst, Nation - Volk - Rasse. Radikaler Nationalismus im Deutschen Kaiserreich 1890- 1914, Göttingen: V&R 2007. ISBN 978-3525351574

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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