Nationalismus vor dem Nationalstaat

Studien zum deutschen Nationalismus zwischen 1813 und 1870

Das Hambacher Fest, Zeichnung 1832 - n.bek.
Das Hambacher Fest, Zeichnung 1832 - n.bek.
Rezension zu Michael Jeismann, Das Vaterland der Feinde; Jörg Echternkamp, Der Aufstieg des deutschen Nationalismus; Abigail Green, Fatherlands.

Wer Gesamtdarstellungen zur Frühphase des deutschen Nationalismus liest, begegnet drei „klassischen“ Thesen, die von der Nationalismusforschung erst in jüngster Zeit kritisch hinterfragt wurden:

1.) Ein „Klassiker“ in der Nationalismusforschung ist die Wende vom Liberal- zum Integralnationalismus. Der Nationalismus habe als weltbürgerlicher Patriotismus begonnen und sei im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer nach außen und innen aggressiven Ideologie entartet.

2.) Die Befreiungskriege seien das entscheidende „Erweckungserlebnis“ des deutschen Nationalismus gewesen. Das deutsche Nationalbewusstsein habe sich im Volkskrieg gegen Napoleon herausgebildet.

3.) Preußen habe als Motor der deutschen Einigung zu gelten. Auf dem Weg zur Reichsgründung sei es zu einer „Verpreußung“ Deutschlands gekommen. Von der Borussischen Schule wurde dies als „Preußens deutsche Mission“ verherrlicht, von ihren Gegnern als verhängnisvolle Fehlentwicklung bedauert. Der Befund selbst war aber lange Zeit unstrittig.

Nationalismus und Feindbilder

Michael Jeismann zieht gegen die These von der Entartung eines ursprünglich „liberalen“ Nationalismus zu Felde. Der Nationalismus gründe sich bereits seit seiner Entstehung in der Französischen Revolution auf das Prinzip der nationalen Selbstdefinition durch Feindmarkierung. Daher komme er – ganz gleich ob er sich auf eine politische, kulturelle oder sprachliche Gemeinschaft beziehe – nicht ohne Feindbilder aus. Zwar berief sich der französische Nationalismus auf die universellen Werte der Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit), beanspruchte aber die gewaltsame Durchsetzung dieser Werte gegen ihre vermeintlichen oder tatsächlichen Gegner im Inland und Ausland. Der deutsche Nationalismus war in seiner Entstehungsphase negativ auf das französische Nationsverständnis bezogen. In den Befreiungskriegen lieferte nicht nur die Person Napoleons, sondern das Völkerstereotyp „des Franzosen“ die Negativvorlage für die Konstruktion eines deutschen Nationalbewusstseins. Die Konstellation der Befreiungskriege reproduzierte und radikalisierte sich laut Jeismann im Deutsch- Französischen Krieg 1870/71 und im Ersten Weltkrieg.

Die Stärke von Jeismanns Studie liegt im ländervergleichenden Ansatz, der bei Deutschland und Frankreich („Erbfeindschaft“) nahe liegt. Allerdings beschränkt sich die Untersuchung auf die Jahre, in denen Deutschland und Frankreich gegeneinander Krieg führten. (1792- 1815, 1870/71, 1914- 1918) Dennoch präsentiert der Autor, gestützt ausgerechnet auf den NS- belasteten Politologen Carl Schmitt, das Prinzip der nationalen Selbstdefinition über Feindmarkierung geradezu als anthropologische Konstante des Nationalismus schlechthin. Da die Gegenprobe der Friedenszeiten nicht unternommen wird, kann allein schon der Aufbau der Studie diese These nicht stützen. Fragwürdig ist auch, dass Jeismann in nationalistischen Purifikationsvorstellungen im eigenen Land nur ein Mittel zur Herstellung außenpolitischer Handlungsfähigkeit gegenüber dem „äußeren Feind“ sieht. Gerade in Friedenszeiten war die Bekämpfung der „inneren Nationsfeinde“ durchaus ein nationalistischer Selbstzweck und nicht der Behauptung nach außen nachgeordnet.

Nationalismus und Liberalismus

Die Reduktion des Nationalismus auf die Konstruktion von Feindbildern hat sich in der Forschung nicht durchgesetzt. Jörg Echternkamp und Abigail Green betonen im Gegensatz zu Jeismann das obrigkeitskritische Potential des deutschen Nationalismus in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Seine politischen Zielvorstellungen hätten sich weitgehend mit denjenigen des Liberalismus gedeckt. Folgerichtig bestreitet Echternkamp die zentrale Bedeutung der Befreiungskriege als „Erweckungserlebnis“ des deutschen Nationalismus. Der von preußischen Propagandisten verkündete Volkskrieg gegen Napoleon habe – mit der Ausnahme von Schülern und Studenten – keine Massenmobilisierung ausgelöst. Gegen den Zäsurcharakter des Jahres 1813 setzt Echternkamp einen mentalitätsgeschichtlichen Ansatz.

Die „deutsche Nation“ analysiert Echternkamp als eine bildungsbürgerliche Erfindung des späten 18. Jahrhunderts, gestützt auf eine über Sprache, Kultur und Geschichte konstruierte Handlungseinheit „deutsches Volk“. Der Appell an das zur Nation erhobene Volk wurde von der staatlichen Propaganda des Rheinbunds, Preußens und Österreichs aufgegriffen und der eigenen Interessenlage angepasst. Die Botschaft konnte konservativ oder liberal, universalistisch oder partikularistisch, für oder gegen Napoleon sein. Eine verbindliche politische Festlegung des Nationalismus gab es nicht. So verband er sich im Vormärz mit dem Liberalismus und weitete sich über das bürgerliche Vereinswesen (Burschenschaften, Turner, Sänger, Schützen) zu einer Massenbewegung aus.

Nationalismus und Föderalismus

War der deutsche Nationalismus als neues Identitätsangebot in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts tatsächlich so erfolgreich und konkurrenzlos wie Echternkamp suggeriert? Abigail Greens Studie über die Mittelstaaten Hannover, Württemberg und Sachsen meldet daran Zweifel an. Nach 1815 und 1848/49 fanden dort, wie überall im Deutschen Bund, Staatsbildungsprozesse unterhalb der nationalen Ebene statt. Dies zeigt Green am Beispiel von Monarchie, Pressepolitik, Bildungswesen und Eisenbahnbau auf. Einzelstaatliche Identitäten bildeten sich eher komplementär als im Gegensatz zum Nationalismus, waren aber so erfolgreich, dass sie nach 1870/71 nicht durch einen preußisch- kleindeutschen Staatsnationalismus eingeebnet werden konnten. Einerseits verweist dies auf die im Alten Reich wurzelnde Tradition des Föderalismus. Andererseits behinderten Regionalismus, Partikularismus und Föderalismus die Weiterentwicklung von der Kultur- zur Staatsnation. Stattdessen erschien Ende des 19. Jahrhunderts die Reethnisierung des Nationalismus als attraktive Ausweichmöglichkeit, wodurch Kategorien wie Volk und Rasse zu überlegenen Identitätsangeboten gegenüber staatlichen Institutionen aufsteigen konnten. Diese Kehrseite des Föderalismus erkennt Green leider nur in Ansätzen, weil der Schwerpunkt ihrer Studie vor 1870 liegt.

Literatur

Jeismann, Michael, Das Vaterland der Feinde. Studien zum nationalen Feindbegriff und Selbstverständnis in Deutschland und Frankreich 1792- 1918, Stuttgart 1992.

Echternkamp, Jörg, Der Aufstieg des deutschen Nationalismus (1770- 1840), Frankfurt a.M. 1998.

Green, Abigail, Fatherlands. State- building and nationhood in nineteenth- century Germany, Cambridge 2001.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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