Nationalismusforschung - Drei neue Darstellungen

Nation und Nationalismus im Fokus der Geschichtswissenschaft

Rezension zu den Einführungen in die Nationalismusforschung von Rolf- Ulrich Kunze, Siegfried Weichlein und Christian Jansen/ Henning Borggräfe.

Totgesagte leben länger. Trotz Europäisierung, Globalisierung und hinlänglich bekannten Exzessen von Krieg und Völkermord ist nach wie vor die Nation die dominante Identitäts- und Legitimitätsquelle des abendländischen Menschen und - mit einigen Abstrichen - auch in der Dritten Welt. Angesichts dessen kann es nicht verwundern, dass die Erforschung des Nationalismus in Soziologie und Geschichtswissenschaft seit den 1990er Jahren boomt. Drei neuere Einführungen in die Nationalismusforschung dürften zwar Studenten den Einstieg ins Thema erleichtern, enttäuschen aber in wichtigen Forschungsfragen.

Rolf- Ulrich Kunze bietet einen ausführlichen wissenschaftsgeschichtlichen Überblick über die Nationalismusforschung vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Leider erinnert das Manuskript mit seinen unzähligen Spiegelstrichabschnitten mehr an eine Exzerptsammlung als an einen durchgearbeiteten, zusammenhängenden Text. Außerdem mangelt es am Rückbezug auf die historiographische Praxis. Dieser ist in Siegfried Weichleins Arbeit ohne Zweifel gegeben, doch wirkt seine Auswahl von Beispielen und Quellenbelegen recht willkürlich, da sie allein dazu dienen, Typologien und Theorien der Nationalismusforschung zu widerlegen oder zu untermauern. Christian Jansen und Henning Borggräfe bewegen sich mit einem Kapitel zum deutschen Nationalismus und ihren international vergleichenden Fallstudien zu Frankreich, Schweiz und Makedonien enger an der Forschungspraxis. Allerdings geben sie nicht in allen Fragen - so zum Beispiel zum Inhaltswandel des deutschen Nationalismus im 19. Jahrhundert - den Forschungsstand zuverlässig wieder.

Nationalismustypologien

Alle drei Überblicksdarstellungen widmen sich ausführlich den klassischen Nationalismustypologien von Friedrich Meinecke bis Theodor Schieder, allerdings nur, um ihren Mehrwert für die Forschung massiv in Frage zu stellen. Vor allem Weichlein bietet ein Feuerwerk an Einzelbeispielen, die aus Schemata wie Kulturnation gegen Staatsnation oder politischer gegen ethnischer Nationalismus herausfallen. Diese „Widerlegung“ von Nationalismustypologien läuft ins Leere, weil die entsprechenden Entwürfe ohnehin nur Gültigkeit als heuristische Modelle beanspruchen können und gerade nicht die Summe historisch- empirischer Befunde sind. Die Aufgabe der Forschung ist es vielmehr, den Weg vom soziologischen Idealtypus zum historischen Realtypus zu beschreiten, wie es Jansen und Borggräfe in ihren Fallbeispielen zu Frankreich, Schweiz und Makedonien demonstrieren.

Konstruktivistische Wende

Anfang der 1980er Jahre erschien eine Reihe viel beachteter Publikationen zur Nationalismusforschung, die radikal mit den alten essentialistischen Nationsvorstellungen brachen. Die Nation sei keine anthropologische Konstante im menschlichen Bewusstsein, die zu einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte zu politischer Bedeutsamkeit „erwacht“. Sie sei vielmehr eine „vorgestellte Ordnung“ (Mario R. Lepsius) oder „imaginierte Gemeinschaft“ (Bendeict Anderson), die von Einzelpersonen oder Gruppen in Diskursen und sozialen Praktiken aktiv konstruiert werde. Der Nationalismus erschaffe die Nation und nicht umgekehrt.

Die Rezeption dieses Paradigmenwechsels bleibt in den Überblicksdarstellungen von Kunze, Weichlein und Jansen/ Borggräfe häufig erstaunlich unkritisch und oberflächlich.

Erstens sind Zweifel an der Neuheit der konstruktivistischen Thesen von Anderson und Co. angebracht. Die Ablehnung, Nation über objektive Merkmale wie Sprache, Kultur, Rasse, Territorium und so weiter zu definieren, findet sich schon im Urtext der Nationalismusforschung, - in Ernsest Renans (1823- 1892) Was ist eine Nation? (1882). Auch Max Weber verzichtete auf einen Merkmalskatalog und erkannte in der Nation die „Loyalitätszumutung“ der Nationalisten.

Zweitens tendieren alle drei Überblicksdarstellungen dazu, die konstruktivistische Wende in der Nationalismusforschung kulturgeschichtlich zu verkürzen. Vielfach gewinnt man den Eindruck als sei der Nationalismus schlicht das Produkt seiner eigenen Geschichtsnarrative, Mythen und Feindbilder. Die wichtigsten Vertreter der konstruktivistischen Wende lassen sich für solche Tautologien nicht in Anspruch nehmen. Sie haben die Entstehung von Nationen durchaus an sozialgeschichtliche „hard facts“ gebunden: Bei Benedict Anderson sind es technische Innovationen, die eine neue Erfahrung von Raum, Zeit und Sprache ermöglichen. Bei Karl W. Deutsch ist es die Medien- und Kommunikationsrevolution, welche die Entstehung eines „nationalen“ Diskurses überhaupt erst ermöglichte. Bei Ernest Gellner ist es die Industrialisierung, die eine kulturelle Homogenisierung oberhalb der lokalen und regionalen Ebene erforderlich machte. Die Nationalismusforschung wäre schlecht beraten, sich ausschließlich einer „neuen Kulturgeschichte“ unterzuordnen, die sozialgeschichtliche „hard facts“ grundsätzlich ignoriert.

Drittens ist auch eine konstruktivistische Nationalismusforschung nicht davor gefeit, in anthropologische und essentialistische Argumentationsmuster zurück zu fallen. So behaupten Jansen und Borggräfe zum Beispiel: „Jeder Nationalismus strebt neben politischer Emanzipation Machtzuwachs auf Kosten anderer Völker und Nationen an. Nationalistisches Denken geht immer von der Höherwertigkeit der eigenen Nation aus. Also war bereits die frühe deutsche Einigungsbewegung nationalistisch, und es gab immer (…) einen Radikalnationalismus.“ (S. 35) Diese These widerspricht nicht nur dem Forschungsstand, sie ersetzt auch historisches Erklären durch den Verweis auf angebliche anthropologische Notwendigkeiten und geht damit einem Deutungsmuster der Nationalisten auf den Leim.

Nationalismus nur im „langen 19. Jahrhundert“?

Alle drei Überblicksdarstellungen arbeiten mit einer ähnlichen Periodisierung, die das „lange 19. Jahrhundert“ als klassisches Zeitalter des Nationalismus annimmt. Alles, was vor der Französischen Revolution liegt, sei noch nicht nationalistisch und alles, was jenseits des Ersten Weltkriegs liegt, sei nicht mehr nationalistisch im klassischen Sinne.

So wird das Erbe des Protonationalismus seit dem 15. Jahrhundert unterschätzt und nicht beachtet, dass die nationsbildenden Ereignisse zum Beispiel für England und die USA vor 1789 lagen. Es mag sein, dass „es wenig Sinn macht, vor der Moderne von Nationalismus zu sprechen“. (Jansen/ Borggräfe, S. 25) Jedoch konstruiert der Nationalismus die Nation nicht einfach aus „erfundenen Traditionen“ (Eric Hobsbawm), sondern folgt der „Tradition der Erfindung“ (Andreas Suter), indem er auf ältere Mythen, Loyalitäten und Vorstellungen zurückgreift. Der Integration vornationaler Traditionsbestände in den Nationalismus widmet sich Anthony D. Smiths Theorie des Ethnonationalismus, die von den drei besprochenen Überblicksdarstellungen leider ignoriert oder verworfen wird.

Fataler als die Bemühungen, die Frühe Neuzeit aus der Nationalismusforschung herauszuhalten, ist die Ignoranz gegenüber der Zeitgeschichte. Weichlein behauptet, vom Nationalismus des 19. Jahrhunderts führe "kein gerader und direkter Weg zum Nationalismus des 20. Jahrhunderts". (S. 142) Doch so einfach lässt sich der Nationalismus nicht von den üblen Kontinuitätslinien zu Rassismus, Nationalsozialismus und Faschismus befreien. Der Erste Weltkrieg hat nicht den Radikalnationalismus hervorgebracht, er war bereits sein Ergebnis. Ansätze, den Nationalismus des 20. Jahrhunderts in die Forschung einzubeziehen, finden sich lediglich bei Jansen und Borggräfe und selbst dort nur in Form eines "Ausblicks".

Literatur

Rolf- Ulrich Kunze, Nation und Nationalismus, Darmstadt 2005.

Siegfried Weichlein, Nationalbewegungen und Nationalismus in Europa, Darmstadt 2006.

Christian Jansen/ Henning Borggräfe, Nation - Nationalität - Nationalismus, Frankfurt a.M. 2007.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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