Neapel erstickt erneut im Müll

Napoli - Wagenbach
Napoli - Wagenbach
Norditalien verweigert die Aufnahme des Unrats. Ärzte befürchten inzwischen den Ausbruch von Seuchen.

„Es macht Spaß, durch die engen Gassen des alten spanischen Viertels zu streifen. Nach jeder Ecke eröffnet sich ein anderer Blick und für Fotografen eines neues Motiv“. Es klingt heutzutage wie Hohn, was ein Reiseführer über das neapolitanische „Quartiere spanioli“ geschrieben hat. Die italienische Tageszeitung „La Repubblica“ wusste in ihrer Sonntagsausgabe vom 26. Juni 2011 anderes zu berichten. Weil die engen Gassen des einst romantischen Viertels vom meterhohen Müll blockiert waren, der Gestank unerträglich wurde und keine Administration zu helfen wusste, haben die Einwohner zur Selbsthilfe gegriffen: „Schüler, und Studenten, Arbeiter, Hausfrauen haben Straßenfeger-Kolonnen gebildet“ . Doch auch sie blieben letzten Endes mit der Frage allein – wohin mit dem Unrat? Denn in ganz Neapel eskaliert die Müllkrise: Rund 2.500 Tonnen türmen sich in den Straßen der Stadt, etwa 10.000 in der gesamten Region Kalabrien.

Jetzt brennt der Müll in den Straßen

Sarkastisch sind inzwischen die Kommentare der Einwohner angesichts einer Krise, die nicht von heute auf morgen über „Mia bella Napoli“ gekommen ist. Ein heute 16 Jahre alter Halbwüchsiger, sagen sie, der kenne seine Heimatstadt eigentlich nur vollgemüllt. Früher, da haben sie den Abfall ins Meer geworfen – der Golf von Neapel sieht danach aus. Dann wurden nördlich der Stadt zwei Verbrennungsanlagen gebaut – für die Millionenstadt ein Tropfen auf den heißen Stein. Jetzt fangen die Einwohner an, den Müll in den Straßen anzuzünden, und es entwickelt sich in der sommerlichen Hitze ein unerträglicher Gestank. Und ein starkes Umsatzplus für häusliche Klimaanlagen…

Berlusconi ergeht sich in „Dekreten“

Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi hatte vor Monaten schon Abhilfe versprochen. Nichts war geschehen. Jetzt soll am 30. Juni 2011 von der Regierung ein „Dekret“ verabschiedet werden, dessen Ausführung für Abhilfe sorgen soll. In Neapel glaubt keiner mehr daran. Zwischendurch war erwogen worden, die Armee solle Neapels Müll in den Norden des Landes und dort in nicht ausgelastete Depots und Verbrennungsanlagen schaffen. Das scheiterte am Veto der Lega Nord des Umberto Bossi, Koalitionspartner von Berlusconi in Rom. „Wir wollen den Müll von Neapel nicht. Norditalien kann die Probleme des Südens nicht lösen“, sagte Bossi.

Die Camorra ist in den Startlöchern

Und so argwöhnt der neue neapolitanische Bürgermeister Luigi de Magistratis, Berlusconi und dessen Regierung scherten sich einen Dreck um den Dreck. Es gebe wohl „gewisse Kreise“, die sich wünschten, dass Neapel „unter Müll begraben liegt“. Aus politischen wie aus kriminellen Gründen. Damit hob er einerseits offenbar darauf ab, dass er bei den jüngsten Kommunalwahlen als Kandidat der „Mitte-links-Koalition“ den Vertreter der Berlusconi-Partei aus dem Feld geschlagen hatte – und es war andererseits ein Hinweis auf mafiose Manipulationen. Denn das war in der Vergangenheit immer so: Wenn die Müllprobleme am Golf überhand nahmen, waren umgehend die Drahtzieher der Camorra zur Stelle und schafften Abhilfe. Für teures Geld.

Ärzteschaft erwägt jetzt eine Sammelklage

Der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano hat die Politiker dringend ermahnt, rasch zu handeln. Und angesichts der wachsenden Seuchengefahr will eine Gruppe von Ärzten mit einer Sammelklage gegen die säumigen römischen Politiker vorgehen. Sie sehen – auf fahrlässige Weise – die öffentliche Gesundheit gefährdet.

Weitergehende Informationen: La Repubblica (in italienischer Sprache).

Klaus J. Schwehn, Klaus J. Schwehn

Klaus J. Schwehn - Daß ich Journalist geworden bin, verdanke ich dem Umstand, daß mir meine Eltern kein Studium finanzieren konnten. (Ich ...

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