
- Necrophobia 1 - http://www.lpl.de/
Natürlich lädt der wohl bewusst provokante Untertitel „Die besten Horrorgeschichten der Welt“ zum Augenrollen ein, werden wir doch medial unablässig mit Superlativen überschüttet, die uns weismachen wollen, dieses oder jene Produkt, Film oder Buch sei das Nonplusultra.
Doch auch wenn sich über Geschmack streiten lässt: Die erste Ausgabe der Reihe „Necrophobia“ zählt zweifellos zum Besten, das der Hörbuch-Markt zu bieten hat.
Achtung! Abspielen auf eigene Gefahr!
Bereits die Geschichtenauswahl zeugt von Professionalität: Anstatt, was nahe gelegen hätte, sich einfach bequem aus dem üppigen Fundus eines Stephen King zu bedienen und dessen Namen marktschreierisch mit riesigen Lettern aufs Cover zu hieven, wurde umsichtig und sorgfältig ausgewählt. Sechs Kurzgeschichten von sechs Autoren, darunter ein Deutscher, finden sich in ungekürzter Lesung auf 2 CDs.
Fantastische Sprecher
Gelesen werden diese von bekannten Synchronsprechern wie Joachim Kerzel, bekannt als deutsche Stimme von Jack Nicholson, oder Nana Spier, die man vor allem als Stimme von Drew Barrymore kennt. Allen Sprechern gemeinsam ist ihre Hingabe an die Texte, die nicht einfach vom Blatt gelesen, sondern leidenschaftlich interpretiert werden. Der Leser wird so von Beginn an in das Geschehen hineingezogen.
Die Geschichten
Den Anfang macht Briam Lumley mit „In der letzten Reihe“, einer augenzwinkernden Verbeugung vor dem Kino. Danach bedient Joe R. Lansdales „Mein toter Hund Bobby“ ekelverwöhnte Gaumen. Allerdings sollte man diese Geschichte nicht unmittelbar vor dem Essen konsumieren …
In keiner Horrorsammlung fehlen darf natürlich Howard P. Lovecraft. In „Pickmans Modell“ ergründet ein Kunstliebhaber unfreiwillig das Geheimnis hinter den abscheulichen Gemälden eines wie vom Erdboden verschluckten Malers alptraumhafter Szenerien. Zwar merkt man dem Text auf Grund des verschnörkelten Stil sein Alter an, was jedoch der Faszination für die Phantasmagorien eines H. P. Lovecraft keinen Abbruch erteilt.
Meyrink fällt ab
Ausgerechnet der Beitrag des einzigen deutschsprachigen Autors, dem inzwischen fast in Vergessenheit geratenen Österreicher Gustav Meyrink, hinterlässt einen etwas schalen Nachgeschmack: Potenziell spannend, fehlt dem Text eine Pointe oder wenigstens ein die Handlung abrundender Schluss.
Hingegen weiß „Der Pelzmantel“ von Richard Laymon voll und ganz zu überzeugen. Fanatische Tierschützer machen Jagd auf Pelzmäntel tragende Frauen – und schrecken dabei vor keiner drastischen Strafe für deren „Fehlverhalten“ zurück … Laymon setzt dabei auf eine mitunter poetische, wehmütige Sprache, sowie einen in der Gegenwart angesiedelten Plot, der lediglich auf die Spitze getrieben wird. Gerade dadurch wirkt das Horrorelement umso beklemmender – eine Geschichte, die unter die Haut geht.
Reichlich Blut fließt in der letzten Geschichte: „Ein gefundenes Fressen“ handelt von zwei hoffnungslos verschuldeten Schweinezüchtern, die in ihrer Verzweiflung eine letzte, grausige Tat begehen … Graham Masterton genießt auch dank seiner Kurzgeschichten einen hervorragenden Ruf, den er mit diesem Text eindrucksvoll untermauert. Die Entwicklungen der Geschichte sind völlig unvorhersehbar und entfalten an manchen Stellen eine poetische Grundstimmung, die man diesem Thema kaum zugetraut hätte.
Genre-Referenz
„Necrophobia“ legt die Messlatte für ähnliche Hörbuch-Projekte enorm hoch. Eine größtenteils gelungene Geschichtenauswahl, die Crème de la crème deutscher Synchronsprecher, ein erfrischend innovatives Cover, ungekürzte Lesungen – ein solch hochwertiges Paket rechtfertigt den auf den ersten Blick doch happigen Preis für 2 CDs völlig.
Necrophobia 1 – Die besten Horrorgeschichten der Welt. LPL records. 2 CDs. Spieldauer: 2 Stunden und 17 Minuten. Euro 19,95.
