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Negative Folgen der Fremdbetreuung von Kleinkindern

Heile Familienwelt - Simona Balint on stock.xchng
Heile Familienwelt - Simona Balint on stock.xchng
Unter Dreijährige werden zunehmend in Kitas oder Kinderkrippen betreut. Studien zeigen, dass dies für Babys und kleine Kinder schädlich sein kann.

Die Betreuung von kleinen Kindern und sogar Babys in Kindertagesstätten, Krippen und anderen außerhäuslichen Betreuungsangeboten gilt als wichtige Errungenschaft der Moderne. Sie ermöglicht Müttern und Vätern, Kindererziehung und berufliche Tätigkeit miteinander zu vereinbaren und unterstützt die Emanzipation der Frau, welche nun freier zwischen einem Dasein als Hausfrau und dem einer berufstätigen Mutter entscheiden kann – oder beides in Kombination. Gesellschaftlich ist dies inzwischen weitgehend anerkannt – unter Umständen geht es sogar so weit, dass Eltern, die ihre Kinder bis zum Kindergarteneintritt selbst betreuen wollen, sich dafür rechtfertigen müssen. Wenn sich auch manchmal noch immer ein ideologischer Graben durchs Land zu ziehen scheint, der “Glucken” von “Rabenmüttern” trennt, so geht die Tendenz (mit finanzieller Förderung der Politik und zur Freude der Wirtschaft) ganz klar hin zur Fremdbetreuung von Kindern. Selbst wem diese Entwicklung Sorgen macht, wird sie doch als unvermeidbar hinnehmen.

Der auf Tasmanien lebende Familientherapeut Steve Biddulph, auch als Autor zahlreicher Erziehungsratgeber bekannt, sieht diese Entwicklung sehr kritisch. In seinem Buch „Das Geheimnis glücklicher Babys: Kinderbetreuung - ab wann, wie oft, wie lange?“ erklärt Biddulph, wie zu frühe und zu lange Fremdbetreuung Kinder in ihrer Entwicklung beeinträchtigt und wieso unsere Gesellschaft ihre Vorstellungen von Kinderbetreuung überdenken sollte.

Kinder im Dauerstress

Biddulph weist hierbei unter anderem auf neurobiologische Studien hin, die eine deutlich erhöhte Stressbelastung von in Kitas/Krippen gruppenbetreuten Kleinkindern unter zwei Jahren zeigen. Dabei gilt: je länger die Fremdbetreuung, desto höher die gemessenen Cortisolwerte und das damit verbundene Ansteigen von aggressivem Verhalten und Ängsten. Da die Entwicklung des Gehirns sich zu diesem Zeitpunkt in einer entscheidenden Phase befindet, prägen sich von Stress, Anspannung, Ängsten und Aggression geprägte negative Gefühls- und Verhaltensmuster ins Gehirn ein. Laut Biddulph führt dies zu einer erhöhten zukünftigen Veranlagung für Depressionen, Ängste, Abhängigkeiten, Beziehungs- und Motivationsproblemen. Der deutsche Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann sieht sogar einen Teufelskreis, denn: „Mütter, die als Kinder selber einen Mutter- beziehungsweise Liebesmangel erlebt haben, zum Beispiel durch eine zu frühe Fremdbetreuung, sind kaum in der Lage, einfühlsam die Bedürfnisse ihrer Kinder wahr zunehmen“ (Äußerung beim Symposium „Familie unter Druck“ in Erfurt am 9. Mai 2009).

Was spricht für die Betreuung in Kitas und Kinderkrippen?

Neben den problematischen Aspekten der außerhäuslichen Betreuung werden auch immer Vorteile für die Kinder genannt – so soll der Kita-Besuch zum Beispiel eine schnellere sprachliche und kognitive Entwicklung bewirken. Schaut man sich die Ergebnisse der Studien genau an, zeigt sich aber, dass diese Vorteile nur kurz- bis mittelfristig gelten – spätestens kurz nach Schulbeginn haben die zu Hause betreuten Kinder den scheinbaren Rückstand wieder aufgeholt. Vor allem aber zeigen sich die sprachlich-kognitiven Fortschritte insbesondere bei Kindern aus benachteiligten Elternhäusern mit niedrigem sozio-ökonomischem Status.

Mit anderen Worten: Es sind vor allem Kinder aus benachteiligten, ärmeren Familien, die von einem frühen Beginn der Betreuung in Kitas und Kinderkrippen profitieren – nicht, weil diese besonders entwicklungsfördernd wären, sondern, weil die häusliche Situation in dieser Bevölkerungsgruppe überdurchschnittlich oft problematisch ist (übermäßiger Fernsehkonsum, Vernachlässigung). Die so oft zitierten positiven Auswirkungen von Betreuungseinrichtungen auf Sprach- und kognitive Entwicklung treffen auf das Durchschnitts-Kind aus stabilem Elternhaus mit fürsorglichen Eltern weniger zu. Außerdem trat der positive Effekt nur ein, wenn die Kinder erst im Alter von 18 bis 35 Monaten in Betreuungseinrichtungen gegeben wurden. Lag der Eintritt bereits in den ersten 17 Monaten, verlangsamte sich die kognitive Entwicklung gegenüber den häuslich betreuten Kindern sogar.

Zudem stellt sich die Frage, was man unter Entwicklungsfortschritten versteht. Lässt man bereits Drei- bis Vierjährige Buchstaben und geometrische Formen intellektuell üben, werden diese darin natürlich anderen Kindern voraus sein, die nicht dermaßen „trainiert“ wurden. Ob damit die kognitive Entwicklung sinnvoll und nachhaltig gefördert wird, darf aber bezweifelt werden. Immer mehr und immer frühere Förderung kann auf lange Sicht mehr schaden als nutzen, insbesondere wenn kindliche Entwicklungsphasen und kindgerechte Herangehensweise dabei ignoriert werden – eine Tatsache, die bekannte Hirnforscher wie Hüther oder Spitzer deutlich betonen, was die Politik geflissentlich übersieht.

Was Kinder wirklich brauchen

Keine Einrichtung für Kinderbetreuung, und sei sie noch so gut, bietet unter Dreijährigen, was sie wirklich brauchen: eine liebevolle eins-zu-eins Betreuung durch eine geduldige, einfühlsame Bezugsperson, die sich gerne und ausreichend mit dem Kind beschäftigt und eine anregende, sichere Umgebung schafft. Idealerweise sind das die Eltern oder nahe Verwandte. Viele Eltern können dies aber nicht leisten. Entweder, weil sie aus finanziellen oder persönlichen Gründen arbeiten müssen oder weil sie ohne berufliche Tätigkeit unglücklich oder sogar depressiv werden (in letzterem Fall ist eine (eingeschränkte) Fremdbetreuung sicher die bessere Lösung). Auf jeden Fall haben viele Eltern keine andere Wahl, als ihre Kinder schon sehr früh in eine Kinderbetreuungs-Einrichtung zu geben und das Letzte, was diese Eltern brauchen sind Schuldgefühle.

Trotzdem dürfen die Erkenntnisse über die Nachteile von Fremdbetreuung nicht einfach ignoriert werden. Familien benötigen insgesamt mehr Unterstützung. Familienfreundliche Politik sollte nicht bloß bedeuten, mehr in Betreuungsangebote zu investieren und unter anderem den Betreuungsschlüssel deutlich zu verbessern, sondern auch Familien zu unterstützen, die ihre Kinder in den ersten drei Jahren Zuhause betreuen möchten. Ein nigerianisches Sprichwort sagt: Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen – und heutzutage stehen die meisten Eltern ziemlich allein da.

Quellen und verwandte Artikel

Martin Bohn, Martin Bohn

Martin Bohn - Als ausgebildeter Yogalehrer schreibe ich nebenher Artikel für verschiedene Yogazeitschriften in Deutsch und Englisch. Hauptberuflich ...

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