
- Neil Gaiman: Das Graveyard-Buch - Arena
Nobody "Bod" Owens, der Protagonist in Neil Gaimans neuestem Werk "Das Graveyard-Buch", ist ein außergewöhnlicher Junge. Nicht nur, dass er mit anderthalb Jahren einem blutrünstigen Mörder entkommt und seitdem auf einem Friedhof wohnt. Nein, in Ermangelung seiner eigenen Familie, die damals dem Mörder zum Opfer gefallen ist, wird er von den zahlreichen auf dem Friedhof hausenden Geistern großgezogen, erhält Unterricht von einer Werwölfin und Lebenserfahrung durch den schweigsamen Einzelgänger Silas, der weder zum Reich der Lebenden noch dem der Toten gehört. Bod weiß nichts über seine Herkunft und seine kurze Vergangenheit; er weiß nur, dass der Friedhof seine Heimat ist, sein Reich, seine Sicherheit. Denn hier, inmitten des bizarren Zaubers der Nacht, ist er geschützt vor dem Mörder Jack, der ihm immer noch auf den Fersen ist.
Graveyard: Nobody Owens wächst mit Geistern und Vampiren auf Friedhof auf
Bods Welt ist begrenzt. Und doch ist sie um vieles weiter als die der "normalen“ Kinder jenseits der Friedhofsmauern. Isoliert und doch ein eigenes Universum, eine Welt mit Untiefen und vielschichtigen Dimensionen. Geister, Vampire, Werwölfe, tote Hexen und Ghule bevölkern diese Welt und tragen äußerst menschliche Züge – liebenswert und knorrig, Respekt einflößend und unerwartet sensibel. Es könnte eine behütete Welt sein, in der Bod aufwächst, wäre er nicht in einer Hinsicht ganz so, wie seine Altersgenossen in der Welt draußen – ein Lausebengel mit Hang zu Selbstüberschätzung. Und so entkommt er der nächtlichen Friedhofsidylle immer wieder, gerät vor die Tore Ghulheims und ebenso in die – weit gefährlichere – Welt der Menschen.
Bedrohung für den Jungen Bod - Der Mörder Jack kommt zurück
Er begegnet Habsucht, Verschlagenheit und Härte, aber ebenso auch Freundschaft, Mut und Treue. Er geht zur Schule, fasst Fuß in der Menschenwelt – und bleibt doch Bod, der Einsame. Denn wer von Geistern erzogen wird und in einer Totenkapelle wohnt, trägt immer die Nacht in sich, kann nie ganz im Tag zu Hause sein.
Und dann kommt Jack, der Mörder, und er hat weitere Jacks im Schlepptau. Um zu beenden, was dreizehn Jahre zuvor misslang. Um den persönlichen Rachedurst zu stillen. Um Bod zu töten. Es wird ein Kampf, der so viel mehr bedeutet als nur Bods Leben, denn es geht auch um Dinge, die begannen, lange bevor Bod geboren wurde. Der Kampf ist ein Grenzpunkt in vielerlei Hinsicht, denn er bedeutet Ende und Neuanfang, Verlust und Finden, und er leitet den Wandel ein, der Bod erkennen lässt, was es heißt zu leben.
Autor Neil Gaiman schreibt für Jung und Alt
Neil Gaiman ist ein Meister des Fantasy-Genres. Mit "Niemalsland", "Coraline", "Ein gutes Omen" (zusammen mit Terry Pratchett), "American Gods" und "Anansi Boys" hat er längst bewiesen, dass er mit dem Makabren zu malen versteht wie ein Künstler mit Farben. Gaiman zeichnet mit feinsinnigem Strich – düster, plastisch und mit intelligentem, dabei aber auch für jüngere Leser verständlichem Witz. Gaiman ist ein Autor großer Effekte und subtiler Nuancen, markanter Spannungsbögen und zarter Figurenzeichnung. Nie war ein Friedhof lebendiger als in Gaimans neuem Buch. Nie war er heimeliger.
Leider hat der Arena-Verlag die Illustrationen von Dave McKean nicht in die deutsche Ausgabe übernommen. Und rätselhaft bleibt, warum der Verlag den Titel der englischsprachigen Originalausgabe, "The Graveyard Book", nur halb übersetzt hat – und ausgerechnet den englischen Begriff belassen hat, den nicht des Englischen mächtige Leser am wenigsten verstehen dürften. "Das Friedhofs-Buch" hätte so schlecht auch wieder nicht geklungen.
Neil Gaiman: Das Graveyard-Buch. Deutsch von Reinhard Tiffert. Arena-Verlag 2009. Gebunden, 312 Seiten. Euro 16,95.
