Horror auf RTL2: Dokusoap "Die Mädchengang"

Gibt es Auswege aus dem Leben mit Drogen, Sex, Alkohol und Knast?

Coaches von Die Mädchengang - RTL II
Coaches von Die Mädchengang - RTL II
In der achtteiligen Serie auf RTL2 hofften sechs missratene junge Frauen, deren Leben bis dahin nicht so gut gelaufen ist, auf Unterstützung von Fachleuten.

Während ProSieben mit "Germanys Next Topmodels“ und "Die Model-WG“ schicke junge Frauen präsentiert, die sich durch gutes Aussehen, Willen zur Leistung sowie größtenteils auch gutes Benehmen eine Karriere im Modelfach erkämpfen wollen, greift RTL2 in die eher untere Schublade, um sein Publikum zu unterhalten: Der Münchener Sender stellte seinen Zuschauern in der ersten Folge der Dokusoap "Die Mädchengang“, die am 22. Februar 2010 um 20:15 Uhr startete, Protagonistinnen vor, die sich mittels der Zahl ihrer gegen sie laufenden Strafanzeigen in Szene setzten.

Um was geht es in "Die Mädchengang" auf RTL2?

Sechs straffällig gewordenen und schlechter gestellten jungen Menschen den Weg in eine bessere Zukunft zu ebnen, das ist das Ansinnen von "Die Mädchengang“ und RTL2. Der Sender hat sechs junge Frauen ausfindig gemacht und sie für drei Wochen in eine Einrichtung im Eifeldörfchen Malberg an der Kyll im Eifelkreis Bitburg-Prüm eingeladen. Dort trafen die jungen Frauen auf die Psychologin Susann Szyszka und den Anti-Gewalt-Coach Ralf Seeger. Der Zuschauer darf über insgesamt acht Folgen miterleben, ob die beiden Fachleute bei den jungen Frauen etwas erreichen.

Wer sind die Kandidatinnen? Ein Blick auf Vanessa und Laura

Vanessa aus Köln, 16, ist von eher kleiner Statur, hat aber eine umso größere Klappe. Sie sieht sich nach eigenen Angaben nicht als böses Mädchen, obwohl sie schon 35 Anzeigen auf sich vereinen konnte. Darunter Delikte wie Freiheitsberaubung, Körperverletzung und Räuberische Erpressung. Dass sie schnell ausflippt ist wohl auch ein Charakterzug, der Mitschuld an diesem Straftatenregister trägt. Vanessa begrüßte Laura, 17, eine Hauptschülerin mit ganz klarer Vorstellung von ihrer Zukunft: Mit 18 ausziehen, sich das Leben von Hartz 4 bezahlen lassen und dann Party machen. Ein erster Knastaufenthalt hat da wohl nicht gefruchtet, denn auch ihr Strafregister liest sich wie das von Vanessa. Selbst einen Besuch in der Psychiatrie und Erfahrungen mit Drogen hat sie schon hinter sich: "Richtiges Koks ist zu teuer für mich, darum muss ich Gestrecktes ziehen."

Kiki aus Chemnitz und Jeanette aus Gelsenkirchen treffen sich in Malberg

Die russischstämmige Kiki ist 16, kommt aus Chemnitz und ist zu Hause nie ohne eine Flasche Wodka und einen Schlagring anzutreffen. Ihr fällt schwer, ihre Aggressionen unter Kontrolle zu halten. In ihren Kreisen übernimmt sie meist die Anführerrolle. Jeanette aus Gelsenkirchen,18, versteht sich gar nicht mehr mit ihrer Mutter Anja. Sie lässt sich aus Angst vor einer Zukunft im Knast auf das Experiment "Die Mädchengang“ ein, will nie Opfer sein: Geprägt wurde sie durch die Prügel, die ihre Mutter vom Ehemann bezog. Jeanette liebt es, Leute zu erniedrigen, hat ihre Stöckelschuhe schon einmal dazu benutzt, das Gesicht eines anderen Menschen zu verletzen und kann auf eine ähnliche Vita zurückblicken wie die fünf anderen Mädchen aus der Gang.

RTL2 bietet eine Beinahe-Totschlägerin und eine Zwanzigjährige mit drei kleinen Kindern

Carina aus Stuttgart hat mit ihren 19 Jahren schon 30 Anzeigen gesammelt, mit denen sie sich auseinandersetzen musste: Körperverletzung und sogar versuchter Totschlag sind darunter. Wer ihr nicht zuhöre, so die junge Frau, laufe Gefahr, Schläge zu beziehen. Doch der tragischste Fall ist wohl Jessica, weil sie mit ihren 20 schon drei Kinder (derzeit 4, 2, 1 Jahr alt) zur Welt brachte, die bei Pflegefamilien leben. Die Punkerin mit halb weißer, halb schwarzer Frisur nahm Drogen und ist in ihrem Verhalten unkontrollierbar und aggressiv. Kommt es zu Ausbrüchen, haben sogar ihre Freunde Angst vor der jungen, derzeit perspektivlosen Frau. Und kaum, dass die sechs Damen sich kennengelernt haben, geht es mit den Zickereien, Hetzereien und Pöbeleien auch schon los.

Die erste Folge: Der Einzug in eine Prachtvilla und Mobbing in der Nacht

Ein Wohnzimmer mit Flachbildschirmgroßfernseher und edlen Ledersofas, komfortable Doppelschlafzimmer, eine Einbauküche in warmer, orangefarbener Farbgebung sowie den teuerstmöglichen Elektrogeräten, einem großen, zentralen Esstisch und einer Raumgestaltung im mediterranem Look. Ein hochwertiger Holzdielenboden, ein Wellnessbereich, gemütliche Kachelöfen – so lässt es sich aushalten. Doch respektlos, wie Kiki und Jeanette nun mal sind, wird in der ersten Nacht richtig gemobbt: Carina, kopfschmerzgeplagt, darf nicht schlafen, weil Kiki Party machen will und den Schlaf der Zimmernachbarin stört: Musik vom Handy, Eindringen ins Zimmer, Getanze und kein Respekt: „Was kann ich denn dafür, dass Du Kopfschmerzen hast?“ Gelächter, Hohn.

Die Suche nach neuen Opfern steht bei Mädchen wie Kiki im Vordergrund

Eben diese verdrehte Sicht der Dinge ist es, die oft bei solchen Menschen zu finden ist und letztlich auch für den Lebensweg dieser Art verantwortlich zeichnet. Laura bezweifelt, es in diesem luxuriösen Ambiente ohne Tankstelle und andere großstadtähnliche Attraktionen drei Wochen aushalten zu können; doch wenn es darum geht, über ihre Mitkandidatinnen herzuziehen, ist sie groß: "Carina, die sieht doch wie Hartz 4 aus.“ Coach Ralf Seeger umreißt die Aufgabenstellung; er will den Mädchen zeigen, wo im Leben die Eier hängen. Was vor allem bei Kiki nötig ist, denn anlässlich der überraschenden Durchsuchung des Gepäcks nach Alkohol, Waffen und Drogen rastet sie völlig aus, weil sich ihr Koffer nicht mehr schließen lässt.

Die Zielsetzung der Coaches von "Die Mädchengang"

Diplom-Psychologin Susann Szyszka will die Mauer durchbrechen, die die Mädchen umgibt und will ihnen dabei helfen, ihre Schwächen, aber auch Stärken zu entdecken. Bodyguard Ralf Seeger will die jungen Frauen vor dem Abrutschen in den Knast bewahren. Doch ob dies angesichts der Nachteile, die 35 Anzeigen und drei Kinder in so frühen Jahren im Alltag und der Arbeitssuche nun mal mit sich bringen, gelingen kann, darf getrost bezweifelt werden. Die Drill-Sergeants Michael und Lutz unterstützen die Coachs, in dem sie den jungen Frauen klarmachen werden, wie wichtig Teamwork, Verantwortungsbewusstsein und Zuverlässigkeit sind. Benimmcoach Reinhold Guppenberger versucht, Anstand, gutes Benehmen und Höflichkeit zu vermitteln.

Azad als Stargast von "Die Mädchengang"

Alternativen zu ihren Gewaltausbrüchen will den Frauen Kiki, Jeanette, Laura, Carina, Vanessa und Jessica der Stargast der Show aufzeigen: Straßenrapper Azad schaffte 2007 den Durchbruch mit dem Song "Ich glaub an dich“. Der gebürtige Kurde wuchs im Problembezirk Frankfurt Nordweststadt auf. Dort war er selbst kein unbeschriebenes Blatt, schaffte aber rechtzeitig den Absprung. Mittlerweile engagiert sich der Familienvater sogar für Jugendliche aus sozialen Brennpunkten. Er will den Mädchen ein authentisches Vorbild sein.

Kein Nutzen für den Zuschauer

Während ProSieben mit "Germanys Next Topmodel“ und "Die Model WG“ attraktive junge Frauen und ebenso verlockende Locations zeigt, weidet sich RTL2 im Vorführen von Menschen unter dem Deckmäntelchen des Helfenwollens und macht Programm für Gaffer; für Leute, die selbst nichts auf die Reihe kriegen. "Die Mädchengang“ bedient dieselben voyeuristischen Gelüste, wie "Big Brother“ oder "Frauentausch" – in ähnlichen Gesellschaftsschichten. Tatsächlich werden die Empfindungen und sowieso schon schwierigen Lebensumstände der jungen Frauen zur Schau getragen und ausgeschlachtet. Einen Nutzen kann der Zuschauer, der vielleicht selbst von einem solchen Schicksal betroffen ist, nicht aus dem Format ziehen.

"Die Mädchengang": Ex-Knackis als Vorbilder für die Jugend?

An wen oder wohin er sich wenden kann, bevor ein Kind straffällig wird, verrät "Die Mädchengang“ auf der sendungseigenen Website nur unter dem Punkt Erziehungsberatungsstellen. Drogen, Sex, Gewalt und Alkohol bestimmten bislang den Alltag der jungen Frauen, die so mehr Zeit auf der Polizeiwache als in der Schule verbrachten. Wenn sie ihr Leben nicht von Grund auf ändern, ist ihr Weg ins endgültige Abseits vorgezeichnet – Endstation Knast! Ob die jungen Frauen aus dem dreiwöchigen Leben im Luxus tatsächlich etwas Positives ziehen?

Vielleicht sollten sie mit Menowin Fröhlich oder Helmut Orosz sprechen, zwei Teilnehmern aus der siebten Staffel von "Deutschland sucht den Superstar", die auch Erfahrungen im Knast gesammelt haben. Sehen so die Vorbilder für die Jugend der heutigen Zeit aus? RTL2 sagt, vier Mädels würden nach Ende der Sendung wieder auf der Schulbank sitzen. Ob das auf Dauer so bleibt?

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